Die wenigsten Deutschen kennen Costa Rica wirklich. Noch weniger wissen, dass es ein Land ist, das im 20. Jahrhundert nur fünf Wochen Krieg führte – und daraus eine radikale Konsequenz zog: Abschaffung des Militärs und massive Investitionen in Bildung sowie Aufbau eines öffentlichen Sozial- und Gesundheitssystems und der Schutz der Natur als Staatsaufgabe. Heute stammen über 93 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen, rund 60 Prozent der Landesfläche sind bewaldet, 26 Prozent stehen unter Schutz, und Costa Rica verfolgt einen Dekarbonisierungsplan bis 2050. Nicht zufällig sitzt hier der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte.
Für mich ist das kein abstraktes Land. Costa Rica war viele Jahre meine Heimat. Ich habe dort studiert, gelebt, Familie, Freundinnen und Freunde.
Am Sonntag, dem 1. Februar, hat Costa Rica ein neues Parlament sowie eine neue Präsidentschaft gewählt. Heute bin ich sprachlos. Gewonnen haben ultrarechte, autoritäre Kräfte, die sich offen am Modell Nayib Bukele orientieren, der El Salvador autoritär und mit harter Hand regiert. Laura Fernández wird neue Präsidentin – politische Schülerin und Wunsch-Nachfolgerin des 2022 ins Präsidentenamt gewählten Rodrigo Chaves. Die Rechten haben nicht nur die Präsidentschaft, sondern auch eine komfortable Mehrheit im Parlament.
Autoritär und an El Salvador orientiert
Das ist das eigentlich Beunruhigende: Vier Jahre lang regierte Chaves radikal, populistisch und institutionenfeindlich. Er wurde aber in der Wahl nicht „entzaubert“. Er wurde bestätigt. Im Raum stehen nun Angriffe auf Justiz und Medien, die Drohung mit dem Abbau demokratischer Kontrollmechanismen, ein autoritäres Sicherheitsverständnis, Hochsicherheitsgefängnisse nach salvadorianischem Vorbild, eine mögliche Rückkehr zum Bergbau und die Aufweichung des Umweltmoratoriums – also die Aufhebung des Verbots des Tagebaus zur Goldgewinnung sowie des Verbots der Erdölförderung bis zum Jahr 2050.
Costa Rica war und ist ein bewusster Gegenentwurf zu autoritären, militarisierten Staatsversprechen. Damit bewies das Land, dass Sicherheit nicht durch Repression, sondern durch soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe und ökologische Verantwortung entsteht – nicht nur in Mittelamerika. Dass ausgerechnet dieses Land nun einen autoritären Blick in die Zukunft wirft, schmerzt. Persönlich. Politisch. Und als Warnsignal weit über Costa Rica hinaus.
Auf das Thema Kriminalität gesetzt
Laura Fernández konnte die Präsidentschaftswahlen in Costa Rica deutlich für sich entscheiden, weil sie mehrere zentrale Faktoren auf ihrer Seite hatte. Ihr Präsenzwahlkampf setzte stark auf eine harte Linie im Kampf gegen die wachsende Kriminalität – ein Thema, das viele Bürger derzeit besonders bewegt. Indem sie sich klar als Nachfolgerin von Präsident Chaves positionierte, profitierte sie von dessen Popularität und versprach Kontinuität für das Land. Dank eines langen und gut vorbereiteten Wahlkampfs sowie deutlich höheren Finanzmitteln als ihre Konkurrenten konnte sie ihre Botschaften effektiv verbreiten. Gleichzeitig scheiterte die Opposition daran, sich hinter einer gemeinsamen Alternative zu vereinen; zu viele Kandidaten und kein gemeinsames Ziel machten es Fernández leichter, eine breite Wählerbasis zu gewinnen. So wurde sie zur klaren Favoritin in politisch unsicheren Zeiten.
Demokratien sterben selten mit einem Knall. Meist verlieren sie Wahl für Wahl ein Stück ihrer Substanz. Costa Rica tut weh.
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