Verzicht auf den Erfahrungsschatz

Die Rückkehr nach Deutschland gilt als wichtiger Teil des Einsatzes von Entwicklungshelfern. Die Erfahrungen, die sie in armen Ländern gewonnen haben, können sie hier in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit einsetzen. In der Regel tun sie das aber ehrenamtlich: Die Stellen in diesem Bereich sind knapp.

Deplatziert und irgendwie fremd kam sich Sylvia Baringer vor, als sie nach vier Jahren in Mexiko wieder im heimischen München war. Die Sozialpädagogin war als „mitausreisende Partnerin“ mit ihrem Ehemann Uwe Nischwitz in Mexiko-Stadt. Dort beriet er einen Internetprovider für zivilgesellschaftliche Gruppen. Nach einem halben Jahr fand Sylvia Baringer eine Stelle bei einem Institut für Leitungskräfte und konzipierte Bildungsprogramme für indigene Frauen und Jugendliche. Ihre Erfahrungen kann sie für die Arbeit in der Fachstelle Eine Welt im Gesundheitsreferat der Stadt München gut brauchen.

Autorin

Claudia Mende

ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de

„Rückkehr ist der wichtigste Teil des Einsatzes“, meint Jürgen Deile vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED). „Es kommt ja auch auf Veränderung bei uns an.“ Wer etwa in Westafrika erlebt hat, dass Geflügel auf dem Markt mit Salmonellen verseucht ist, weil es aus Tiefkühlbeständen der Europäischen Union (EU) stammt, versteht die schädlichen Auswirkungen der EU-Subventionspolitik besser. Er kann vermitteln, warum auch die Industrieländer dringend eine nachhaltige Entwicklung brauchen. Doch wie können Entwicklungshelfer ihre Kenntnisse nach der Rückkehr in Deutschland sinnvoll einsetzen?

Laut dem Arbeitskreis „Lernen und Arbeiten in Übersee“ kehren pro Jahr zwischen 400 und 500 Fachkräfte aus der Entwicklungszusammenarbeit nach Deutschland zurück. Die Hälfte von ihnen geht mit einem neuen Vertrag bald wieder nach Asien, Afrika oder Lateinamerika, sie scheiden für die Bildungs- und Informationsarbeit in Deutschland aus. Die anderen müssen sich in der Regel zunächst um ihre berufliche und soziale Integration bemühen. Denn sie sind zunächst arbeitslos, es sei denn ihr früherer Arbeitgeber hat sie beurlaubt und sie können auf ihre alte Stelle zurückkehren. Der EED und die katholische Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) bieten zudem an, über einen Inlandsvertrag für eine deutsche Organisation zu arbeiten. Allerdings werden im Jahr nur etwa fünf solcher Verträge geschlossen.

Das Gros der Entwicklungshelfer kämpft zunächst mit einem „Rückkehr- oder Kulturschock“, wie die „Untersuchung zur beruflichen und sozialen Integration ehemaliger Entwicklungshelfer und Entwicklungshelferinnen“ im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Entwicklungsdienste von 2006 ergeben hat. Voll mit Erlebnissen und Eindrücken muss die Hälfte der Befragten erleben, dass in der deutschen Zentrale ihrer Entsendeorganisation kein oder nur geringes Interesse an ihren Erfahrungen und Anregungen besteht. Obwohl mehr als die Hälfte der Rückkehrer, die auf Dauer in Deutschland bleiben, hier in der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten möchte, gelingt das nur etwa 30 Prozent. „Veränderung bei uns“ nennen die staatlichen und nichtstaatlichen Entsendeorganisationen als ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit. Doch dafür steht vergleichsweise wenig Geld zur Verfügung. Zur Veränderung können die meisten Entwicklungshelfer höchstens ehrenamtlich beitragen.

Die größte Gruppe der Rückkehrer stellt der ehemalige Deutsche Entwicklungsdienst (DED), der in der Gesellschaft für internationale Entwicklung (GIZ) aufgegangen ist. Der DED setzt auf die Einbindung seiner rund 300 Rückkehrer pro Jahr in die Bildungsarbeit und will nach eigenen Angaben „einen wesentlichen Beitrag zur gerechten Gestaltung der Globalisierung und zu einer nachhaltigen Entwicklung“ leisten. Seit 2003 hat er dazu in fünf Bundesländern regionale Bildungsstellen aufgebaut. Sie machen vor allem in Schulen Angebote zum Globalen Lernen; für die Veranstaltungen erhalten die Referenten auch ein bescheidenes Honorar. Rund 250 Fachkräfte beteiligen sich an diesem Programm. 2007 haben sich der DED und nichtstaatliche Kooperationspartner zum Konsortium „Bildung trifft Entwicklung“ zusammengeschlossen. Ab 2012 soll die Bildungsarbeit in der neuen Servicestelle für zivilgesellschaftliches Engagement der GIZ zusammengefasst werden.

EED und AGEH binden die Rückkehrer auch in die politische Lobbyarbeit ein. Zentrales Instrument dafür sind bei der AGEH Facharbeitskreise zu Ländlicher Entwicklung, Friedensarbeit, Gesundheit sowie Handwerk und Berufsbildung. Sie stehen auch ehemaligen Entwicklungshelfern anderer Organisationen offen. Die Arbeitskreise suchen den gesellschaftlichen Dialog zu entwicklungspolitischen Themen. Sie diskutierten etwa mit Bauern und Verbänden in Deutschland über die Auswirkungen von Agrarsubventionen auf Kleinbauern in den Entwicklungsländern, erläutert Hans Nirschl, stellvertretender Geschäftsführer der AGEH. Etwa ein Drittel der AGEH-Fachkräfte engagiert sich nach dem Ende ihres Einsatzes ehrenamtlich. „Wir wollen damit auch einen guten Boden für die Akzeptanz von Entwicklungshilfe bereiten“, betont Nirschl. Der EED hat mit dem Rückkehrerausschuss ein offenes Netzwerk für die Ehemaligen. Es soll nicht nur persönliche Erfahrungen vermitteln, sondern auch Einfluss auf die Gremien des EED nehmen. Rückkehrer können über die Beiräte Entwicklungspolitik/Inland und internationale Programme ihre Sichtweise in die Politik des EED einbringen.

Bei den Freiwilligendiensten für junge Leute wird noch mehr Wert darauf gelegt, dass sich die Teilnehmenden nach ihrer Rückkehr engagieren. Über „weltwärts“, den Dienst des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ), sind seit 2008 mehr als 10.000 junge Menschen ins Ausland gegangen, knapp 6000 sind bereits wieder zurückgekehrt. Der Einsatz im Entwicklungsland soll Lernen durch „tatkräftiges Helfen“ fördern und einen deutlichen „Impuls für die entwicklungspolitische Inlandsarbeit“ setzen. Im Rückkehrerkonzept von „weltwärts“ stehen die Inhalte, die die jungen Menschen in die Debatte bei uns einbringen sollen: Zusammenhänge in einer immer komplexer werdenden Weltgemeinschaft vermitteln, die Akzeptanz der Entwicklungshilfe fördern, mehr Verständnis für den Interessenausgleich zwischen den Weltregionen wecken und Vorurteile gegenüber den Partnern abbauen. Die Bereitschaft, sich hier einzubringen, gilt als eine wesentliche Voraussetzung für die Teilnahme am „weltwärts“-Programm. Für Bildungsprogramme nach der Rückkehr stellt das BMZ Geld zur Verfügung.

Die jungen Menschen gingen bei „weltwärts“ in einer Lebensphase ins Ausland, in der sie Zeit hätten, sich nach der Rückkehr zu engagieren, meint Hartwig Euler, Geschäftsführer des „Arbeitskreises Lernen und Helfen in Übersee“. Für Entwicklungshelfer mit Berufserfahrung wünscht er sich ein halbes Jahr Zeit, um in Deutschland über ihre Eindrücke und Erlebnisse zu berichten. Solange sollte ihr Entwicklungshelfervertrag weiterlaufen. Dann wäre die Rückkehr ein integraler Bestandteil des Entwicklungsdienstes. Ernsthaft diskutiert wird das bei den Entsendeorganisationen aber nicht.

Bislang ist noch nicht evaluiert worden, welchen gesellschaftlichen Beitrag Entwicklungshelfer für die Bildungs- und politische Lobbyarbeit in Deutschland leisten können. Damit wurden die Wirkungen eines wichtigen Bereichs der Nord-Süd-Kooperationen bisher nicht gemessen. Angesichts der andauernden Debatte über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe ist das erstaunlich.

Sylvia Baringer kann jedenfalls in München auf die Arbeit anderer Rückkehrer zurückgreifen. Eines der wichtigsten Projekte ihrer neuen Dienststelle ist die Klimapartnerschaft der bayerischen Landeshauptstadt mit den Ashaninca im zentralen Regenwald Perus. Sie soll einen Beitrag zur Rettung der Regenwälder leisten und konnte nur durch persönliche Kontakte nach Peru aufgebaut werden.

erschienen in Ausgabe 7 / 2011: Entwicklungsdienst: Wer hilft wem?

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