Rodrigo Duterte hat als Präsident der Philippinen 2016 einen Krieg gegen die Drogen begonnen, für den er sich nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten muss. Denn in diesem „Krieg“ haben Sicherheitskräfte ohne Gerichtsverfahren Tausende Philippinos getötet, die als Drogenhändler oder Drogensüchtige verdächtigt wurden. Ein Großteil der Opfer kam aus armen Stadtvierteln im Großraum Manila – und genau dort war und blieb Duterte populär und fand besonders viele Wähler.
Wie passt das zusammen? Darauf hat der philippinische Soziologe Marco Garrido in seinem Fach keine befriedigende Antwort gefunden und es mit einer Forschungsmethode aus der Ethnologie versucht, der teilnehmenden Beobachtung. Auch seine Darstellung ist unkonventionell: Was er herausgefunden hat, erklärt er dem philippinischen Sozialwissenschaftler Walden Bello in einem langen und spannenden Interview.
Eine Lebenswelt mit eigenem Moralkodex
Den Schlüssel sieht Garrido in der Lebenswelt der Armen in Manila. Ihm zufolge halten sie sich auch dank starker moralischer Bindungen untereinander über Wasser. Zum Moralkodex gehöre gegenseitige Hilfe, aber auch die Verdammung von Drogensucht, weil die den übrigen Lasten aufbürde; Drogenhandel und Kriminalität seien in diesen Vierteln die größten Sicherheitsprobleme. Wo man diese nicht informell bewältigen könne, etwa mit sozialem Druck, habe der Schutz des Kollektivs Vorrang vor dem des einzelnen Süchtigen, Kriminellen oder auch nur Verdächtigen.
Die Kritik von Menschenrechtlern an Dutertes Krieg gegen die Drogen ist den Armen laut Garrido fremd. Das, betont er, heiße aber nicht, dass ihnen die Opfer egal seien oder dass sie Gewalt akzeptierten oder gar befürworteten. Man müsse als Forscher – und auch als gut situierter Bürger – verstehen, warum Schutzrechte von Individuen in der Lebenswelt der Armen in Manila schwer nachvollziehbar seien, und sich umgekehrt bemühen, deren Perspektive zu verstehen. Dafür müsse man akzeptieren, dass manchmal gegensätzliche Dinge zugleich gültig sein können, statt sie sofort in richtig und falsch zu sortieren. Nur so sei eine produktive Auseinandersetzung möglich.
Garrido liefert nur einen Teil der Erklärung für Dutertes Erfolg; dessen Strategien und reiche Helfer etwa sind nicht sein Thema. Und man kann sich fragen, ob sein Verständnis für die Billigung von willkürlicher Polizeigewalt etwas weit geht. Sein Ansatz ist aber wichtig, wenn man die Popularität extrem rechter Politiker verstehen will – auch wenn die Lebenswelten ihrer Anhänger in anderen Ländern ganz andere sind.
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