Begegnungen auf Augenhöhe

Am Anfang der Entwicklungshilfe stand der Einsatz von Freiwilligen
Der Einsazu von Fachleuten in Entwicklungsländern war von Anfang an ein wesentlicher Teil der Entwicklungshilfe. Regierungen, multilaterale und nichtstaatliche Organisationen (NGO) und davor schon die Kirchen entsandten Zehntausende von Lehrern, Professoren, Ärzten, Krankenschwestern, Technikern und landwirtschaftlichen Fachleuten, um zu beraten, Fachkräfte auszubilden, Projekte zu entwickeln, zu leiten und zu begutachten. Die Vermittlung von Fertigkeiten und Kenntnissen ist wichtig für die Entwicklung, und das internationale Know-how wird in vielen Formen angeboten: in Kurz- und Langzeiteinsätzen, in Gestalt von Unternehmensberatern, Managern, politischen Referenten und Allroundkräften.
 

Autor

Ian Smillie

ist Schriftsteller und Berater im kanadischen Ottawa. Er hat für den Canadian University Service Overseas (CU SO) als Freiwilliger in Sierra Leone und als Gruppenleiter in Nigeria gearbeitet. Von 1979 bis 1983 war er Geschäftsführer der Organisation.

Doch diese scheinbar so unverfängliche praktische Unterstützung war von Anfang an mit Problemen behaftet. Sie exportiere unangemessene Technologien und trage zu wenig zum Aufbau einheimischer Kapazitäten bei, lautet ein Vorwurf. Sie sei zu teuer und zu wenig am Bedarf der armen Länder orientiert. 1969 legte eine von der Weltbank eingesetzte Kommission für internationale Entwicklung unter dem Vorsitz des ehemaligen kanadischen Ministerpräsidenten Lester B. Pearson ihren Bericht „Partners in Development“ vor, der eine kritische Bilanz von 20 Jahren Entwicklungshilfe zog. Die technische Zusammenarbeit erhielt keine guten Noten. Die Kommission errechnete, dass von 100 US-Dollar, die ein Geber für „technische Unterstützung“ ausgibt, nur etwa 20 US-Dollar im Partnerland ankommen.

Heute sieht die Lage wahrscheinlich noch ungünstiger aus. Ein im Mai erschienener Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, dass eine Fachkraft pro Jahr um die 200.000 US-Dollar kostet. Davon entfallen auf das Gehalt, das mit dem eines Einheimischen verglichen werden könnte, nur 20 bis 40 Prozent. Ausgaben für Reisen, Miete, Kinderbetreuung, Aufwandsentschädigungen und Auslandszulagen machen den Rest aus. 1969 kritisierte Pearson, dass mehr als 20 Prozent der gesamten öffentlichen Entwicklungshilfe von den Personalkosten aufgezehrt wurden. Seine Kommission sprach Empfehlungen aus, um diesen Betrag zu verringern und effektiver zu verwenden.

Junge Europäer leisteten Entwicklungshilfe

Mehr als 40 Jahre später scheint sich wenig getan zu haben. Vielfach stieß der OECD-Entwicklungsausschuss auf die gleichen Probleme wie damals Pearson, und er stellte fest, dass die Ausgaben für die technische Zusammenarbeit immer noch in hohem Maß in die Geberländer zurückfließen und deshalb zu den ineffizientesten Formen der Entwicklungshilfe gehören. Wie die Europäische Kommission 2008 festgestellt hat, ist „ein bedeutender Teil der technischen Zusammenarbeit weiterhin angebotsorientiert bei geringer ,ownership‘ und Beteiligung der Partnerländer“. 2009 hatte die technischen Zusammenarbeit einen Anteil von 20,9 Prozent an den gesamten öffentlichen Nettoausgaben für Entwicklungshilfe, also praktisch genau wie 1969.

Doch gibt es bei der technischen Zusammenarbeit einen Bereich, der oft übersehen, manchmal verunglimpft und meistens unterbewertet wird – die Freiwilligen. Paul Theroux, ein hervorragender Reiseschriftsteller und Verfasser von einem Dutzend Romanen mit Bestsellerauflagen, schrieb in Malawi als Freiwilliger des Peace Corps seine beiden ersten Bücher: „Englisch als Fremdsprache“ (Band I und Band II). Er verfasste sie gemeinsam mit einem Beamten des Erziehungsministeriums, und 20 Jahre nach ihrem Erscheinen brachten sie ihm noch immer Geld ein. Als Entwicklungshelfer in den Jahren 1963 bis 1965 sah er seine erste Hyäne, rauchte zum ersten Mal Haschisch, beobachtete zum ersten Mal einen Mord (so behauptet er jedenfalls) und bekam zum ersten Mal den Tripper (wie oft das insgesamt geschah, sagt er nicht).

Einen Monat vor dem Ende seiner zweijährigen Dienstverpflichtung wurde Theroux entlassen, nachdem ihm zur Last gelegt worden war, er sei an der Vorbereitung eines Attentats auf den „Präsidenten auf Lebenszeit“ Hastings Banda beteiligt gewesen. Mit 200 Dollar in der Tasche und einem dauerhaften Groll gegenüber dem Peace Corps kehrte er nach Hause zurück. „Wenn ich an jene Zeit zurückdenke“, schrieb Theroux mehr als 20 Jahre später, „spielt das Peace Corps für mich keine große Rolle, obwohl Malawi mir noch immer am Herzen liegt.“ Er glaube nicht, dass sich „in Afrika viel geändert hat, weil das Peace Corps dort war“. Amerika hingegen habe sich durch die vielen ehemaligen Entwicklungshelfer deutlich verändert. Wenn diese später „im Außenministerium und in den Botschaften tätig wurden, bekam das diesen Institutionen sehr gut“.

Im Unterschied zum Peace Corps waren viele andere Freiwilligengruppen keine Regierungsorganisationen. Der britische Voluntary Service Overseas, die französischen Volontaires du Progrès, die deutsche Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe, Dienste in Übersee und der Evangelische Entwicklungsdienst, der Canadian University Service Overseas, das australische Overseas Service Bureau und viele andere waren und sind gesellschaftliche Organisationen. Doch wichtiger als der offi zielle Status war die Tatsache, dass sie einer Generation junger Europäer, Nordamerikaner, Japaner und Australier die Möglichkeit boten, Entwicklungshilfe zu leisten. So konnten sie etwas vom Leben der Menschen in den armen Ländern, denen man bis dahin fast nur in Zeitschriften wie „National Geographic“ begegnete, kennen und hoffentlich verstehen lernen.

Know-how wurde auf ganz neue Art vermittelt

Es ist weitgehend in Vergessenheit geraten, dass die Organisationen der Entwicklungshilfe ihre Prinzipien den internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten verdanken, die nach dem Ersten Weltkrieg überall in Europa entstanden, und dem Service Civil International (SCI), der sich in den 1930er Jahren in ganz Europa und Nordamerika verankerte. Pierre Cérésole, der Gründer von SCI, verbrachte 1931 mehrere Tage zusammen mit Mahatma Gandhi, bevor dieser von London, wo über den künftigen politischen Status Indiens verhandelt worden war, in seine Heimat zurückkehrte. Gandhis Einsatz für eine friedliche Revolution, wie sie auch der SCI anstrebte, machte auf Cérésole einen tiefen Eindruck. Als die indische Provinz Bihar drei Jahre darauf von einem Erdbeben verwüstet wurde, ging Cérésole mit drei Begleitern dorthin, um beim Wiederaufbau zu helfen. Drei Jahre lang lebten sie in den Dörfern und nahmen an der Arbeit und den Mahlzeiten der Bauern, an ihren Freuden und Nöten teil. Sie waren die ersten nicht kirchlich gebundenen Freiwilligen aus dem Westen, die – ganz untypisch für ihre Zeit – in den armen Ländern des Südens arbeiteten, lange bevor der Gedanke der freiwilligen Entwicklungshilfe oder gar der „technischen Zusammenarbeit“ aufkam und sich etablierte.

Zwanzig Jahre später entwickelten Mitglieder der australischen Sektion des World University Service, die mit der rassistischen „White Australia Policy“ ihrer Regierung nicht einverstanden waren, ein Programm für die Entsendung freiwilliger Lehrkräfte nach Indonesien, das 1953 begann. Die australische Regierung versah alle Teilnehmer mit einem Flugticket, einem Fahrrad und 50 Pfund. Sie bezogen indonesische Gehälter, lebten bei indonesischen Familien, waren aber sonst auf sich selbst gestellt. Sie wurden mit Begeisterung aufgenommen. Die Indonesier erlebten „zum ersten Mal, dass Weiße bereit und willens sind, mit uns zusammenzuleben und unser Lohnniveau und unseren Lebensstandard zu akzeptieren“, sagte der indonesische Botschafter in Canberra. „Das ist wirklich etwas ganz Besonderes, und es hat für uns eine sehr viel größere Bedeutung als die Beträge, die wir dadurch einsparen können.“ Hier wurde Know-how auf eine ganz neue Art vermittelt: Zum Export von Fachwissen traten Lernerfahrungen der jungen Leute aus dem Westen und die Möglichkeit, mit Asiaten und Afrikanern partnerschaftlich umzugehen, statt ihnen als abgehobene Experten oder als Erben der Kolonialherrschaft gegenüberzutreten.

1957 wurde der britische Voluntary Service Overseas (VSO) gegründet, um eine Alternative zum Militärdienst zu bieten. Drei Jahre später entstand der Canadian University Service Overseas (CUSO) aus dem Zusammenschluss mehrerer kleinerer Organisationen. Doch erst mit der Entstehung des Peace Corps nahm die Bewegung wirklich Fahrt auf. John F. Kennedy übernahm die Idee aus einer gescheiterten Gesetzesvorlage, die sein Konkurrent bei den Präsidentschaftswahlen 1960, Hubert Humphrey, drei Jahre zuvor eingebracht hatte, und machte das Peace Corps zum Wahlkampfthema. Nach seiner Wahl rief er in einer seiner ersten Amtshandlungen am 1. März 1961 mit seiner Unterschrift die Organisation ins Leben.In den ersten 25 Jahren nach Gründung des Peace Corps waren etwa 10.000 Kanadier, 20.000 Briten und 120.000 amerikanische Freiwillige als Entwicklungshelfer im Ausland tätig. Hinzu kamen zehntausende Europäer und Japaner, und außerdem arbeiteten Tausende für das United Nations Volunteer-Programm mit Sitz in Bonn, das bis heute im Süden wie im Norden Freiwillige rekrutiert. Anfangs waren das meist jugendliche Idealisten ohne Berufserfahrung. Sie sprangen kurzfristig ein, solange die gerade erst unabhängig gewordenen Länder noch nicht genug einheimische Fachkräfte ausgebildet hatten. Im Lauf der Jahre veränderten sich die Anforderungen; die Nachfrage konzentriert sich nun auf erfahrene, nicht ganz so junge Menschen und sogar auf Ruheständler.

Unterschiede bestehen nur noch in Bezahlung und Vergünstigungen

Die Zahl der Freiwilligen-Organisationen nahm stetig zu. „Ärzte ohne Grenzen“ wurde während des Krieges in Biafra gegründet und entwickelte sich zu einer der wichtigsten humanitären Organisationen weltweit. „Ingenieure ohne Grenzen“ entstand später, arbeitet nach ähnlichen Prinzipien mit dem Fokus wirtschaftliche Entwicklung. Da immer mehr junge Leute mit entwicklungspolitischer Bildung zur Verfügung standen, wurden immer mehr Praktikumsstellen angeboten. Mit den neuen Kommunikationstechnologien entstanden ganz neue Arbeitsmöglichkeiten für junge Leute aus dem Westen. Auf diesem Gebiet sind die heutigen Jugendlichen den älteren und auch teureren Fachkräften gegenüber klar im Vorteil.

In den Anfangsjahren wurden die Entwicklungshelfer manchmal von den Aktivisten belächelt, die sich im eigenen Land engagierten und sich auf Themen konzentrierten, die ihnen bedeutend wichtiger vorkamen: Menschenrechte, die Rassenunruhen in Chicago, die Studentenrevolte in Paris, der Prager Sommer, Vietnam. Für den amerikanischen Studentenführer Tom Hayden etwa waren Entwicklungshelfer nur ein Haufen naiver Gutmenschen. Doch der Bürgerrechtler Paul Cowan, der Studentenproteste und Busboykotts organisierte und bewusst unamerikanisch auftrat, hat Haydens Urteil als zu oberflächlich bezeichnet: „Immerhin blieben die meisten bei ihren Auslandseinsätzen zwei Jahre lang in ihren Dörfern“, schrieb er 1967, „während allzu viele selbsternannte Radikale meiner Bekanntschaft … es nur ein paar Monate in den kleinen Provinzstädten oder den Großstadtghettos aushielten, oder sie wollten überhaupt nichts mit armen Leuten zu tun haben. Taten sprechen lauter als Worte, meine ich.“

Dass das Peace Corps wohl mehr für Amerika getan hat als für das Wohl Afrikas, hat Theroux richtig gesehen. Das sagen alle ehemaligen Freiwilligen, aber es bedeutet nicht, dass sie nur wenig zur Entwicklung beigetragen haben – im Gegenteil. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, in einer Zeit, als es in armen Ländern keine ausgebildeten Fachleute gab, das Bildungswesen und die Gesundheitsversorgung auszubauen, die Landwirtschaft zu modernisieren und im Forstwesen, im Straßenbau und auf anderen Gebieten Fortschritte zu erzielen. Genau das war und ist der Zweck ihrer Einsätze.

Heute könnte man meinen, dass aufgrund höherer Ansprüche der Unterschied zwischen einem freiwilligen Entwicklungshelfer und einem „Experten“ nur noch in der Bezahlung und anderen Vergünstigungen besteht. Und dann stellt sich die Frage, warum der eine weniger und der andere mehr verdienen sollte. Diese Frage ist nicht neu; Pearson stellte sie sich schon vor 45 Jahren, als er über die hohen Kosten der technischen Zusammenarbeit nachdachte. Wenn man Freiwillige einsetzen kann, warum sollte man dann das Doppelte von dem bezahlen, was ein Experte bei sich zu Hause verdienen würde, und es „Entwicklungshilfe“ nennen?

Viele NGOs wurden von ehemaligen Freiwilligen gegründet

Eine geringere Bezahlung bietet weitere Vorteile. Weil sie weniger verdienen, nehmen die Freiwilligen ihr Gastland nicht nur durch die Scheiben ihrer klimatisierten Autos oder aus der Sicht ihrer Hausangestellten wahr. Für die meisten Freiwilligen-Programme steht dieser Aspekt noch heute im Mittelpunkt. Sie wollen nicht nur billige Arbeitskräfte vermitteln, und ihre freiwilligen Entwicklungshelfer machen nicht einfach irgendeinen Job. Die Organisationen schaffen die Voraussetzungen für einen anderen Internationalismus, der aus freundschaftlichen Kontakten und auf dem unmittelbaren Erleben von Entwicklungsfortschritten an der Basis erwächst; das war und ist ihre eigentliche Leistung.

Man findet die ehemaligen Freiwilligen heute in allen Lebensbereichen: in der Wirtschaft, in öffentlichen Ämtern, im Kulturbereich, im Journalismus, im Gesundheits- und Bildungswesen, in der Politik. Die amerikanischen Botschafter im Irak, in Indonesien und in Madagaskar haben als Entwicklungshelfer im Peace Corps gedient, ebenso wie drei derzeitige Staatssekretäre im Außenministerium. Im amerikanischen Kongress sitzen gegenwärtig sechs ehemalige Peace Corps-Freiwillige, darunter Senator Christopher Dodd, einer der Autoren des „Dodd-Frank Act“, der für mehr Transparenz im amerikanischen Finanzwesen sorgen soll. Es ist kein Zufall, dass laut diesem Gesetz die Importeure von Mineralien aus der Demokratischen Republik Kongo deren „konfliktfreie“ Herkunft nachweisen müssen.

Viele andere Freiwillige sind der Entwicklungshilfe treu geblieben. Es liegen zwar keine Statistiken vor, aber man kann davon ausgehen, dass viele Funktionäre in den meisten bilateralen und vielen multilateralen Entwicklungsorganisationen als europäische, amerikanische oder australische Entwicklungshelfer angefangen haben. Viele in den 1970er und 1980er Jahren entstandene NGOs wurden von ehemaligen Freiwilligen gegründet, und man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, dass die Hälfte oder drei Viertel der gegenwärtigen NGO-Manager aus den Industrieländern einmal wie Paul Theroux irgendwo in Afrika, Asien oder Lateinamerika in einer Klinik, einer Schule oder in anderen Bereichen gearbeitet haben.

Das Peace Corps war ein Teil von John F. Kennedys Programm der „New Frontier“, einem „Neubeginn mit unbekannten Möglichkeiten und unerfüllten Hoffnungen, aber auch mit Risiken und Gefahren“. Der Entwicklungsdienst gehört noch immer zu diesem Neubeginn – vor allem im Blick auf die Erlebnisse und die Leistungen jedes einzelnen Teilnehmers. John F. Kennedys Bruder Teddy setzte an den Schluss seiner Reden gern einen Satz, der gut zum Konzept der Freiwilligeneinsätze passt: „Die Arbeit geht weiter, unsere Aufgabe bleibt bestehen, die Hoffnung lebt, und der Traum soll niemals sterben.“

Aus dem Englischen von Anna Latz.

erschienen in Ausgabe 7 / 2011: Entwicklungsdienst: Wer hilft wem?

Neuen Kommentar schreiben