„Armut und Ungerechtigkeit im Süden und bei uns gemeinsam bekämpfen“

„Armut und Ungerechtigkeit im Süden und bei uns gemeinsam bekämpfen“

Der Evangelische Entwicklungsdienst und das Diakonische Werk der EKD wollen fusionieren

Gespräch mit Konrad von Bonin und Klaus-Dieter Kottnik

Bis 2013 soll ein evangelisches Entwicklungswerk mit Sitz in Berlin entstehen: Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) in Bonn sowie die Ökumenische Diakonie in Stuttgart – hierzu gehören „Brot für die Welt“, „Hoffnung für Osteuropa“ und die Diakonie Katastrophenhilfe – wollen fusionieren. Viele Mitarbeitende der Werke kritisieren die Pläne wegen des vorgesehen Umzugs. Dennoch ist das Vorhaben sinnvoll, erklären der Vorstandsvorsitzende des EED, Konrad von Bonin, und der Präsident des Diakonischen Werkes, Klaus-Dieter Kottnik. Unter anderem solle die Fusion die evangelische Entwicklungsarbeit auf eine solide Finanzbasis stellen. „Brot für die Welt“ finanziert sich überwiegend aus Spenden und Kollekten, der EED aus Zuschüssen des Bundesentwicklungsministeriums und Kirchensteuermitteln.

Welche Eckpunkte der Fusion von EED und Diakonischem Werk stehen inzwischen fest?

Kottnik: Der Diakonische Rat hat am 25. Juni im Wesentlichen dasselbe Modell gebilligt wie zuvor der Aufsichtsrat des EED: Wir wollen uns zu einem evangelischen Zentrum für Entwicklung und Diakonie mit Standort in Berlin zusammenschließen. Dies soll ein Verein mit zwei sehr selbstständigen Säulen sein. Die eine heißt „Diakonie Deutschland. Der Bundesverband“ und wird die Funktion des Diakonischen Werkes als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege fortführen. Die andere wird unter dem Namen „Brot für die Welt. Der Evangelische Entwicklungsdienst“ die Entwicklungsarbeit bündeln und vertreten.

Beide Säulen haben jeweils einen Vorstand – für Gesundheit und Soziales sowie für Entwicklungsdienst und humanitäre Hilfe –, die gemeinsam den Gesamtvorstand bilden. Eckpunkte einer Satzung des neuen Vereins werden jetzt für die Mitgliederversammlung des EED und die Diakonische Konferenz, die beide im Herbst tagen, erarbeitet. Bis 2013 soll der Umzug stattfinden.

Das Entwicklungswerk wird demnach eigenständig auftreten?

Von Bonin: Die beiden Säulen treten gegenüber Politik und Öffentlichkeit unter ihrem jeweils eigenen Namen auf. Die Vorstände sollen aus je drei Mitgliedern bestehen, darunter jeweils eine Präsidentin oder ein Präsident, die ihre Arbeitsbereiche auch öffentlich vertreten.

Welche Vorteile sehen Sie in der neuen Struktur?

Von Bonin: Aus meiner Sicht gibt es dafür erstens Argumente, die mit der Zukunft des EED zusammenhängen. Der EED hängt finanziell stark von Kirchensteuern ab, und die werden nach den Berechnungen der EKD bis zum Jahr 2030 um etwa die Hälfte zurückgehen. Die Arbeitsbereiche, die von diesen Mitteln für den Kirchlichen Entwicklungsdienst (KED) getragen werden – darunter auch die Publizistik –, haben eine unsichere Zukunft. Ein Zusammenschluss mit „Brot für die Welt“ ist der beste Weg, eine stabile finanzielle Grundlage zu schaffen, weil uns künftig neben staatlichen und kirchlichen Mitteln auch Spenden zur Verfügung stehen.

Zweitens ist die Fusion entwicklungspolitisch sinnvoll. Sie wird die Entwicklungsarbeit der evangelischen Kirchen stärken. Das neue Werk gewährleistet für die Zukunft eine klare Sichtbarkeit. „Brot für die Welt“ ist jetzt weitaus bekannter als der EED, der vor allem in Fachkreisen einen Namen hat.

Außerdem arbeiten „Brot für die Welt“ und der EED in vielen Ländern parallel. Wenn wir unsere Programme gemeinsam planen und durchführen, verringern wir den Aufwand. Und das neue Werk wird alle Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung haben – von Stipendien über die Vermittlung von Freiwilligen und Fachkräften über Projekte der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit bis zur Förderung von entwicklungspolitischer Bildung und Publizistik. Berlin ist ein guter Standort für ein solches Entwicklungswerk, weil hier die entwicklungspolitische Debatte stattfindet und die politischen Entscheidungen getroffen werden.

Kottnik: „Brot für die Welt“ ist ein integraler Bestandteil des Diakonischen Werkes und führt ein sehr selbständiges Leben mit einer eigenen Marke. Wir haben aber in jüngster Zeit gute Erfahrungen mit gemeinsamen Projekten der inländischen Diakonie und von „Brot für die Welt“ gemacht. Das wollen wir gemeinsam mit dem EED in Zukunft ausbauen. Soziale Fragen wird man künftig nicht mehr ohne internationalen Kontext beantworten können. Beim Thema Migration etwa brauchen wir das Wissen über die Länder, aus denen die Menschen kommen. Umgekehrt fördert „Brot für die Welt“ etwa Projekte für Straßenkinder in Russland. Hier haben wir Kenntnisse aus der Arbeit in Deutschland, die man nutzen kann.

Von Bonin: Die künftigen Entwicklungen in Deutschland und in den Ländern des Südens hängen eng zusammen – zum Beispiel bei der Energieversorgung oder Ernährungs- und Friedensfragen. Die Fusion ist ein politisches Signal der evangelischen Kirche, dass sie diese Zusammenhänge zur Kenntnis nimmt und zur Überwindung von Armut und Ungerechtigkeit hier wie dort beitragen will.

„Brot für die Welt“ war auch deshalb eigenständig, weil man seine Unabhängigkeit nicht durch die Vermischung von Spenden mit staatlichen Zuschüssen, wie sie der EED erhält, gefährden wollte. Ist das Argument jetzt hinfällig?

Von Bonin: Das Argument hat mich nie überzeugt. Die Vorbehalte, dass die Arbeit mit staatlichen Mitteln eine Abhängigkeit vom Staat bedeutet, sind falsch. Es gibt eine klare Vereinbarung zwischen der evangelischen Kirche und der Bundesregierung, dass uns die Mittel aus dem Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ohne politische Vorgaben und Bedingungen gegeben werden. Ich kenne keinen Fall, in dem sich der Staat nicht daran gehalten hat. Umgekehrt gibt es auch das Vorurteil, ein Spendenwerk müsse nach der öffentlichen Meinung schielen und danach möglicherweise auch die Schwerpunkte seiner Projektplanung ausrichten. Tatsächlich sind die Programme und Projekte von „Brot für die Welt“ sehr nahe zu dem, was wir im EED machen. Manche Mythen der Vergangenheit muss man endlich aufarbeiten. Misereor hat die Finanzquellen nie getrennt, und ein Stück folgen wir jetzt dem Modell unserer katholischen Schwesterorganisation.

Kottnik: Das neue Werk wird Projekte, für die Spenden gesammelt wurden, zunächst auch als Spendenprojekte führen. Im Laufe der Zeit kann ich mir aber vorstellen, dass das eine oder andere Projekt, bei dem die kirchliche Kofinanzierung fehlt, die Voraussetzung für einen staatlichen Zuschuss, aus Spenden kofinanziert werden kann. Das tun wir bereits im einen oder anderen Fall. Wir verstehen das allerdings nicht als Modell dafür, dass die Kirchen ihre Finanzierung für die Entwicklungsarbeit verringern.

Von Bonin: Es gibt sehr klare Signale aus der Kirchenkonferenz und von den Landeskirchen, die unsere Fusion befürworten, dass sie in Zukunft auch weiter kontinuierlich die Entwicklungsarbeit fördern wollen.

Der EED hat sich sehr um enge Beziehungen zu den Landeskirchen bemüht. Wird das neue Werk die aufrecht erhalten können?

Von Bonin: Die Diakonie ist in den Landeskirchen vertreten, und der EED arbeitet mit den KED-Beauftragten und den Ökumenereferaten der Landeskirchen zusammen. Unser Ziel ist, die Kooperation mit Landes- und Freikirchen, die sich in den unterschiedlichen Traditionen der Diakonie einerseits und des EED andererseits entwickelt hat, zu stärken. Unser Zusammenschluss soll aber nicht dazu führen, dass wir uns auf Kooperationen innerhalb der Kirche beschränken. Wir arbeiten eng mit anderen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und Initiativgruppen zusammen und kooperieren international mit kirchlichen und nichtkirchlichen Trägern. Das Diakonische Werk ist ebenfalls mit großen nichtkirchlichen Wohlfahrtsverbänden und Initiativen vernetzt.

Kottnik: Mir liegt sehr daran, dass Kirche und Diakonie eng zusammenarbeiten. Wir haben eine Phase hinter uns, in der sich beide aufeinander zu bewegt haben. Das gilt für den Bundesverband, die EKD und die Freikirchen ebenso wie für die Landeskirchen, die diakonischen Landesverbände, die diakonischen Einrichtungen und die Kirchengemeinden. Dieser Bewegung kommen wir mit dem neuen Werk entgegen.

Sie haben gesagt, dass jetzt beide Werke parallel arbeiten. Gibt es nicht Absprachen zwischen ihnen, sich die Projektländer aufzuteilen, und arbeitet „Brot für die Welt“ nicht in der Regel mit kleineren Partnern zusammen, der EED mit größeren?

Von Bonin: Der EED und „Brot für die Welt“ arbeiten in vielen Ländern parallel – in Peru, Kolumbien, Brasilien, Südafrika, Tansania, Indien, Indonesien und im Nahen Osten, um nur einige zu nennen. Oft kooperieren wir auch mit denselben Partnern, zum Beispiel mit der Diakonie der lutherischen Kirche in Brasilien oder dem größten kirchlichen Hilfswerk in Indien. Wir stimmen unsere Arbeit dann zwar ab, aber das kostet Zeit. Sinnvoll sind übrigens auch gemeinsame Verbindungsstellen im Ausland – schon seit längerem planen wir eine in Papua-Neuguinea einzurichten.

Kottnik: Ich habe im EED vor der Weltkarte gestanden und gesehen, wo „Brot für die Welt“ tätig ist und wo der EED. Dass es eine ganze Reihe Überschneidungen gibt, hat mich letzten Endes überzeugt, den Weg der Fusion zu beschreiten.

Kommt das fusionierte Werk dann mit insgesamt weniger Mitarbeitenden aus?

Kottnik: Wir planen keinen Personalabbau. Wir wünschen uns, dass alle Mitarbeitenden aus Bonn und Stuttgart mit nach Berlin umziehen.

Von Bonin: Aber wir können dann einige der bisherigen Stellen in Zukunft für neue Aufgaben verwenden, für die uns jetzt das Personal fehlt. Wir haben im EED zum Beispiel einen Partnerschaftsprojekte- Fonds eingerichtet, um kirchliche Gruppen, die Partner in Übersee haben, in der Partnerschaftsarbeit zu beraten. Es wäre ein großer Erfolg der Fusion, wenn wir solche Aufgaben künftig stärker und mit mehr Freiraum erfüllen könnten.

Ist nicht zu befürchten, dass gerade langjährige und erfahrene Mitarbeitende nicht mit umziehen möchten?

Kottnik: Wir haben eine Übergangszeit von fünf Jahren. Nachdem die Beschlüsse der Gremien feststehen, werden wir nun Gespräche mit den Mitarbeitenden führen. Ich will nicht abstreiten, dass sich der eine oder die andere eine neue Arbeit suchen wird. Wie viele das sein werden, wissen wir vor diesen Gesprächen nicht.

Von Bonin: Wir bemühen uns, so viele wie möglich für den Umzug nach Berlin zu gewinnen. Wir brauchen ihre Erfahrung und ihre Kompetenz beim Aufbau des neuen Werkes.

Warum kommt für Sie nur ein Standort in Berlin in Frage, nicht mehrere Standorte oder Vertretungen in Bonn und Stuttgart?

Kottnik: Was machen Außenstellen in Stuttgart und Bonn für einen Sinn? Wir haben die jetzige Struktur des Diakonischen Werkes der EKD evaluieren lassen und für die Aufteilung auf Stuttgart und Berlin schlechte Noten bekommen. Wir brauchen die Mitarbeitenden zusammen in einem Haus, um eine tragfähige Struktur aufzubauen und die Kommunikation zu gewährleisten.

Von Bonin: Wir schaffen ein neues Werk mit einer neuen Kultur, die erst wachsen muss. Die Mitarbeitenden müssen sie gemeinsam schaffen. An verschiedenen Standorten kann diese Gemeinsamkeit kaum entstehen.

„Brot für die Welt“ erhält einen Großteil seiner Spenden aus Kirchengemeinden, darunter viel aus Bayern und Baden-Württemberg. Ist zu befürchten, dass der Umzug die Verankerung dort und damit die Spendeneinnahmen gefährdet?

Kottnik: „Brot für die Welt“ ist in Kirchengemeinden in Baden- Württemberg stark verankert, aber auch in den Freikirchen quer durch Deutschland, also auch in Berlin. Wir müssen deutlich machen, dass der gemeinsame Standort Berlin für die Zukunft Vorteile bringt. Die Kontakte zu den Gemeinden müssen ebenso über die jeweiligen diakonischen Landesverbände laufen. Dann wird es uns gelingen, dass die Gemeinden weiter zu „Brot für die Welt“ stehen.

Von Bonin: Die Bereitschaft, für das neue Gesamtwerk zu spenden, könnte sogar steigen. In den vergangenen zehn Jahren wurde das Verhältnis von „Brot für die Welt“ und dem EED von manchen Landeskirchen, Freikirchen und Gemeinden als Konkurrenz wahrgenommen. Das hat Spenderinnen und Spender verunsichert. Diese Verunsicherung wird verschwinden, wenn wir unter dem eingeführten Namen „Brot für die Welt“ fusionieren.

Wie hoch sind die Kosten der Fusion und des Umzug und wer wird sie übernehmen?

Kottnik: Wir lassen zurzeit ein Gutachten über die Kosten erstellen, die Zahlen liegen noch nicht vor. Erste Gespräche mit der EKD über die Finanzierung haben stattgefunden, und sie hat signalisiert, dass sie sich der Verantwortung stellen wird. Und wir können mit Sicherheit sagen, dass kein Cent aus Spenden dafür verwendet wird.

Das Gespräch führten Bernd Ludermann und Gesine Wolfinger.

Konrad von Bonin ist Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED).

Klaus-Dieter Kottnik steht als Präsident an der Spitze des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

welt-sichten 7-2008

 

erschienen in Ausgabe 7 / 2008: Schlachtfeld Afrika
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