Die stummen Opfer

Zunehmend wird Vergewaltigung als Kriegswaffe auch gegen Männer und Jungen eingesetzt. Mit ihren körperlichen und seelischen Verletzungen müssen sie allerdings meist alleine fertig werden – fast alle Hilfsangebote richten sich ausschließlich an Frauen. Auch in internationalen Verträgen und Konventionen sind Männer als Opfer sexueller Gewalt nicht vorgesehen. Ein Versäumnis, das nicht nur ihnen, sondern auch den Frauen schadet. Denn die werden auf die „Opferrolle“ festgelegt.

Vergewaltigungen in Kriegszeiten sind ein hässliches Geschäft. Ihr Ziel ist es, den Feind zu erniedrigen und zu traumatisieren. Die Geschichte dieser Praxis ist so lang wie ihre Wirkung verheerend. Und aus vielen Gründen, aus denen Kämpfer in bewaffneten Konflikten Frauen und Mädchen vergewaltigen, tun sie das auch mit Männern und Jungen. Die Bilder, auf denen US-Soldaten im Irak männliche Häftlinge sexuell missbrauchen und erniedrigen, haben die Weltöffentlichkeit schockiert. Weit weniger bekannt – aber gut dokumentiert – sind Fälle sexueller Gewalt gegen Männer in Konflikten rund um die Welt, darunter in so verschiedenen Ländern wie Chile, Griechenland und Liberia.

Autorin

Lara Stemple

ist Juristin und lehrt an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Sie leitet unter anderem ein Projekt, das sich mit Gesundheit und Menschenrechten im internationalen Recht befasst.

Das sind keine Einzelfälle. Vier von fünf Befragten unter 6000 Insassen eines Konzentrationslagers in Sarajewo in Bosnien-Herzegowina gaben an, dass sie vergewaltigt worden waren. Viele Vorfälle waren traumatisch und entwürdigend, darunter schwere Genitalverstümmelungen und erzwungener Inzest. In El Salvador berichteten drei Viertel der männlichen politischen Häftlinge während des Bürgerkriegs (1980-1991) von einem oder mehreren Erlebnissen sexueller Folter.

Trotz der weit verbreiteten sexuellen Gewalt gegen Männer und Jungen in Kriegszeiten spiegelt das internationale Recht die Anschauung wider, dass darunter nur Frauen und Mädchen leiden. Resolutionen und Verträge der Vereinten Nationen nehmen hundertfach Bezug auf „Gewalt gegen Frauen“ – sexuelle Gewalt eingeschlossen. Kein Menschenrechtsinstrument hingegen befasst sich mit sexueller Gewalt gegen Männer.

Das internationale Menschenrecht vermischt das biologische Geschlecht (männlich oder weiblich, englisch: sex) mit dem sozialen Geschlecht (gesellschaftlich konstruierte Unterschiede zwischen Frauen und Männern, die zu Diskriminierung und ungleichen Machtverhältnissen führen, englisch: gender). Auf diese Weise werden Männer bei fast allen Instrumenten zur Bekämpfung sexueller Gewalt außen vor gelassen. So findet sich beispielsweise in der Konvention gegen die Diskriminierung von Frauen die Definition, Gender-basierte Gewalt sei „Gewalt, die sich gegen eine Frau richtet, weil sie eine Frau ist, oder die Frauen überproportional häufig trifft.“ Für Gender-basierte Gewalt gegen Männer ist hier kein Platz.

Ein Umgang mit sexueller Gewalt in internationalen Verträgen, der Männer einschließt, könnte viel dazu beitragen, die Erniedrigung zu verstehen

Der UN-Sicherheitsrat schneidet nicht viel besser ab. In seiner Resolution 1325 aus dem Jahr 2000 ruft er alle Kriegsparteien dazu auf, „spezielle Maßnahmen zu ergreifen, um Frauen und Mädchen vor Gender-basierter Gewalt zu schützen“. Spätere Resolutionen, in denen von „Frauen und Kindern“ die Rede ist, schließen immerhin Jungen ein.

Wie verhält sich die juristische Sprache zur Wirklichkeit? Unterschiede in den Definitionen und Methoden setzen dem Vergleich eine Grenze, aber eine Analyse von 120 Studien kam zu dem Schluss, dass weltweit drei Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens vergewaltigt wurden, bei den Frauen waren es 13 Prozent.

Noch auffälliger ist der folgende Befund: 2010 berichteten in 1000 befragten Haushalten im Osten des Kongo 22 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen von sexueller Gewalt in Konflikten. Sexuelle Gewalt hat im Ostkongo sowohl bei Frauen als auch bei Männer epidemische Ausmaße angenommen. Es spräche jeglicher Erkenntnis Hohn, daran festzuhalten, dass sexuelle Gewalt nur Frauen trifft.

Ein Umgang mit sexueller Gewalt in internationalen Verträgen, der Männer einschließt, könnte viel dazu beitragen, die Erniedrigung zu verstehen, auf die erzwungener Oralverkehr und Inzest zielen. Das wiederum ist entscheidend für unser Verständnis davon, wie männliche Opfer von sexuellem Missbrauch sich häufig ihrer Männlichkeit beraubt fühlen, sich schämen und verstummen. Wenn sie sich nicht äußern (können), trägt das dazu bei, dass Lobby-Gruppen, Medien und Regierungen das Problem weiter nicht ernst nehmen. Die Mehrheit der Tamilen in Sri Lanka, die später von sexuellem Missbrauch während des Bürgerkrieges berichtet hat, hatte den Behörden davon nichts gesagt. Der Grund: Sie schämten sich zu sehr.

Wie ist dieser einseitige Umgang mit Vergewaltigung zu erklären? Die Menschenrechtsbewegung ignorierte in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg frauenspezifische Menschenrechtsanliegen weitgehend. Erst in den 1980er und 1990er Jahren wurde Gewalt gegen Frauen zu einem Schlüsselthema, mit dem internationale Frauenrechtsaktivistinnen endlich die Aufmerksamkeit der Staatengemeinschaft erregen konnten. Doch nachdem der Fokus einmal auf das Leid von Frauen gerichtet war, blieb das so. Dieses Mal wurden die Männer übersehen.

Werden sexuell missbrauchte Männer nur als „Folteropfer“ behandelt, wird die sexuelle Komponente ihres Leidens ignoriert

Für den Ausschluss von Männern und Jungen gibt es also geschichtliche Gründe. Dennoch läuft die fortgesetzte Ausgrenzung den wichtigen Erkenntnissen über Männer als Opfern zuwider. Vergewaltigungen von Männern und Jungen zu ignorieren, bedeutet nicht nur, die Wirklichkeit zu verschleiern und die männlichen Opfer zu missachten. Es schadet auch Frauen und Mädchen. Denn es kann die problematische Sicht verstärken, die „Frau“ mit „Opfer“ gleichsetzt, und das wünschenswerte Bild von Frauen als stark und fähig verhindern. Das Schweigen über Männer in der Rolle der Opfer verstärkt ferner ungesunde Erwartungen an „richtige Männer“ und an ihre vermeintliche Unverletzbarkeit. Wenn Männer und Jungen dem Druck nachgeben und sich solchen Idealen anpassen, kann das zu einem Verhalten führen, das gefährlich ist für Frauen und Mädchen, die mit ihnen zusammenleben.

Geschlechtsspezifische Stereotypen über Vergewaltigung in Konflikten verzerren auch die Behandlung der Opfer. Weibliche Opfer haben wahrscheinlich noch weitere Traumatisierungen erfahren. Aber wenn sie als „Vergewaltigungsopfer“ behandelt werden, werden andere Verletzungen möglicherweise zu wenig berücksichtigt. Werden sexuell missbrauchte Männer hingegen nur als „Folteropfer“ behandelt, wird die sexuelle Komponente ihres Leidens ignoriert. Ärzte und humanitäre Helfer sind nur selten dafür ausgebildet, bei Männern die körperlichen Zeichen einer Vergewaltigung zu erkennen oder ihnen beratend beizustehen.

Dabei wäre es nicht schwierig, sich mit der Vergewaltigung von Männern zu befassen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag benutzt eine geschlechtsneutrale Definition von Vergewaltigung, ebenso wie viele lokale und nationale Gesetze in aller Welt. Männer in die Definition einzubeziehen, muss nicht blind machen für die Tatsache, dass Frauen überproportional häufig die Opfer sind. Es wäre auch kein Zeichen dafür, dass die Sorge um Frauen nachlässt. Mitgefühl ist unerschöpflich.

 

erschienen in Ausgabe 9 / 2011: Rüstung: Begehrtes Mordgerät

Neuen Kommentar schreiben