Warnschuss für Kambodschas Betrugsindustrie

Onlinekriminalität
Kambodscha ist ein Zentrum für internationalen Onlinebetrug. Das Land geht jetzt dagegen vor, aber nur unter starkem Druck von außen. Zusätzlich dazu braucht es strenge Regeln für das globale Finanzwesen.

Bernd Ludermann ist Chefredakteur von „welt-sichten“.

Die Regierung Kambodschas bringt ein Gesetz gegen Betrugsfabriken auf den Weg und hat nach eigenen Angaben 200 dieser etwa 250 sogenannten Scam Center im Land geschlossen. Das ist ein Fortschritt gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel: In solche Zentren – überwiegend in Kambodscha, Laos und Myanmar – wurden Zehntausende aus über 60 Ländern gelockt und gezwungen, Geld mit Betrug zu machen, etwa indem sie Liebesverhältnisse oder Investments vortäuschen. Das US Institute of Peace schätzte 2024 die jährliche Beute auf über 43 Milliarden US-Dollar.

Leider dürfte Kambodschas Regierung entschiedenes Einschreiten nur vortäuschen. Die Bosse der kriminellen Großunternehmen sind eng mit der herrschenden Elite verbunden; der prominenteste, der aus China stammende und vor 15 Jahren eingebürgerte Chen Zhi, war seit 2020 Berater des Ministerpräsidenten Hun Sen und dann seines Sohnes und Nachfolgers Hun Manet. Die Scam Center sind ein tragender Teil der Wirtschaft Kambodschas und sicher auch der Staats- und Parteifinanzen: Ihre verborgenen Einnahmen sind geschätzt halb so hoch wie das offizielle Sozialprodukt des Landes, Korruption ist verbreitet.

Oft sind Scam Center einfach umgezogen

Immerhin sind seit Januar Tausende Zwangsarbeitskräfte befreit worden – die meisten aber nicht von der Polizei, sondern die Sklavenhalter haben sie weggeschickt. Chen Zhi wurde verhaftet und einige seiner Scam Center geschlossen; ausgeliefert wurde er aber nicht in die USA, die ihn anklagen wollen, sondern nach China. Wahrscheinlich haben hohe Politiker nach starkem Druck, vor allem aus den USA und Großbritannien, Freunde im kriminellen Business zu Rückzug gedrängt und Chen Zhi – der auch Luxusimmobilien in London besaß – China überlassen, damit keine Details seiner Geschäfte bekannt werden.

Für die befreiten Scammer ist der Vorgang ein Glück. Aber er wird kaum diese Art transnationaler Kriminalität erheblich schwächen. Schon früher sind Scam Center unter Druck einfach woanders hingezogen; sie haben Verbindungen in viele Staaten Südostasiens, die manche Grenzgebiete kaum kontrollieren. Nötig ist anhaltender und koordinierter internationaler Druck, ernsthaft gegen das Business vorzugehen. 

Zudem können die hoch professionellen Betrugsunternehmen mit Kryptowährungen, Briefkastenfirmen und exotischen Finanzprodukten Geld um die Welt schicken, waschen und anlegen. Um das zu verhindern, muss man der Finanzbranche Zügel anlegen und Schattenfinanzplätze austrocknen. Wenn Nordamerika und Europa das nicht vorantreiben, machen sie sich an dem schmutzigen Geschäft mitschuldig.

Neuen Kommentar hinzufügen

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Wählen Sie bitte aus den Symbolen die/den/das Skateboard aus.
Mit dieser Aufforderung versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.
Dies ist keine Paywall.
Aber Geld brauchen wir schon:
Unseren Journalismus, der vernachlässigte Themen und Sichtweisen aus dem globalen Süden aufgreift, gibt es nicht für lau. Wir brauchen dafür Ihre Unterstützung – schon 3 Euro im Monat helfen!
Ja, ich unterstütze die Arbeit von welt-sichten mit einem freiwilligen Beitrag.
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!