Der faire Handel auf den Philippinen kommt nur langsam in Schwung Von Niklas Reese In Deutschland finden sich fair gehandelte Waren aus den Philippinen – vor allem Mascabadozucker und getrocknete Mangos – in den Regalen von Eine-Welt-…

Der faire Handel auf den Philippinen kommt nur langsam in Schwung

Von Niklas Reese

In Deutschland finden sich fair gehandelte Waren aus den Philippinen – vor allem Mascabadozucker und getrocknete Mangos – in den Regalen von Eine-Welt-Läden und Supermärkten. In ihrem Herkunftsland führt der faire Handel dagegen ein Nischendasein. Fairhandelsorganisationen versuchen nun, den heimischen Markt zu erschließen.

Wer in der 20 Millionen Einwohner zählenden Metropole Manila Waren aus fairem Handel erwerben will, muss weite Wege in Kauf nehmen. Geschäfte, die an deutsche Eine-Welt-Läden erinnern, gibt es gerade einmal zwei. Zählt man die Ausstellungsräume der Fairhandelsorganisationen hinzu, die fast alle in der philippinischen Hauptstadt konzentriert sind, erhöht sich die Zahl auf sieben. Bioläden kommen schon etwas mehr in Mode: In der Millionenstadt Davao im Süden des Landes haben im vergangenen Jahr drei solcher Geschäfte aufgemacht. Landesweit sind sie jedoch fast an einer Hand abzuzählen. Die meisten Filipinos haben von „fairem Handel“ noch nie etwas gehört.

Dabei haben Fairhandelsorganisationen dort eine mehr als 30-jährige Tradition. Als eine der ersten hat die Kinderschutzorganisation PREDA, die 1974 vom irischen Pater Shay Cullen gegründet wurde, mit der Herstellung von getrockneten Mangos und Schmuck ein Auskommen für Opfer von Gewalt geschaffen. Damit hat sie zugleich Geld für die eigenen sozialen Programme verdient. Die für  ihren Mascabadozucker bekannte Organisation „Alter Trade“ entstand in den frühen 1980er Jahren im Rahmen der japanischen Solidaritätsbewegung für den Befreiungskampf gegen die Marcos-Diktatur. Als der Zuckerpreis von 27 US-Cents (1980) auf 3,5 US-Cents (1983) einbrach und dies eine Hungersnot auf der Zuckerinsel Negros zur Folge hatte, suchte man nach neuen und verlässlichen Einkommensquellen für die Landarbeiterinnen und Landarbeiter.  

Weitere alternative Produzentenorganisationen wurden gegründet, um Menschen ein Auskommen zu ermöglichen und die ausbeuterischen Praktiken der Mittelsmänner zu umgehen. Alle haben jedoch eines gemeinsam: Sie produzierten von Anfang an fast ausschließlich für die Märkte in Nordamerika, Japan und Europa. Fairhandelsorganisationen aus den Industrieländern haben zudem maßgeblich bei ihrem Aufbau geholfen. Der faire Handel sei „in die Philippinen exportiert worden“, sagt Zuraida Cabilo vom Third World Study Center, das eine Studie zur Fairhandelsbewegung auf den Philippinen vorgelegt hat.

Erst 2001 schlossen sich die philippinischen Organisationen in einem Dachverband zusammen. Das Philippine Fair Trade Forum (PFTF) hat sich seitdem allerdings kaum getroffen, so dass eher die Alliance of Philippine Fair Trade Initiatives (APFTI), die in den 1990ern Jahren als Unterstützerorganisation aufgebaut wurde, als Knoten des Netzwerks und Anlaufstelle für die Kleinproduzenten fungiert. Bis heute ist die Vernetzung der Szene jedoch sehr lückenhaft. Die Aktivisten in Davao haben von APFTI (mit Sitz in Manila)  zwar „schon einmal gehört“. Die stärkeren Verbindungen bestehen aber zu ihren Abnehmern aus dem Norden.

Diese Fixierung auf die Märkte der Industriestaaten wird jedoch zunehmend in Frage gestellt, unter anderem weil die Konkurrenz von Produkten aus anderen Ländern des Südens schärfer wird. 2000 beendete etwa Oxfam in Großbritannien seine Förderung des Fairen Handels in den Philippinen, da die Nachfrage zwischen 1998 und 2000 stark gesunken war. Die philippinischen Organisationen begriffen dies als Herausforderung, neue Märkte im Inland zu erschließen. Zudem hatten sie mehr und mehr den Wunsch, die Idee des fairen Handels auch im eigenen Land über die einschlägige Solidaritätsszene hinaus bekannt zu machen. Ein schwieriges Unterfangen: Im Stadtzentrum von Manila musste der erste und bisher einzige Fairhandels-Shop, der in einem der unzähligen Einkaufszentren eingerichtet wurde, schon nach sechs Monaten wieder schließen. Die Ausgaben für die Ladenmiete überstiegen bei weitem die Einnahmen. Der Southern Philippines Fair Trade Council (SPFTC) aus der zweitgrößten Stadt Cebu dagegen konnte von den neun Millionen Pesos (130.000 Euro), die er 2005 umsetzte, immerhin 20 Prozent in seinem People’s Fair Trade Shop erzielen. Das dürfte allerdings die große Ausnahme sein.  

Ständig ist in den englischsprachigen Zeitungen des Landes zu lesen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter weit weniger als den Mindestlohn verdienen, ihre Arbeitsbedingungen schlecht und unsicher sind, Kinderarbeit weit verbreitet ist, Kleinstunternehmen infolge der Weltmarktöffnung kaum atmen können und die Umwelt im Land schwer zerstört wird. Solche Zeitungen sind die bevorzugte Lektüre der „Bessergestellten“, doch ihre Konsumentscheidungen beeinflusst das nicht.

„Das Fair-Trade-Bewusstsein ist sehr gering, wenn es nicht sogar gänzlich fehlt“, meint Zuraida Cabilo. „Fair Trade” werde entweder mit Verbraucherschutz, mit gerechten Welthandelsstrukturen oder gar mit „freiem“ Welthandel gleichgesetzt. Und viele verwechseln „fair trade“ mit „trade fair“, also einer Verbrauchermesse. „Die Idee einer verantwortlichen Produktion und die eines entwicklungsförderlichen Konsums sind nur Zugaben und nicht sonderlich populär in den Philippinen”, sagt Ronald Lagazo, zuständig für die Advocacyarbeit bei APFTI. Und Cesar Ledesma vom Netzwerk CASH (Consumer Action for Sustainability and Health) erklärt: „Ein Produkt, das für eine Sache steht, kann man hier nicht verkaufen, dafür fehlt noch die kritische Masse.“

Nur zehn Prozent der Menschen aus kaufkräftigeren Schichten wissen laut einer Studie von APFTI, was mit fairem Handel gemeint ist, und nur ein Prozent wäre bereit, aus sozialen Gründen einen höheren Preis zu bezahlen. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht erkennbar ist, welche Produkte fair hergestellt worden sind, denn ein heimisches Fair-Trade-Siegel muss erst noch entwickelt werden. Die international gängigen Siegel sind den lokalen Produzenten zu teuer. Nur etablierte Organisationen wie PREDA oder „Alter Trade“ können sich das leisten. Zwei Prozent der Befragten würden laut der Studie mehr bezahlen, um eine umweltverträglichere Produktion zu gewährleisten.

Anders sieht es bei der Vermarktung von Bio-Produkten aus. Immerhin die Hälfte der Filipinos aus der Mittel- und Oberklasse, deren Einkommen mehr als 50.000 Pesos (rund 815 Euro) monatlich beträgt und die sich einen Aufpreis für fairen Handel leisten könnten, sind bereit, für „gesunde Produkte“ mehr Geld auszugeben. Um diese Zielgruppe zu erreichen, setzen Vertriebsorganisationen wie die Upland Marketing Foundation (UFMI) auf das Bio-Argument: Sie vermarkten ihre Produkte als „gesundes Essen“ und haben sich sogar den Begriff „Healthy Rice“ für ihren Bioreis schützen lassen. René Guarin, der Direktor von UMFI, ist überzeugt, dass „der Markt auf neue Bio-Produkte wartet“. Insgesamt wachse die Bedeutung von gesunder Ernährung. Seit einigen Jahren lege die Mittelklasse außerdem zunehmend Wert auf ökologischen Landbau, fügt Guarin hinzu.

Und während früher nur die obere Mittelklasse „gesunde Produkte“ kaufte, zählen heute auch mehr und mehr Arbeitsmigrantinnen und -migranten zu den Kunden der Bioläden, wie Cesar Ledesma von CASH beobachtet hat. Die Gründe dafür sind jedoch strittig. Während die einen meinen, die Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter im Ausland, zu denen auf den Philippinen etwa zehn Prozent der Bevölkerung gehören, hätten die Idee eines nachhaltigen Lebensstils in ihren Zielländern schätzen gelernt, brächten ihn jetzt mit nach Hause und steckten damit auch ihre Verwandten und Bekannten an. Andere sagen hingegen: „Die wollen einfach nur so sein wie ihre Bosse.“ Der Anreiz, sich durch bewussten Konsum als „Mensch von Welt“ zu erweisen, dürfte eine nicht unbedeutende Rolle spielen.

UMFI verkaufe Bioprodukte, die „nebenbei“ auch gerecht hergestellt wurden, erklärt Guarin: „Qualität, die sich kümmert“ lautet sein Slogan. Unter dem Motto  „Traue Dich, fair zu sein“ versuchen Vertriebsorganisationen, die auf die Entwicklung des lokalen Marktes setzen, ihre „gesunden Produkte“ – darunter organischen Reis, Bio-Mascabado, Honig und Marmeladen – vor allem in den Supermärkten zu platzieren, statt eigene Fairhandelsläden aufzubauen. Anders als die Produkte, die von Kooperativen in allen Ecken der Republik der 7107 Inseln hergestellt werden, befinden sich diese Supermärkte und die meisten Vertriebsorganisationen im Großraum Manila. Dort leben zwischen 25 und 40 Prozent der Bevölkerung des Landes.

Die Strategie von UMFI geht offenbar auf. Die Organisation ist in den vergangenen  Jahren um bis zum 75 Prozent jährlich gewachsen und geht auch für die nächsten Jahre von einer Verdoppelung des Umsatzes aus. Ein boomender Markt, auf dem bei Produkten wie organischem Reis die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt. Dieses Wachstum wäre ohne zwei Millionenkredite der internationalen ökumenischen Darlehensgenossenschaft Oikocredit allerdings nicht möglich gewesen. Denn von konventionellen Banken müssen sich Fairhandelsorganisationen noch immer anhören, dass „Bio“ keine seriöse Geschäftsidee sei und sie zu wenig profitorientiert arbeiteten.

Die Fairhandelsorganisationen werben nicht nur mit der Gesundheit. Sie versprechen auch, dass ihre „handgemachten“ Produkte eine bessere Qualität aufweisen als die Massenprodukte, die häufig importiert werden. Sie seien lokal hergestellt, aber zugleich von „Exportqualität“, heißt es. Das ist ein wichtiges Argument in einem Land, in dem „importiert“ schnell mit „besser“ gleichgesetzt wird und die Öffnung für den Weltmarkt Waren aus dem Ausland billiger und zahlreicher gemacht hat. Wenn sich Produkte auch auf den Märkten des Nordens verkaufen lassen, gilt dies als besonderes Zeichen ihrer Qualität. Für jüngere Konsumentinnen und Konsumenten spielt darüber hinaus eine Rolle, dass „gesunde Produkte“ anders sind und damit als cool gelten.

Die ökologisch motivierten Fair-Trade-Aktivisten wollen nicht nur den Marktanteil von fairen Produkten steigern, sondern auch das Konsumverhalten und den Lebensstil der Mittelklasse verändern. So sieht Cesar Ledesma von CASH in der gegenwärtigen Verteuerung von Erdöl und Reis auch eine Chance, sich „zu besinnen und neu zu orientieren“. Der starke Anstieg der Reispreise im Frühjahr dieses Jahres habe jedenfalls nicht zu einem Absatzrückgang bei organischem Reis geführt; vermutlich auch, weil sich die Preise für konventionell und biologisch produzierten Reis angenähert haben. Da letzterer weitgehend ohne auf Erdöl basierendem Kunstdünger angebaut wird, sind die Produktionskosten kaum gestiegen.

Die Fair-Trade-Aktivisten hoffen, dass es ihnen gelingt, auch soziale Anliegen zu einem Kaufargument zu machen. Verbraucher sollten wahrnehmen, dass hinter ihren Einkäufen ein Arbeiter, eine Kleinbäuerin oder ein heimischen Handwerker stünde, die ihre Waren für das eigenes Überleben herstellen und verkaufen, meint Claribel David, die Asien bei der International Fair Trade Association (IFAT) vertritt. Sie selbst ist ein gutes Beispiel für wachsendes Problembewusstsein: Die ehemalige Bankerin räumt ein, dass sie sich nicht um Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne gekümmert habe, bevor sie mit der Fairhandelsbewegung in Kontakt kam. Früher seien Preis und Qualität für sie die allein maßgeblichen Kriterien gewesen – von Markennamen oder Moden einmal abgesehen.

Um ein größeres Bewusstsein für den fairen Handel zu schaffen, organisiert APFTI Informationsveranstaltungen in Schulen und Rathäusern. Für kontinuierliche Aufklärung und Marketing fehle das Geld, bedauert Ronald Lagazo. Die Organisation „Alter Trade“ hat einen eigenen Weg gewählt: Sie informiert auf der Insel Negros wöchentlich im Radio über ihre Arbeit und ihr Anliegen.

Niklas Reese ist Mitarbeiter des Philippinenbüros und lehrt an den Universitäten in Bonn und Passau im Fach Südostasienkunde.

welt-sichten 11-2008

 

Mühsames Geschäft
erschienen in Ausgabe 11 / 2008: Drogen: Profit, Gewalt und Politik