Die Frau, die Frauen eine Stimme gibt

Die Moderatorin Noeun Sreynoch  im Studio des Women‘s Media Center of Cambodia. An der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift "FM 103.5".
Katja Hanke
Die Moderatorin Noeun Sreynoch im Studio des Women‘s Media Center of Cambodia.
Kambodscha
Sie stammt aus einfachen Verhältnissen vom Land, doch heute ist die gerade mal 24 Jahre alte Noeun Sreynoch Moderatorin und Programmmacherin beim Sender „Women‘s Radio“ in Phnom Penh. In ihren Sendungen geht es vor allem um die Anliegen von Frauen und soziale Themen.

Einer der beliebtesten Radiosender Kambodschas berichtet aus einem flachen Einfamilienhaus am Stadtrand von Phnom Penh. Noeun Sreynoch, Moderatorin bei Women‘s Radio, empfängt die Besucherin und führt durch die Räume. Dabei stellt die 24-Jährige alle Anwesenden einzeln vor. Mit fast jedem beginnt sie ein kurzes Gespräch, lacht oft und erzählt enthusiastisch über die Arbeit des Women‘s Media Center of Cambodia, kurz WMC. „Wir machen ja nicht nur Radio“, sagt sie und geht besonders auf soziale Medien und Videos ein. Das WMC ist auf TikTok sehr aktiv und veröffentlicht auf Facebook jeden Tag eine ungefähr halbstündige Nachrichtensendung und bis zu zehn weitere Beiträge als Audios oder Videos. „Wir müssen mit der Zeit gehen und wollen junge Menschen erreichen“, sagt Noeun Sreynoch.

Viel Platz gibt es für das alles nicht: zwei große und zwei kleine Büros, dazu eine Aufnahmekabine und ein kleines Studio. Früher habe der Sender in einem Bürokomplex im Zentrum auf drei Etagen residiert, mit einem großen Studio, erzählt Noeun Sreynoch. Doch die Stadt wurde stetig teurer, dann kam die Corona-Pandemie und die Einnahmen brachen weg. Kurz danach sei sie zum WMC gekommen.

Women's Radio richtet sich an die weibliche Landbevölkerung

Women‘s Radio ist das Herzstück der gemeinnützigen Medienorganisation. Der Sender entstand 1993 aus einer Bewegung, die wollte, dass auch Frauen am demokratischen Prozess teilhaben. Damals fanden die ersten halbwegs freien Wahlen in Kambodscha statt – organisiert von den Vereinten Nationen. Women‘s Radio wird vor allem von Frauen gehört und richtet sich außerdem ausdrücklich an die Landbevölkerung. Neben Nachrichten, Musik und Hörspielen gibt es Gesprächssendungen zu sozialen Themen, die andere Sender nicht ansprechen: Geschlechtergerechtigkeit etwa, Frauen im Beruf, reproduktive Gesundheit und LGBTIQ. 

Noeun Sreynoch – der Nachname steht in Kambodscha an erster Stelle – moderiert solche Sendungen, bei denen eine Person zu Gast im Studio ist. Sie interviewt die Gäste und spricht mit den Zuhörenden, die anrufen und Fragen stellen. „Es war immer mein Traum, Moderatorin zu werden“, sagt sie. „Mir gefällt, dass ich mit Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft sprechen kann und viel über unser Land lerne.“ Sie sei froh, mit ihrer Arbeit etwas für die Gesellschaft zu tun. 

Zum WMC gekommen ist sie während des Corona-Lockdowns, der in Kambodscha besonders lang und rigoros war. Da war sie im zweiten Jahr ihres Bachelor-Studiums „Medien und Kommunikation“. „Ich habe viel zu Hause gesessen“, erinnert sie sich, „und hatte die Idee, ein Praktikum als Reporterin zu machen, um zu üben, was ich bisher gelernt hatte.“ Eine ältere Kommilitonin habe ihr das WMC empfohlen. Nach dem Praktikum bewarb sie sich als Volontärin und bekam eine Stelle.

Mittlerweile ist gefährlich über Menschenrechte zu berichten

Das journalistische Arbeiten lernen die jungen Frauen beim WMC in der Praxis – Schritt für Schritt und je nachdem, was gerade ansteht. Die ersten sechs Monate verbrachte Noeun in der Nachrichtenredaktion. Dann begann sie Radiobeiträge zu schreiben, lernte Interviews zu führen und Sendungen zu moderieren. Gleichzeitig besuchte sie Workshops, die neben dem Handwerk auch ethische und demokratische Werte von Journalismus vermitteln, darunter auch Workshops von ausländischen Organisationen wie der britischen BBC Media Action.

Lange waren auch Menschenrechte ein Thema für Women‘s Radio. Mittlerweile ist es gefährlich, darüber zu berichten, genauso wie über Landenteignung, illegale Abholzung oder Korruption. Noch vor wenigen Jahren war eine kritische Berichterstattung in Kambodscha durchaus möglich. Die Wende kam 2017, als die regierungskritische englischsprachige Tageszeitung „Cambodia Daily“ plötzlich entweder mehr als fünf Millionen Euro Steuern nachzahlen sollte oder schließen. In den vergangenen Jahren wurden Radiosender verboten, kritischen Nachrichtenkanälen die Lizenzen entzogen oder Zeitungen an regierungsnahe Geschäftsleute verkauft.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen rangiert Kambodscha mittlerweile auf Platz 147 von 180. Eine offizielle Zensur gibt es zwar nicht, aber die Regierung setzt stattdessen auf Einschüchterung und Selbstzensur. Einen gewissen Spielraum für kritische Berichterstattung gibt es noch im Internet, zum Beispiel auf Facebook, das in Kambodscha als Nachrichtenplattform bei Jung und Alt beliebt ist.

„Wir müssen vor allem sehr vorsichtig sein“

Dort berichtet das WMC weiterhin über einige heikle Themen und vollführt dabei einen Balanceakt zwischen der inoffiziellen Zensur und dem eigenen journalistischen Anspruch. Wie geht die Redaktion mit der Gefahr im Alltag um? „Wir müssen vor allem sehr vorsichtig sein“, sagt Noeun Sreynoch. „Bevor wir etwas veröffentlichen oder eine Livesendung machen, setzen wir uns zusammen und diskutieren in der Gruppe, ob wir diese Frage stellen oder über jenes Thema sprechen können.“ Die Zuhörenden schicken zum Beispiel ihre Fragen für die Gesprächssendungen eine Woche vorher an die Redaktion, die sie dann sorgfältig auswählt. „Das haben wir aber schon immer so gemacht“, sagt Noeun. Außerdem sorgten sie dafür, ausbalanciert zu berichten und die Regierung nicht anzugreifen.

Das Hauptanliegen der Organisation war von Anfang an, Frauen eine Stimme zu geben, sie zu informieren und zu stärken. Dass ein Radiosender mit Frauen über ihre Probleme spricht, war am Anfang ungewöhnlich – und gleichzeitig gewagt. Viele Ehemänner hätten das gar nicht gern gesehen, erzählt eine ältere Mitarbeiterin. Finanziert wird die Organisation mit Geld aus dem Ausland, von der Europäischen Union zum Beispiel und von nichtstaatlichen Organisationen aus Australien, Nordamerika oder Europa wie Brot für die Welt. 

Noeun gibt auch Workshops zum Thema Medienbildung

Noeun Sreynoch steht exemplarisch für eine junge Frau, die durch Bildung weit vorangekommen ist. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf in der Nähe von Phnom Penh. „Mein Vater war nur drei Jahre in der Schule, meine Mutter sieben“, erzählt sie. „Beide mussten die Schule verlassen, weil ihre Familien nicht genug Geld hatten. Deshalb haben sie alles dafür getan, dass ich und meine Geschwister ein hohes Bildungsniveau erreichen können.“ Mit Hilfe eines Stipendiums konnte Noeun die Universität besuchen, 2022 hat sie ihr Studium mit dem Bachelor abgeschlossen.

Momentan moderiert sie nicht nur, sondern gibt für das WMC auch Workshops für Jugendliche, Frauen oder LGBTIQ-Personen zum Thema Medienbildung. Außerdem organisiert sie das monatliche Treffen der kambodschanischen Journalistinnen. In Zukunft möchte sie Veranstaltungen moderieren, in der Unterhaltungsbranche und auch zu Bildungsthemen. Auch an einer Universität zu unterrichten, reize sie sehr, sagt sie. „In den nächsten zwei Jahren möchte ich hier noch meine Fähigkeiten ausbauen und noch mehr über Kommunikation lernen. Mein Traum ist es, danach in Bangkok zu studieren und einen Master zu machen.“ Im Gepäck hat sie eine umfangreiche Ausbildung und beachtliche Arbeitserfahrung. Denn das WMC ist nicht nur eine der wenigen unabhängigen Medienorganisationen in Kambodscha, sondern auch ein Sprungbrett in die Welt der attraktiven Jobs.

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erschienen in Ausgabe 3 / 2024: Wer hat, dem wird gegeben
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