Schwimmende Schulen: Lernen trotz Hochwasser

Schülerinnen und Schüler im Feuchtgebiet Chalan Beel verlassen nach dem Unterricht  das Schiff.
Piyas Biswas
Wieder einiges gelernt: Nach dem Unterricht verlassen die Schülerinnen und Schüler im Feuchtgebiet Chalan Beel das Schiff.
Bangladesch
In dem Feuchtgebiet Chalan Beel in Bangladesch hat ein Architekt eine Flotte solarbetriebener Boote aufgebaut, die Kindern aus abgelegenen Gebieten während Überschwemmungszeiten Raum für Unterricht bieten.

Noch bevor die Sonne über dem flachen Horizont von Chalan Beel aufgeht, ist Mohammad Rezwan mit seinen Schulbooten auf dem Wasser. Er liebt es, wenn der Fluss das erste Tageslicht an die Decke der Kabine reflektiert, eine leichte Brise den Geruch feuchter Erde heranträgt und sich am Ufer Kinder in Schuluniformen versammeln. Für ihn, den Gründer der Organisation Shidhulai Swanirvar Sangstha, sind diese Eindrücke wichtiger als Zahlen und Fakten, die nur einen Teil des Bildes liefern. Allerdings belegen vor allem Statistiken eine Entwicklung, die früher keiner für möglich gehalten hätte: den Weg zu einer Schule, die nicht mehr schließen muss, wenn die Fluten kommen. 

Für die elfjährige Mosammat Fatema Khatun ist es nichts Besonderes, dass sie jeden Morgen am Ufer des Gumani in Chatmohar, Distrikt Pabna, darauf wartet, dass ein mit Solarpaneelen ausgestattetes Holzboot pünktlich anlegt. Sie steigt ein, geht auf ihren Platz, und bald darauf beginnt der Unterricht. „Ich möchte Krankenschwester werden“, sagt sie ohne Zögern. Ihr Klassenkamerad, Mohammad Shohan Hossain  träumt davon, Polizist zu werden, und mag am liebsten den Bengali-Unterricht. Auch er beschreibt die Bootschule mit der Sachlichkeit eines Kindes, das nie etwas anderes gekannt hat: „Während des Monsuns holt der Bootsführer uns am Ufer in der Nähe unseres Hauses ab und bringt uns zur Schule.“

Häuser und Straßen verschwinden für Monate im Wasser

Wir befinden uns in der Sumpfregion Chalan Beel im Landesinneren von Bangladesch, die sich über Teile der Distrikte Pabna, Natore und Sirajganj erstreckt. Jedes Jahr verwandelt sich hier die Landschaft für vier bis sechs Monate: Straßen verschwinden unter Wasser, Häuser werden zu Inseln und die staatlichen Schulen an Land – die Mehrheit der Schulen in der Region – schließen. Während eines normalen Monsuns steht mehr als ein Fünftel der Landfläche Bangladeschs unter Wasser; in extremen Jahren sind es sogar zwei Drittel. 

Kinder, die überflutete Felder nicht überqueren können, verlieren den Anschluss. Laut UNICEF mussten im Jahr 2024 35 Millionen bangladeschische Kinder ihre Schulausbildung wegen klimabedingter Ereignisse unterbrechen. Forschungen des International Rescue Committee haben einen Zusammenhang zwischen klimabedingten Katastrophen in den Küstenregionen Bangladeschs und einem Anstieg der Kinderehen um 39 Prozent hergestellt. Dieses Muster wird dadurch verstärkt, dass Mädchen aus ärmeren Familien, die ihre Töchter schneller verheiraten wollen, die Schule nach hochwasserbedingten Schließungen meist ganz abbrechen. 

Jugendliche beim Lernen auf dem Schulschiff, darunter auch viele Mädchen: Ein kurzer Schulweg erhöht gerade bei ihnen die Wahrscheinlichkeit, dass sie eingeschult werden und auch dabeibleiben.

Der Gründer Mohammad Rezwan ist selbst in Chalan Beel aufgewachsen. Als Kind beobachtete er jedes Jahr, wie der Monsun die Straßen verschlang; dann waren Kinder wie er darauf angewiesen, dass ihre Familien irgendwelche Boote auftreiben konnten, um die Kinder zur Schule zu bringen. Seine Familie besaß ein kleines Boot zum Transport landwirtschaftlicher Erzeugnisse, mit dem er zur Schule kam, wenn die Wege überflutet waren. „Schon damals hat mich die Frage umgetrieben“, erinnert er sich: „Wenn Kinder wegen des Hochwassers nicht zur Schule gehen können, warum kann die Schule dann nicht zu ihnen kommen?“

Es gibt auch schwimmende Gärten und schwimmende Märkte

Die Antwort, die er sich schließlich selbst gab, war im Grunde eine architektonische. Als studierter Architekt, der nach der Universität in seine Heimatregion zurückkehrte, suchte er nicht nach Wegen, die Schulen vor dem Hochwasser zu schützen. Sondern er schaute sich das an, was bereits auf dem Wasser funktionierte: schwimmende Gärten, schwimmende Märkte, Boote, die Güter durch überflutete Dörfer fuhren. „Es gab eine Kreislaufwirtschaft auf dem Wasser“, sagt er. „Wenn so etwas funktionierte, konnte Schulunterricht auf dem Wasser doch auch funktionieren.“

Autor

Rishabh Jain

ist freier Journalist und Dokumentarfilmer in Indien.

Mit 500 US-Dollar aus eigenen Ersparnissen und einem alten Computer gründete er 1998 die Organisation Shidulai Swanirvar Sangstha, was so viel bedeutet wie „selbständige Organisation“. Nach vier Jahren Vorarbeit konnte 2002 die erste schwimmende Schule in Betrieb genommen werden. Örtliche Handwerker bauten die Boote aus Bambus, einem verrottungsfesten Bauholz, und Blech, wobei sie sich an die traditionellen Längen-Breiten-Verhältnisse und flachen Rumpfformen hielten, die über die Jahrhunderte für flaches Hochwasser entwickelt worden waren. Um Lampen und später auch Computer mit Strom zu versorgen, wurden Solarpaneele installiert. Er passte nicht das Design eines üblichen Schulmodells an ein Boot an, sondern orientierte sich an der Flusslandschaft und den Menschen, die wussten, wie man darin lebt.

Während die Nachfrage nach traditionellen Holzbooten zurückgeht und viele Handwerker in andere Berufe abwandern, betont Rezwan, dass die Arbeit seiner Organisation die regionale Bootsbautradition am Leben hält „und uns dabei hilft, sie an die nächste Generation weiterzugeben“. Eben dafür wurde die Initiative 2025 neben Projekten aus 25 anderen Ländern der Ammodo Architecture Award verliehen. Er würdigte das Projekt für seine kulturelle Sensibilität, soziologische Intelligenz und Flexibilität, und für eine Designphilosophie, die das Wasser einbezieht statt dagegen anzukämpfen.

Über 22.500 Schülerinnen und Schüler haben eine Ausbildung abgeschlossen

Heute fahren 58 Boote auf den Wasserwegen von Chalan Beel, 26 von ihnen als Schule, zehn als Bücherei und Computerlabor, acht als Schulungszentrum zur Existenzsicherung und sechs als mobiles Gesundheitszentrum; zwei sind ausgewiesene Spielboote und sieben dienen dem Transport. Laut Sidhulai Swanirvar Sangstha erreichen alle zusammen jährlich knapp 160.000 Menschen. Seit 2002 haben dank des Programms über 22.500 Schülerinnen und Schüler eine Schulausbildung abgeschlossen.

Jedes Schulboot ist rund siebzehn Meter lang und dreieinhalb Meter breit, innen befinden sich Bänke, eine Tafel, Bücherregale, solarbetriebene Lampen und ein Computer. Unterrichtet wird an sechs Tagen die Woche in drei Schichten mit jeweils rund 30 Schülerinnen und Schülern. Das Boot hält fahrplanmäßig an verschiedenen Stellen entlang des Flusses und sammelt die Kinder gleichsam vor ihrer Haustür ein, ehe es für den Unterricht des Tages anlegt.

Förderung durch Stiftungen

Da es am Anfang keinerlei finanzielle Mittel gab, sammelte Rezwan vier Jahre lang recyclingfähigen Abfall – Plastik und Glas -, um Geld für vier traditionelle Bootskörper zu verdienen. Nachdem die erste schwimmende Schule den Unterrichtsbetrieb aufgenommen hatte, erhielt das Projekt vom Global Fund for Children 55.000, von der Levi Foundation 100.000 und von der Bill and Melinda Gates Foundation eine Million Dollar Fördermittel.

Die Lehrerin Sahkina Khatun, die bereits über zehn Jahre bei Shidulai arbeitet, sagt: „Diese Schulen schließen nie, das macht sie so besonders.“ Sie fügt hinzu, dass die Teilhabe von Mädchen erheblich zugenommen hat, seit Schulen bis vors Tor der Gemeinden kommen – ein Muster, in dem sich die allgemeinere Erkenntnis widerspiegelt, dass ein kurzer Schulweg eine der zuverlässigsten Vorhersagevariablen für die Einschulung und den beständigen Unterrichtsbesuch von Mädchen ist, vor allem in Gegenden, wo lange Schulwege durchs Hochwasser den Familien Angst machen.

Weiterbildung auch für Frauen

Die Schulboote sorgen für eine noch größere Reichweite. Frauen in vom Hochwasser betroffenen Dörfern besuchen Kurse in nachhaltiger Landwirtschaft, klimaresilientem Anbau, Nähen und digitaler Kompetenz. Aus den schwimmenden Computerlaboren sind Absolventen hervorgegangen, die ihre eigenen kleinen Gewerbe gegründet haben. „Vorher war ich arbeitslos“, sagt etwa Abu Bakkar Siddik, 26, der vor vier Jahren seine Ausbildung in einem schwimmenden Computerzentrum abgeschlossen hat. „Jetzt habe ich ein eigenes Einkommen.“ In dem kleinen Laden für digitale Dienste, den er auf einem örtlichen Markt betreibt, kann man im Internet surfen, Dokumente ausdrucken oder Fotos bearbeiten. Seine Kundschaft kommt weitgehend aus der Gemeinde, die von den Booten angefahren wird. 

Frauen in vom Hochwasser betroffenen Dörfern besuchen auf den Schiffen Kurse in nachhaltiger Landwirtschaft, klimaresilientem Anbau, Nähen und digitaler Kompetenz.

Der Unterschied, den Rezwan zwischen seinem Projekt und konventioneller Katastrophenhilfe sieht, ist nicht nur rhetorischer Natur. Die meisten Maßnahmen bei klimabedingten Unterbrechungen des Schulbetriebs zielen darauf ab, die bestehende Infrastruktur zu schützen, die Schulgebäude höher zu legen, Dächer zu verstärken oder bei der Schließung von Schulen vorübergehende Alternativen anzubieten. Das Modell von Sidulai tut nichts dergleichen. Es behandelt die Flutlandschaft als Dauerzustand und plant entsprechend.

Dieser Ansatz hat institutionelle Anerkennung gefunden: Das Modell wurde als offizielle Strategie für ein klimaangepasstes Bildungsangebot in den National Adaptation Plan 2050 von Bangladesch integriert. In Chalan Beel selbst haben Tausende Familien ein weiteres Modul der Organisation im Bereich der Existenzsicherung, die Enten- und Fischzucht in Gehegen, übernommen, denn Enten, so betont Rezwan, sind weitaus resilienter gegenüber steigenden Wasserpegeln als andere kleine Nutztiere.

Internationale Anerkennung

Das größte Hindernis dabei war stets die Finanzierung. Als Rezwan anfing, gab es für diese Art von Arbeit noch keine etablierte Spenderstruktur. „Viele Leute waren der Ansicht, ich versuchte, zu viele Dinge auf einmal zu tun: Schulen, Bibliotheken, Schulungszentren, Gesundheitszentren, erneuerbare Energie“, erinnert er sich. „Für die Gemeinden waren diese Bedürfnisse jedoch real und eng miteinander verzahnt.“ Internationale Anerkennung kam langsam, dann jedoch Schlag auf Schlag: Der UNESCO Confucius Prize for Literacy 2025 gesellte sich zu einer Reihe früherer Auszeichnungen, darunter der Ammodo Architecture Award und der Global Love of Lives Award 2024. Jeder einzelne verschaffte dem Programm größere Aufmerksamkeit und brachte es in den Fokus weiterer Förderungen. 

Mittlerweile hat sich die Idee weit über Chalan Beel hinaus verbreitet. Varianten des schwimmenden Schulmodells finden sich heute in Ländern wie Kambodscha, Vietnam, den Philippinen, Nigeria, Sambia, Pakistan und Indien, und in Bangladesch selbst haben sich an vielen Orten ähnliche, von anderen NGOs getragene Programme etabliert. Was als einzelnes Boot auf dem Gumani begann, ist weltweit zu einem Orientierungspunkt für eine klimaangepasste Bildungsstruktur geworden.

Für Rezwan liegt der Erfolg nicht primär in diesen Zahlen, sondern in dem, was er sieht, wenn er frühmorgens die Boote besteigt. „Wenn ich sehe, wie Kinder Mathematikaufgaben lösen, Gedichte aufsagen oder ihre eigenen Gedichte an die Tafel schreiben, spüre ich, dass das Lernen zu einem Teil ihres Lebens geworden ist“, sagt er. „Jedes Mal, wenn ich sie besuche, versetzt mich die Art, wie sie mich begrüßen und mit mir sprechen, in eine andere Welt. Dann verliere ich jedes Zeitgefühl.“

Fatema, die jeden Morgen wartend am Ufer des Gumani steht, ist Teil dessen, was er meint, ebenso Shohan, der ohne irgendeine Unsicherheit sagt, er wolle Polizist werden. Ihre Zukunftsvorstellungen – als Krankenschwester, als Polizist – sind die ganz normalen Träume von Schulkindern. Hier macht das Boot das Normale möglich.

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