Wenn die Armen wählen dürfen

REUTERS/Abraham Achirga
Den Lieblingskandidaten zu anziehen: Mitarbeiter eines Druckshops verpacken T-Shirts, auf welche die Gesichter der Präsidentschaftskandidaten gedruckt sind.
Nigeria
In Nigeria waren die Menschen am Samstag zur Präsidentschaftswahl aufgerufen. Im Vorfeld hatten die Kandidaten versucht, in den Slums Stimmen zu kaufen – doch unter den Armen wächst der Ärger. Unser Korrespondent Sam Olukoya hat vor der Wahl mit einigen Bewohnern gesprochen.

Bei einer Präsidentschaftswahl, wie jener die am vergangenen Samstag stattgefunden hat und die von Gewalt überschattet war, kreuzen sich die Wege von Armen und Reichen, die sonst eher in verschiedenen Welten leben. Denn wegen der hohen Bevölkerungsdichte in den armen Vierteln, darunter den Slums, versuchen die Politiker häufig, dort Stimmen zu gewinnen. 

In Nigeria herrscht allerdings eine Wirtschaftskrise, die sich schon lange vor den Wahlen zusammengebraut hat. Akute Treibstoffknappheit und eine Umstellung von alten auf neue Banknoten führen dazu, dass arme Menschen noch weniger Geld haben also ohnehin, und haben im ganzen Land Proteste ausgelöst. Laut Angaben der Regierung gibt es in Nigeria 133 Millionen Arme. Sie machen 63 Prozent der Bevölkerung des Landes aus, weshalb es von manchen als die „Armutshauptstadt der Welt“ bezeichnet wird. 

Aminatu Shola ist eine von ihnen. Da sie kein Geld hatte, um für sich und ihre Kinder zu sorgen, hat sie Ende vergangenen Jahres beschlossen, ein jüngstes neugeborenes Baby zu verkaufen. In Nigeria gibt es Syndikate, die mit Kindern handeln – manche verkaufen sie an kinderlose Paare, andere mit unbekanntem Ziel. 

Shola ist Witwe und lebt im Slum Ajegunle in der nigerianischen Metropole Lagos. Sie hat das Baby ohne Hilfe zu Hause zur Welt gebracht, weil sie kein Geld hatte, um sich im Krankenhaus für die Schwangerschaftsvorsorge anzumelden. Während der Entbindung habe sie viel Blut verloren, sagt sie. „Ich fühlte mich sehr schwindlig, es war, als würde ich sterben“, erinnert sie sich. Verzweifelt eilte sie dann doch ins Krankenhaus, wobei die Nabelschnur noch mit dem Baby verbunden war. Sie brachte das Kind zur Welt, ohne sich um das Nötigste für ihr Baby zu kümmern. 

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In dieser hilflosen Lage entschied sie, jemanden zu suchen, der das Baby kaufte. „Mir blieb nichts anderes übrig. Ich habe bereits zwei Kinder, um die ich mich nicht kümmern kann, und ich wusste, dass ich mit einem dritten Kind nicht zurechtkommen könnte“, sagt sie. Doch Leute mit Gemeinsinn erfuhren von Sholas Plänen, das Baby zu verkaufen, vereitelten sie und leisten ihr nun finanzielle Unterstützung. 

Shola verdient ihren Lebensunterhalt damit, Menschen beim Tragen von Waren auf dem Markt zu helfen. „Ich verdiene mit dieser Arbeit kaum Geld“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie um Nahrung betteln muss – vor allem bei gesellschaftlichen Veranstaltungen, bei denen sie manchmal das Glück hat, Reste zu bekommen.

Riesige Kluft zwischen Arm und Reich

Shola ist kein Einzelfall. Wie sie leben viele Arme in Nigeria in Slums unter harten Bedingungen. Oft gibt es dort keinen Strom, kein fließendes Wasser oder medizinische Versorgung. Schulen fehlen ebenfalls. „Die Bedingungen, unter denen ich lebe, sind nicht einmal für ein Tier geeignet“, sagt Samuel Adegboyega, ein anderer Slumbewohner. 

Doch es gibt in Nigeria auch eine sehr reiche politische Klasse, die in Privatjets fliegt und Häuser und fette Bankkonten in Europa und anderswo auf der Welt besitzt. In Nigeria ist die Kluft zwischen Arm und Reich eine der tiefsten weltweit.
 
Politiker machen nicht nur im Wahlkampf hohle Versprechen, öffentliche Dienste zu schaffen; sie nutzen auch die Armut schwacher Menschen wie Shola und Adeboyega direkt aus, um ihre Stimmen zu erhalten. „Sie kommen oft mit Geld und mit Geschenken, vor allem Lebensmitteln, um arme Leute zu bewegen, für sie zu stimmen“, sagt Joseph Blabo, ein ehemaliger Bewohner des Slums Makoko. Oft drängelten sich dann viele Menschen um die Geschenke. So war es auch in den vorigen Wahlen.

Manchmal stehen Schläger in der Nähe der Urnen

Oft nutzen Politiker Agenten, die Geschenke in ihrem Namen verteilen. Oder Nahrungsmittel wie Reis werden in Behälter gepackt mit einem Bild des Politikers und dem Hinweis auf das Amt, in das er gewählt werden will. Auch am Wahltag selbst geben Agenten Wählerinnen und Wählern Geschenke und sagen, für wen sie stimmen sollen. Manchmal lassen sie auch kontrollieren, dass Leute den wählen, dessen Geld sie genommen haben. Wo man nicht unbeobachtet abstimmen kann, kommt es zum Beispiel vor, dass dazu Schläger in der Nähe der Urnen platziert werden.

Autor

Sam Olukoya

ist freier Journalist im nigerianischen Lagos.
Die Armen sind geteilter Meinung darüber, ob sie Geld von korrupten Politikern annehmen sollten. Shola sagt, wenn man ihr Geld anbiete, werde sie es nehmen. Aber das werde keinen Einfluss darauf haben, wen sie wähle, weil die Wahl des Meistbietenden zu Korruption führe. 

Tatsächlich sind Nigerias Politiker dafür bekannt, nach ihrer Wahl öffentliche Gelder zu veruntreuen, nachdem sie ein Vermögen ausgeben haben, um Stimmen zu kaufen. Nigeria ist einer der größten Erdölexporteure der Welt, und ein großer Teil der Milliarden Dollar, die jährlich mit Ölverkauf eingenommen werden, landet in den Taschen korrupter Politiker.

Während die Armen in Nigeria immer tiefer in die Armut rutschen, erwarten sie inzwischen, dass die politische Klasse mehr für sie tut, als nur vor den Wahlen Lebensmittel und Geld zu verteilen. Und vor allem junge Nigerianer haben Kampagnen in sozialen Medien gestartet, um Menschen bewusst zu machen, dass sie zur Wahl gehen müssen, wenn sie das System ändern wollen. „Die Armen beginnen zu begreifen, dass das Geld und die Lebensmittel, die Politiker verteilen, nicht die Lösung für ihre Notlage sind", sagt Adegboyega. Auch Shola findet, dass etwas gegen die Armut unternommen werden muss. „Wenn die Gewählten die Dinge nicht zum Besseren wenden, wird es eine Krise geben“, sagt sie. 

Mehrheit der Bürger hat kein Geld

Doch das Land ist schon mitten in einer Krise. Wenige Tage vor der Wahl kam es zu mehrtägigen gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen mehrere Bankgebäude niedergebrannt und einige Randalierer von Sicherheitskräften getötet wurden. Auslöser der Proteste war die akute Treibstoff- und Geldknappheit. Der Übergang zu neuen Banknoten hat dazu geführt, dass die Mehrheit der Bürger ohne Geld dasteht – sie bekommen keine neuen Scheine, weil die schlicht nicht in ausreichender Menge vorhanden sind. 

Die Protestierenden verlangen, dass die Regierung genügend neue Banknoten verfügbar macht und ihre alten Scheine in neue umtauscht. Sie fordern auch ein Ende des Treibstoffmangels. Oppositionskandidaten machen die Regierung für die Unruhen verantwortlich, und die Regierung setzt die Polizei und zum Teil auch Militär ein, um die Proteste zu beenden.

Viele Nigerianer denken, dass nun die Not die Grenze des Erträglichen erreicht hat. Und sie halten diese Wahlen für die letzte Chance, etwas zu ändern, bevor das Volk seinem Ärger gegen das ganze System Luft macht.

Aus dem Englischen von Melanie Kräuter. 

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