Die Mittagssonne steht hoch über Mansoa, einer Kleinstadt, 60 Kilometer landeinwärts von der Hauptstadt Bissau. Mitten auf der Hauptstraße stehen gestrandete Passagiere eines Minibusses, dem gerade ein Reifen geplatzt ist. Ansonsten lassen sich nur wenige Passantinnen und Passanten blicken. Ausgerechnet in dieser verschlafenen Kleinstadt ist vor 25 Jahren der Radiosender „Sol Mansi“, das Radio der Morgendämmerung, gegründet worden.
Neben dem Eingang zum Studiogebäude hängt das Logo des Senders: Eine Sonne mit den Buchstaben RSM, darunter steht: „Eine Stimme des Friedens in Guinea-Bissau“. Dieser Slogan, unter dem der Radiosender im ganzen Land bekannt ist, geht zurück auf seine Gründung nach dem bewaffneten Konflikt von Juni 1998 bis Mai 1999. Der ging zurück auf eine Fehde zwischen dem damaligen Präsidenten João Bernardo Vieira und seinem Stabschef Ansumane Mané, die beide in illegale Waffenverkäufe in die benachbarte senegalesische Region Casamance verwickelt waren. José Mango, Radiomitarbeiter der ersten Stunde, erinnert sich: „Als am 7. Juni 1998 der Krieg ausbrach, flohen Menschen aus Bissau nach Mansoa. Der italienische Priester Davide Sciocco half zu dieser Zeit den Flüchtenden vor Ort und ihm fiel auf, wie viel die Leute Radio hörten.“ Damals habe es im Land einen staatlichen und einen privaten Radiosender gegeben: Der staatliche verbreitete die Propaganda der Regierung, der private die der Militärs. „Der Priester dachte sich: Wenn ein Radiosender den Krieg anheizen konnte, warum dann nicht einen gründen, um den Frieden in die Häuser der Menschen zu bringen?“, sagt Mango.
Im Februar 2001 ging Sol Mansi schließlich auf Sendung. „Auch wenn die Menschen sich nicht mehr physisch im Krieg befanden, hielten Misstrauen und Ressentiments noch an. Frieden ist schließlich nicht nur das Schweigen der Waffen“, sagt die stellvertretende Direktorin des Senders, Anabela Bull, in Bissau.
Nach diesem Ansatz wird auch noch heute das Radio gemacht: Neben Sport, Kultur und Musik gibt es vor allem Programme zur Sensibilisierung der Bevölkerung. Etwa zu Menschenrechten, körperlicher und mentaler Gesundheit oder Ernährung. Der Sender arbeitet dafür eng mit lokalen und internationalen NGOs zusammen, deren Beiträge für Sendeslots sie bezahlen, das ist eine wichtige Einnahmequelle für den Sender.
Ein diverses Team macht das katholische Radio
Der Radiosender passe sich an die Realitäten seiner Hörerschaft an, erklärt Bull. Eine Radiosendung für Frauen etwa werde nachmittags gegen 17 Uhr gesendet – erst nach getaner Arbeit. „Auf dem Markt und auf dem Feld kann man kein Radio hören“, erklärt die Koordinatorin. Das Radio ist in Guinea-Bissau nach wie vor das zugänglichste Medium. Der nationale Fernsehsender etwa erreiche nicht alle Ecken des Landes, meint Bull. Nicht alle Orte hätten Empfang, nicht alle Häuser Strom. „Für das Radio braucht man nur eine Batterie und schon läuft es.“
Wie für einen katholischen Radiosender zu erwarten, gibt es täglich auch Sendungen mit religiösem Inhalt – nicht nur katholische, sondern auch evangelikale und muslimische. Auch das gehört zur Stimme des Friedens. „Wir haben ein sehr diverses Team aus verschiedenen Ethnien und Religionen. Das spiegelt sich im Programm wider“, sagt Bull. Jeden Freitag ist eine muslimische Sendung im Programm. Während des Ramadans kommt zusätzlich zwei Mal pro Woche ein Imam in den Sender, dem Hörerinnen und Hörer per Anruf Fragen stellen können.
Auch wenn das Land als ethnisch und religiös recht tolerant und friedlich gilt, sei Dialog heute wichtiger denn je, meint Bull. Gerade in den vergangenen Jahren würden religiöse und ethnische Unterschiede öffentlich stärker herausgestellt Diese würde von Politikern und Politikerinnen instrumentalisiert und könnten sich durch die sozialen Medien heutzutage schneller verbreiten. Davon dürfe man sich aber nicht in die Irre führen lassen: „Unsere ethnischen Unterschiede bereichern unsere Kultur als Guineer.“
Das zeigt sich auch im Studio: „Mamadú und Umarú sind Muslime, Arnaldo und ich sind Christen“, stellt José Mango dort die vier anwesenden Mitarbeiter vor. „Aber hier spielt es keine Rolle, ob du Moslem, Christ oder Animist bist. Ganz gleich, welcher ethnischen Gruppe du angehörst. Was bei uns zählt, ist die Kompetenz.“ Die Kollegen sitzen im Studio an einem runden Tisch mit Mikrofonen und Computerbildschirmen. An der buntgemusterten Wand hinter ihnen hängt ein Banner zum 24. Jubiläum des Radiosenders vom vergangenen Jahr. In diesem Jahr macht Sol Mansi ein Vierteljahrhundert voll.
Die Radioarbeit begann in einem kleinen Kirchenzimmer
Die Anfänge des Radiosenders verliefen alles andere als reibungslos, erinnern sich José Mango und sein Kollege Mamadú Saido Embaló. In zwei kleinen Zimmern einer kirchlichen Einrichtung und mit begrenzter Ausstattung fing alles an. „Niemand hatte Erfahrung“, gesteht Embaló. „Wir waren einfach vom Priester rekrutiert worden, weil wir in anderen Bereichen gewisse Qualitäten hatten. Ich war DJ, hatte also Erfahrung damit, Musik aufzulegen, aber von Journalismus hatte ich keine Ahnung.“
Für die Musik wurden damals Kassetten aus der Kirche abgezweigt „Alles, was wir an Nachrichten brachten, übernahmen wir von anderen Radiosendern, etwa von RFI oder RDP Internacional“, erinnert sich Embaló. „Erst zeichneten wir die Nachrichten auf, die sie sendeten. Dann übersetzten wir sie ins Kreolische“, er schmunzelt.
„Aber das Schlimmste war, in dem Moment, in dem wir auf Sendung gingen, verhinderten wir, dass in unserem Sendegebiet irgendein anderer Sender gehört werden konnte“, sagt Embaló. Es habe ihnen damals ein sogenannter Oberschwingungsfilter gefehlt, der die Überlagerung anderer Frequenzen durch ihre Übertragung verhindert hätte. „Die Leute waren deshalb zunächst wenig begeistert von uns.“
Doch im Laufe der Jahre lernten die Hörer den Radiosender zu schätzen, auch weil sich der Standard verbesserte. Ausländische Journalistinnen und Journalisten wurden zwecks Wissensvermittlung eingeladen, einige Mitarbeiter bekamen auch die Möglichkeit, im Ausland geschult zu werden, sagt Embaló. „Entscheidend war allerdings, dass man bei seiner Rückkehr sein neues Wissen an das gesamte Kollegium weitergab.“
Vorgabe der Regierung: Eine Politiksendung ohne Politisches
Heute ist der Radiosender laut einer Befragung des Zentrums für Studien und Meinungsumfragen der Katholischen Universität Portugals aus dem Jahr 2020 nicht nur der meistgehörte im Land, sondern verfügt auch über einen großen Vertrauensvorschuss. „Wir haben nie politische Propaganda für den einen oder anderen Kandidaten gemacht“, sagt Mango. „Das erhält unsere Glaubwürdigkeit.“
Mit dieser Haltung hatte es der Sender jedoch nicht immer leicht in Guinea-Bissau, dessen Medienlandschaft laut Reporter ohne Grenzen besonders in den letzten Jahren von einer „drastische[n] Verschlechterung der Sicherheitslage für Medienvertreter in Verbindung mit politischem und wirtschaftlichem Druck“ gekennzeichnet ist. „Wir hatten schon mehrfach Probleme mit der Regierung“, führt Embaló aus. „Eigentlich sind wir kein demokratisches Land.“ Die Militärregierung, die seit dem Putsch im November 2025 an der Macht ist, habe etwa ihr Programm zensiert: „Wir hatten eine Sendung namens ‚Casa de Semana‘. In dieser Sendung analysierte ein Politikanalyst das politische Geschehen der Woche“, erläutert er. „Die Militärs haben gesagt, wenn die Sendung weiterläuft, darf nichts Politisches angesprochen werden.“
Vor dem Putsch sei die Lage jedoch kaum besser gewesen, sind sich die beiden einig. „Praktisch sind diese Putschisten die Fortsetzung der Regierung, die wir zuvor hatten.“ Embaló teilt damit die Analyse weiterer Fachleute, nach der damalige Präsident Umaro Sissoco Embaló den Putsch im Nachgang der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen selbst initiiert hat, um einer Verkündung der Wahlergebnisse und damit einer Niederlage zuvorzukommen. Der Ex-Präsident ist seitdem im Exil, die Übergangsregierung wird von General Horta Inta-A Na Man geführt. Es war der fünfte erfolgreiche Putsch seit der Unabhängigkeit von Portugal 1974. Die Politik im Land macht vor allem durch Instabilität und Korruption von sich reden.
Viele Mitarbeiter sind im Zweitjob Lehrer
Doch das Radio Sol Mansi hat seinen festen Platz in der Gesellschaft. Zufällig sind alle Mitarbeiter in Mansoa im Zweitjob auch Lehrer an der weiterführenden Schule. Hören ihre Schülerinnen und Schüler denn noch Radio? „Tun sie“, ist Embaló überzeugt. Besonders die Programme, die extra auf junge Leute zugeschnitten würden. Natürlich sei TikTok manchmal interessanter, gibt er zu. „Aber das Radio hat noch seinen Platz“, pflichtet sein Kollege ihm bei.
„Zwei Kollegen haben damals die Ausbildung in Burkina Faso absolviert, ein Muslim und ein Christ“, denkt Embaló zurück. „Für die Leute dort war es komplett unvorstellbar, dass zwei Personen unterschiedlichen Glaubens im selben Radiosender arbeiten konnten.“ Aber für ein gutes Zusammenleben brauche es genau das, sinniert José Mango „Die Welt sollte sich daran ein Beispiel nehmen.“
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