Ein Protest, der alle angeht

YACAP/Marie Jacquemin
Die philippinische Aktivistin Mitzi Jonelle Tan protestiert beim UN-Klimagipfel 2021 im schottischen Glasgow gegen die Fossilindustrie.
Erderhitzung
„Fridays for Future“ ist eine globale, gut vernetzte Bewegung junger Leute. Obwohl es Aktivisten im globalen Süden oft schwer  haben, finden sie eigene Wege, auf Klima­ungerechtigkeit aufmerksam zu machen und die Regierenden zum Handeln aufzufordern. 

Zur Klimaaktivistin wurde die Philippinin Mitzi Jonelle Tan nach einem Gespräch mit dem Führer der Lumad-Indigenen: Er schilderte der damaligen Studentin im Jahr 2017, wie die Lumad diskriminiert, vertrieben und getötet würden, nur weil sie ihr Land verteidigten. „Da wurde mir klar, dass wir kollektives Handeln brauchen, um einen Systemwandel zu bewirken“, sagt Mitzi. 

2019 gründete die heute 25-Jährige zusammen mit anderen die „Fridays for Future“-Bewegung (FFF) auf den Philippinen sowie die YACAP-Alliance (Youth Advocates for Climate Action Philippines). „Wir haben damals gemerkt, dass die jungen Leute etwas fürs Klima tun wollen“, erzählt Mitzi am Telefon. Während des Interviews ist sie in der Metropolregion von Manila unterwegs, man hört Straßenlärm und Menschen im Hintergrund. YACAP ist ein Zusammenschluss von Einzelnen und studentischen Organisationen, von denen jede etwa 20 bis 50 Mitglieder hat, erklärt Mitzi. FFF sei seit der Gründung in der Hauptstadt Manila auf 20 Gruppen in drei Inselregionen angewachsen. 

Mitzi ist inzwischen „Vollzeit-Aktivistin für Klimagerechtigkeit“, und das glaubt man ihr sofort: Auf Bildern in den sozialen Netzwerken sieht man sie beim UN-Klimagipfel COP27 in Ägypten demonstrieren, als Rednerin bei der UN-Umweltkonferenz Stockholm +50 oder als Interviewte bei Webinaren zu Klimathemen – aber auch als ganz normale 25-Jährige, die gerne tanzen geht oder sich mit Freunden trifft. 

FFF-Aktivisten klären in Schulen über Klimawandel auf

Schon als Kind bekam Mitzi mit, wie zerstörerisch Taifune sein können, die über die Philippinen hinwegfegen. Inzwischen helfen die FFF-Aktivisten, nach Taifunen Hilfsoperationen zu organisieren. Viel Zeit investieren sie auch in „Climate Education“, sie vermitteln also Wissen über den Klimawandel und seine Folgen. „Als wir 2019 anfingen, haben wir viele Schulen gebeten, uns etwas Zeit zur Verfügung zu stellen, damit wir mit den Schülern über die Klimakrise sprechen können. Wir mussten die Schulleitungen wirklich überzeugen. Inzwischen bitten die Schulen uns, darüber zu sprechen“, erzählt Mitzi. Mit Kleinbauern besprechen sie, wie diese die Landwirtschaft resilienter gegen den Klimawandel machen können, bei Gesprächen mit Fischern gehe es um die Erwärmung und das Ansteigen der Ozeane. „Wir wollen ihnen die Mittel an die Hand geben, mit denen sie sich noch stärker für ihre Rechte einsetzen können, während wir mit Regierungsvertretern über eine widerstandsfähigere Infrastruktur und Anpassung sprechen.“ 

Doch seit Mitte 2022 der Sohn des Diktators, Ferdinand Marcos Junior, die Regierung übernommen hat, leben Klimaaktivisten auf den Philippinen noch gefährlicher als zuvor schon unter der Regierung Duterte – und mehr Menschen hätten Angst, sich der Klimabewegung anzuschließen, sagt Mitzi. Immer wieder erhalte sie Drohungen über Social Media. „Wir schützen uns, indem wir Sicherheitstrainings machen – und indem wir uns vernetzen.“ Ganz wichtig sei auch, dass die internationale Gemeinschaft hinschaue und reagiere, wenn Umwelt- oder Menschenrechtsverteidiger auf den Philippinen verhaftet würden. „Soziale Ungerechtigkeit und der Klimawandel können nur mit internationaler Solidarität und Zusammenarbeit bekämpft werden.“ 

Mehr Vernetzung zwischen Nord und Süd

Die Covid-Pandemie hat auch bei der FFF-Bewegung für noch mehr digitale Vernetzung gesorgt. Jede müsse in ihrem eigenen Land arbeiten, sagt Mitzi, aber der Klimawandel sei eben eine globale Krise. „Die Aktivisten aus dem Norden lernen die Auswirkungen der Krise aus erster Hand kennen, wenn sie mit uns aus dem globalen Süden sprechen. Aber wir wollen nicht nur Statistiken erstellen oder Geschichten von Opfern erzählen, sondern wir wollen Partner im Kampf für Klimagerechtigkeit sein“, sagt Mitzi. 

Dass Vernetzung Erfolg haben kann, zeige der Fall der britischen Standard Chartered Bank (SCB), die weltweit Kohle- und Erdölkonzerne und deren klimaschädliche Projekte finanziere. Mit der Kampagne „CleanUp Standard Chartered“ haben FFF-Aktivisten von Argentinien bis Simbabwe gemeinsam offene Briefe an den SCB-Direktor geschrieben und öffentlich protestiert. „Nach einem Jahr konnten wir immerhin erreichen, dass die Bank künftig weniger Kohleprojekte fördert“, sagt Mitzi. „Zurzeit arbeiten wir mit den FFF Bangladesch und Japan zusammen, weil eine japanische Bank ebenfalls in Projekte für fossile Brennstoffe in Bangladesch investiert, und wir versuchen, dies zu verhindern.“ Auch an den Protesten gegen die geplante Ölpipeline zwischen Tansania und Uganda sind philippinische Aktivisten beteiligt. 

Klima-Kooperation gegen Gasgewinnung im Senegal

Das Interesse an den Gasvorkommen vor der Küste Senegals hat ebenfalls zu internationaler Kooperation geführt. In Folge der Energiekrise hat der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz im Mai dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall zugesagt, sich an der Erschließung des Gasfeldes zu beteiligen. Die Klima-Allianz Deutschland, ein Bündnis aus mehr als 140 zivilgesellschaftlichen Organisationen, forderte in einer Pressekonferenz im Dezember 2022 den Stopp der deutschen Beteiligung. Mit dabei war Yero Sarr, Sprecher von Fridays for Future im Senegal: „Es kann nicht sein, dass durch dieses Projekt das 1,5-Grad-Ziel gefährdet wird“, sagte er. „Die Bevölkerung, von der jeder Sechste im Fischereisektor arbeitet, wird unter dem Projekt leiden. Es wird sich schädlich auf die maritime Vielfalt und die Biodiversität auswirken.“ Darüber hinaus seien viele Jobs im Senegal gefährdet. 

Für ihn ist die senegalesisch-deutsche Kooperation wichtig, weil es Protestierende in Ländern wie dem Senegal nicht leicht haben. „Viele afrikanische Länder achten nur wenig auf Rechte wie Meinungsfreiheit“, sagt Yero Sarr. Rund 40 junge Studierende seien bei FFF im Senegal engagiert und machten vor allem über soziale Medien auf die Klimakrise aufmerksam. „Außerdem ist es schwierig, die Menschen für den Klimakampf zu gewinnen, weil sie sowieso schon so viele wirtschaftliche Probleme haben.“ 

Vom UN-Klimagipfel wenig erwartet

In Peru hat sich die FFF-Bewegung, die dort „Viernes por el Futuro Perú“ heißt, zum ersten globalen Klimastreik 2019 gegründet. Momentan habe sie 50 Mitglieder, aber nur 20 aktive, sagt Nicolas Matus de la Parra Gutiérrez, der seit 2021 Teil davon ist. „FFF ist nicht annähernd so stark und etabliert wie die indigenen und bäuerlichen Organisationen, die sich politisch für die Verteidigung ihrer Territorien einsetzen. Auch die feministische Bewegung ist sehr stark“, erklärt der 27-Jährige. „Aber wir bei FFF teilen oft deren Anliegen und verbreiten sie auf Social Media.“ Darüber hinaus organisieren sie gerade gemeinsam mit der Organisation Ecorazonar eine Sommerschule für politische Ökologie an der Universität San Marcos. 

Nicolas Gutierréz erwartet vom globalen Norden mehr Unterstützung – in Form von finanzieller Entschädigung, sinnvollen Projekten und wirksamem Klimaschutz. Vom jüngsten UN-Klimagipfel habe er nicht viel erwartet. „Die Vorstöße beim Loss- and Damage-Fund sind so langsam und winzig.“ Wann, fragt er sich, werden wir endlich einen richtigen Wandel erleben, kollektiv handeln und die exzessive Ausbeutung von Ressourcen und Menschen stoppen? 

Eine Veränderung des Systems wünscht sich auch Mitzi Jonelle Tan auf den Philippinen, die selbst als Vertreterin von FFF MAPA (Most Affected People and Areas), beim COP 27 war. Beim Gipfel habe es von allem etwas gegeben: wenige Fortschritte, aber viel Greenwashing und leere Versprechungen. „Besonders die Aktivisten im globalen Norden müssen ihre Regierungen zur Rechenschaft ziehen und ihnen zeigen, dass der einzige Weg zu Klimagerechtigkeit darin besteht, die fossile Energiewirtschaft vollständig abzuschaffen“, sagt sie. Die Industrie und deren Lobby tue alles, was sie kann, um ihre Arbeit fortzusetzen. „Wir als FFF-Bewegung müssen deshalb auch alles tun, was wir können. Das Gute ist, dass wir nicht allein sind. Jeder Einzelne kann dazu beitragen.“ 

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erschienen in Ausgabe 1 / 2023: Im Protest vereint
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