Bis vor Kurzem noch war Flávio Bolsonaro eher eine Randfigur auf der politischen Bühne Brasiliens. Doch inzwischen macht sich der Sohn des wegen Putschversuchs inhaftieren, ultrarechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro Hoffnung auf das Amt an der Staatsspitze: Flávio Bolsonaro will ab 2027 das größte Land Südamerikas regieren.
Im Dezember hatte Jair Bolsonaro die Kandidatur Flávios verkündet, den er seinen Sohn „Nummer eins“ nennt. Innerhalb weniger Monate entwickelte er sich zum stärksten Herausforderer des amtierenden Staatschefs Luis Inácio Lula da Silva. In Umfragen zur Präsidentschaftswahl im Oktober lag der 44-jährige Senator bereits im April vor dem 80-Jährigen.
Militärisch-strenge Erziehung
Im Alter von 21 Jahren wurde Flávio Bolsonaro der jüngste Abgeordnete von Rio de Janeiro, 16 Jahre später zog er in den Senat ein. Schon damals profitierte er vom politischen Kapital des Vaters. Sicherheit war sein zentrales Thema, beliebt war er vor allem im Polizistenmilieu.
Auf sich aufmerksam machte Flávio Bolsonaro, dessen Ähnlichkeit zum Vater kaum zu übersehen ist, vor allem mit Detailforderungen. So setzte er sich etwa für ein Gesetz ein, das bei Gefängnisbesuchen Leibesvisitationen auch bei Schwangeren erlaubt. Aufgefallen ist er zudem durch Ehrungen von Miliz-Vertretern, darunter einer der Verantwortlichen für den Mord an der linken afrobrasilianischen Stadträtin Marielle Franco im Jahr 2018.
Wie die anderen drei Söhne Jair Bolsonaros durchlief der Erstgeborene eine militärisch-strenge Erziehung. Markige Sprüche schätzt er wie sein Vater. Dass Jair dem jüngeren Sohn Carlos ein Stück Seife in den Mund stopfte, weil dieser zu viel geweint hatte, kommentiert er mit: „Er war eben der Aufsässige unter uns.“ Die brasilianische Militärdiktatur bezeichnet er als „Übergang zur Demokratie“, spricht sich gegen Schwule und Abtreibung aus und verteidigt die Todesstrafe und die allgemeine Bewaffnung.
Finanzskandal gefährdet Beliebtheit
Zuletzt kämpfte Flávio Bolsonaro mit negativen Schlagzeilen. Laut einer im Mai veröffentlichten Recherche des Nachrichtenportals „The Intercept“ unterhielt er nicht nur enge Beziehungen zu Daniel Vorcaro, dem Protagonisten des Finanzskandals um die Bank Master, sondern soll den inhaftierten Banker auch persönlich um Spenden in Höhe von mehr als 130 Millionen Reais (rund 21,7 Millionen Euro) gebeten haben.
Das inzwischen kollabierte Finanzinstitut steht im Zentrum umfassender Ermittlungen wegen mutmaßlicher Geldwäsche, Korruption, Marktmanipulation und betrügerischer Finanzgeschäfte mit einem Umfang von umgerechnet rund 9 Milliarden Euro. Flávio Bolsonaro wiegelt ab, es habe sich bei seinem Anliegen um eine private Bitte gehandelt: Das Geld sollte den Dokumentarfilm „Dark House“ fließen, der vor den Wahlen im Oktober Jair Bolsonaros Leben in die Kinos bringen sollte.
Kurz vor der „Intercept“-Veröffentlichung hatte Flávio Bolsonaro noch jeglichen Kontakt zu Vorcaro geleugnet. Vor allem bei jungen Wählern, in der Mittelklasse und bei Mitte-Rechts-Wählern verlor er laut einer Umfrage des Instituts Ideai und des Nachrichtenportals „Meio“ nach der Recherche zunächst an Zuspruch.
Fragwürdige Deals
Schon in der Vergangenheit wurde Bolsonaro Junior mit fragwürdigen Deals in Verbindung gebracht. Im Jahr 2015 wurde er wegen Geldwäsche, Veruntreuung und der Bildung einer kriminellen Organisation angeklagt: Damals soll Flávio Bolsonaro Teile des Gehalts von bis zu 23 seiner Assistenten eingestrichen haben. Die Anklage wurde jedoch aufgrund seiner parlamentarischen Immunität fallengelassen.
Politisch steht Flávio seinem ultrarechten Vater Jair nahe, gibt sich aber als eine „moderatere, ausgeglichenere und zentriertere“ Version. Er sei der gegen Corona geimpfte Bolsonaro, sagt er etwa - und grenzt sich damit deutlich vom Senior ab, dem vorgeworfen wird, mit seiner Coronapolitik den Tod von knapp 700.000 Menschen mit verschuldet zu haben. Mit solchen Aussagen versucht Flávio Bolsonaro, neben den Wählern des Vaters auch diejenigen zu gewinnen, die von dessen extremen Positionen abgeschreckt sind.
Sollte Flávio, der Sohn „Nummer eins“, tatsächlich Präsident werden, verspricht er den Putschisten vom 8. Januar 2023, die nach der Abwahl seines Vaters das Regierungsviertel stürmten, eine umfassende Amnestie. Damit hätte womöglich auch der ultrarechte Ex-Präsident die Chance, sich politisch zu rehabilitieren.
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