„Die Regierung will, dass das Problem unsichtbar wird“

Im Süden und im Osten des Tschad leben mehrere hunderttausend Flüchtlinge aus den Nachbarländern Sudan und Zentralafrikanische Republik sowie intern Vertriebene aus Dörfern in der Grenzregion zu Sudan (siehe Kasten). Cornelia Füllkrug-Weitzel, die Direktorin von „Brot für die Welt" und der Diakonie Katastrophenhilfe, war im März vor Ort. Ihr Fazit: Die Menschen würden gern wieder zurück in ihre Heimat, doch viele ihrer Dörfer sind zerstört oder sie trauen der Sicherheitslage nicht. Und die Regierung des Tschad leistet zu wenig Hilfe, obwohl sie das Geld dafür hätte.

Wie ist die humanitäre Lage in den Flüchtlingslagern?

Schon auf den ersten Blick sehr unterschiedlich, weil die Regierung die Lager unterschiedlich behandelt und sie deshalb einen unterschiedlichen Status haben. Die Regierung möchte, dass die intern Vertriebenen aus dem Blick der Weltöffentlichkeit verschwinden. Seit vergangenem Dezember propagiert sie, dass sie sich dauerhaft in den Orten ihrer Aufnahme niederlassen oder sofort in ihre zerstörten Herkunftsorte zurückkehren. Sie möchte nicht mehr, dass Lebensmittel an sie verteilt werden. Seit Jahresende 2010 unterstützt darum das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR die intern Vertriebenen nicht mehr in den Lagern. In der Konsequenz haben auch viele internationale Hilfsorganisationen die Hilfe eingestellt. Zum Beispiel wurde unserem ACT-Alliance-Partner Lutherischer Weltbund das Lager-Management abgenommen, ohne dass jemand anderes es übernommen hat. Von nun an soll die Regierung dafür zuständig sein. Noch hat sie sich aber nicht mit dem UNHCR auf ein Abkommen einigen können. Der Regierung fehlen die Kapazitäten und die Erfahrung zur Planung und der politische Durchführungswille. Wichtig ist ihr die politische Aussage, dass es keine intern Vertriebene mehr gibt.

Zerbrechlicher Frieden im Osten des Tschad

Rund 320.000 Menschen sind in den Jahren 2004 bis 2008 nach Angaben der Vereinten Nationen aus dem Sudan und der Zentralafrikanischen Republik in den Osten und den Süden des Tschad…

Kann man es verantworten, die Vertriebenen wieder nach Hause zu schicken?

Einerseits ist es sinnvoll, weil es richtig ist, dass die Menschen so schnell wie möglich wieder Zugang zu eigenen Ressourcen erhalten und ein normales Leben in eigener Verantwortung führen können - und nicht abhängig von der Hilfe werden. Die tschadische Regierung will niemanden zwingen, aber sie hat den Vertriebenen praktisch den Hahn zugedreht. Und das ist andererseits etwas zynisch, weil die Menschen buchstäblich in die Wüste geschickt werden, solange die Regierung ihnen keine Starthilfe, keine politische Sicherheit und keine Basisversorgung in ihren ursprünglichen Wohnorten gewährt. Wir haben ein Dorf mit Rückkehrern besucht, und es ist deutlich geworden, dass dort Hilfe zum Neubeginn geleistet werden muss. Damit fangen wir jetzt an. Wir unterstützen sie beim Bau ihrer Hütten und der Wiederherstellung sozialer Infrastruktur. Die Menschen kommen nach Hause in ihre Dörfer, wo weder Hütten noch Gesundheitsstationen oder Brunnen stehen und die Felder verwüstet sind. Die Regierung unternimmt nichts, um ihnen zu helfen, die Zeit bis zur ersten Ernte zu überbrücken und die Häuser wieder aufzubauen. Dabei hätte sie Geld, immerhin fördert sie seit 2003 Öl und hat reiche Einnahmen.

Heißt das, die Regierung entzieht sich ihrer Verantwortung und überlässt die Arbeit den Hilfsorganisationen?

Im Prinzip nein, denn es sind kaum Hilfsorganisationen im Land präsent. Das liegt an der Sicherheitslage und dem Mangel an internationaler Aufmerksamkeit. Im Grunde spekuliert die Regierung einfach darauf, dass die Vertriebenen aus den Lagern verschwinden und das Problem unsichtbar wird.

Wollen die intern Vertriebenen denn wieder zurück?

Das hängt unter anderem davon ab, wie weit sie von ihrer Heimat entfernt sind. Die Vertriebenen, die aus der näheren Umgebung stammen, haben teilweise Kundschafter ausgesandt, die die Lage vor Ort prüfen konnten. Manche haben dabei in den Heimatdörfern bereits die Felder bestellt und schicken nun regelmäßig jemanden, um zu schauen, ob alles ruhig bleibt und die Saat aufgeht. Diese Leute bereiten sich aktiv auf ihre Rückkehr vor. Andere, deren Dörfer sehr nahe der Grenze zu Sudan liegen, sind viel skeptischer, weil sie nicht wissen, wie es dort aussieht und weil die Grenznähe mehr Unsicherheit bedeutet. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht wissen, wie sie den Neustart finanzieren sollen.

Wie geht es den Flüchtlingen aus Darfur?

Die sind vergleichsweise besser versorgt. Bei ihnen war von vornherein klar, dass sie länger bleiben müssen. In ihren Lagern ist die Infrastruktur besser als in den Lagern der intern Vertriebenen, etwa die Wasserversorgung und die Schulen, und sie erhalten nach wie vor Nahrungsmittel. Die Flüchtlinge leben auf sehr engem Raum in kleinen Häusern und Hütten aus Lehm und anderen Materialien, die die Gegend hergibt. Weil sie wissen, dass sie länger bleiben, sind sie von sich aus aktiver und organisieren ihr Leben in Ansätzen selbst. Sie betreiben kleine informelle Geschäfte, man sieht Straßenmärkte mit Kleinhändlern.

Woran mangelt es vor allem?

Zum einen natürlich an Einkommen und Nahrungsmitteln. Das trifft vor allem die schwächsten Bevölkerungsgruppen wie Alte, Kranke und alleinstehende Mütter. Zum anderen an sozialer Basisversorgung wie Bildungsmöglichkeiten. In einem IDP-Lager haben wir eine Schule besucht, die aus drei freien, mit Blättern notdürftig abgedeckten Flächen mit Schultafeln bestand. In jedem dieser drei Bereiche saßen Schüler einer Klasse auf dem Boden, und ein Lehrer sprang jede halbe Stunde von einer Klasse zur nächsten. Die Leute, die dort unterrichten, sind zum Teil selbst Vertriebene. Denn in dieser Gegend will kein Mensch leben und arbeiten. Und es können auch nur sehr wenige: 68 Prozent der erwachsenen Einwohner des Tschad können nicht lesen und schreiben. Es fehlt selbst für die Durchführung von Hilfsmaßnahmen auch nur halbwegs ausgebildetes lokales Personal.

Wie sieht es mit der Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser aus?

Es gibt in der gesamten Region zu wenig Wasserstellen oder Quellen. Das fördert Konflikte zwischen sesshaften Bauern und umherziehenden Nomaden, die Wasser für ihre Kamele, Kühe oder Ziegen brauchen. In den Dörfern, die intern Vertriebene aufgenommen haben, und in den Flüchtlingslagern wurden Brunnen gebohrt und Nahrungsmittel verteilt. Allerdings ist die Koordination der Vereinten Nationen schlecht, so dass etwa das Welternährungsprogramm oder UNICEF trotz ihrer zumindest theoretischen Verantwortung in einigen Lagern monatelang nicht gesehen wurden. Das macht die Lage ziemlich schwierig.

Wie engagiert sich die ACT Alliance?

Es gibt keine lokalen ACT-Mitglieder. Die zwei existierenden, recht kleinen lutherischen Kirchen sind nicht in der Lage, humanitäre Hilfe zu leisten. Vor Ort sind darum nur drei internationale Mitglieder aktiv: der Lutherische Weltdienst, die Diakonie Katastrophenhilfe und Finn Church Aid. Zeitweise wurden sie unterstützt von der Evangelisch-lutherischen Kirche in Amerika und von der Kirche von Schweden mit einem Programm zur Behandlung psychosozialer Traumata der Flüchtlinge.

Erhalten nur die Flüchtlinge und intern Vertriebenen humanitäre Hilfe oder auch die einheimische Bevölkerung?

Wenn sich Flüchtlinge inmitten der lokalen Bevölkerung angesiedelt haben, dann bekommen alle Unterstützung. Das ist eines unserer Prinzipien. Es ist falsch, einer hungernden Bevölkerung gut ernährte Flüchtlinge vor die Nase zu setzen. Das führt zwangsläufig zu Konflikten.

Gibt es Konflikte zwischen Flüchtlingen und einheimischer Bevölkerung?

Nein, im Gegenteil. Die Flüchtlinge wären ohne die Hilfe der einheimischen Bevölkerung völlig ausgeliefert gewesen. Im gesamten Länderdreieck Tschad, Sudan, Zentralafrikanische Republik gibt es etwa 3,2 Millionen intern Vertriebene und Flüchtlinge. Die meisten von ihnen wurden in den ersten Monaten bevor internationale Hilfe anläuft im Wesentlichen von der lokalen Bevölkerung versorgt, die selbst bitterarm ist. Noch heute, Jahre nach ihrer Ankunft, werden viele in den Dörfern mit durchgefüttert. Und da regt die italienische Regierung sich über einige tausend Flüchtlinge in Lampedusa auf und sagt, sie könne die Last nicht mehr allein tragen.

Besteht die Gefahr von neuen Konflikten, wenn die Versorgung der intern Vertriebenen jetzt eingestellt wird, die der Flüchtlinge aus Darfur aber weiterläuft?

Spannungen gibt es. Eifersucht, Neid und ein deutliches Empfinden von Ungerechtigkeit, was ja auch nicht unzutreffend ist. Die intern Vertriebenen brauchen deshalb Gewissheit, dass ihre Heimatdörfer sicher sind und sie an einen Ort zurückkehren können, an dem sie überleben können. Keiner hat ein übermäßiges Interesse, im Flüchtlingslager zu bleiben - auch wenn sie dort halbwegs sicher versorgt sind. Wenn die Regierung ihnen bei der Rückkehr mehr helfen würde, wäre die Bereitschaft vermutlich hoch. Laut dem UN-Büro für die Koordination humanitärer Hilfe OCHA gelten 43.000 intern Vertriebene als rückkehrwillig.

Besteht für die Flüchtlinge aus Darfur Aussicht, in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückzukehren?

Sie möchten das, aber die Sicherheitslage lässt es nicht zu. Und solange nicht klar ist, was mit dem Südsudan wird, weiß ohnehin niemand, wie sich die Lage weiter entwickelt.

Ende 2010 hat die UN-Mission MI NURCAT zum Schutz der Bevölkerung und zur Sicherung der humanitären Versorgung auf Wunsch der Regierung den Tschad verlassen. Wirkt sich das auf die Sicherheitslage aus?

Als Ersatz hat die Regierung eine Sondereinheit der Polizei geschaffen, die für Sicherheit sorgen soll, die Détachement Intégré de Sécurité (DIS). Wir persönlich haben mit der DIS keine besonders guten Erfahrungen gemacht: Unsere Eskorte war vor allem an der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse interessiert, etwa dann zu fahren, wenn Markttag ist, und weniger daran, die Versorgung der Flüchtlinge sicherzustellen. Die Regierung gibt sich aber Mühe, für Sicherheit zu sorgen. Sie steht natürlich auch unter verschärfter internationaler Beobachtung, weil ihr das keiner zutraut. Die Sicherheitslage hat sich seit dem Abzug von MINURCAT nicht verschlechtert, das heißt sie haben das soweit im Griff. Bei den Vertriebenen, die zurückkehren wollen, herrscht aber dennoch Skepsis, ob die Polizei sie schützen wird. Es gab bisher noch keinen größeren Ernstfall, in dem sich die Polizei hätte beweisen müssen. Einigermaßen wirkungsvoll scheinen indessen die gemeinsam mit dem Sudan geschaffenen gemischten Grenztruppen zu sein. Das ist ein Novum und könnte zum Vorbild für andere Konfliktregionen werden. Die Truppen haben tatsächlich die Sicherheit an der Grenze erhöht und zum Rückgang der Konflikte beigetragen.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

Cornelia Füllkrug-Weitzel
ist Direktorin von „Brot für die Welt" und der Diakonie Katastrophenhilfe sowie Koordinatorin des weltweiten kirchlichen Hilfsbündnisses ACT Alliance.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2011: Die Freiheit des Glaubens

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