Falsches Rezept

Der Handel mit gefälschten Medikamenten kennt keine Grenzen. Arzneimittel, die nicht das enthalten, was ihre Packung verspricht, bedrohen die Gesundheit von Menschen weltweit. Doch während es im Westen vor allem um – verzichtbare – Potenzmittel, Schlankheitspillen und Hormonpräparate geht, kann in den Ländern des Südens schnell das Leben auf dem Spiel stehen. Etwa wenn das Malariamittel, das der Straßenhändler an der Ecke feilbietet, zu wenig des benötigten Wirkstoffs enthält oder überhaupt nichts davon. Ein Prozent der Medikamente, die in Europa verkauft werden, sind laut Experten gefälscht. In Entwicklungsländern sollen es bis zu 50 Prozent sein.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Das Geschäft boomt. Es spielt sich im Verborgenen ab, deshalb kennt niemand sein genaues Ausmaß. Doch laut Schätzungen des unabhängigen Pharmaceutical Security Institute (PSI) in Wien werden mit gefälschten Pillen jährlich zwischen 75 und 200 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Experten fürchten, dass der Markt weiter wächst. Denn die Verlockung, mit gefälschten und geschmuggelten Tabletten gutes Geld zu verdienen, ist groß: Es ist einfach, kostet wenig und verspricht eine hohe Gewinnspanne. Außerdem ist das Risiko für Fälscher und Schmuggler, geschnappt und bestraft zu werden, anders als für Drogenhändler eher klein, vor allem in Entwicklungsländern.

Nur jeder fünfte der 193 Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gut funktionierende Kontrollbehörden und Regelungen für die Herstellung, die Zulassung und den Verkauf von Medikamenten. Es gibt bisher auch kein internationales Übereinkommen, das die Zusammenarbeit der Staaten bei der Verfolgung des Handels mit gefälschten Arzneimitteln regelt oder sie auch nur zum Austausch von Daten anhält. Entschiedene Schritte gegen die Produktion und den Verkauf falscher Pillen sind überfällig. In der Weltgesundheitsorganisation wird darüber seit fast zwanzig Jahren diskutiert. Zwar wurde 2006 eine internationale Taskforce für den Kampf gegen gefälschte Arzneimittel eingerichtet. Doch bislang konnten sich die WHO-Mitglieder nicht auf eine Strategie im Umgang mit dem Problem einigen.

Einer der Gründe: Man streitet über die Definition von „gefälscht“: Einige Industrieländer, darunter die Europäische Union (EU) und die USA, nehmen das Problem zum Anlass, auf eine Verschärfung von Marken- und Patentrechten zu dringen. Sie werfen dabei gefälschte, minderwertige und generisch hergestellte Medikamente in einen Topf. Schärfere Patentrechte würden die Herstellung von billigen Kopien erschweren und die Menschen besser vor gefälschten Arzneimitteln schützen, lautet die Argumentation.

Genau das Gegenteil dürfte aber der Fall sein. Denn Generika sind wirksame Nachahmerpräparate von Markenmedikamenten, die zu günstigeren Preisen verkauft werden. Arme Menschen in Entwicklungsländern sind auf diese preiswerte Alternative angewiesen. In vielen Ländern haben sie noch keinen kostenlosen Zugang zu lebenswichtigen Arzneimitteln. Viele greifen zu gefälschten Pillen, weil die Gesundheitssysteme zu schwach sind, das Angebot an guten Medikamenten knapp oder unzuverlässig ist oder weil diese schlicht und einfach unbezahlbar sind. Dieser Trend könnte sich verstärken, wenn weniger Generika auf dem Markt sind. Vorrangig müsste also das Ziel der Industrieländer sein, ärmere Staaten beim Aufbau von Gesundheitssystemen und von wirksamen Arzneimittelkontrollen zu unterstützen.

Hier setzt eine Anfang März gestartete Initiative des evangelischen Deutschen Institutes für Ärztliche Mission und des katholischen Missionsärztlichen Institutes an. Gemeinsam mit Partnern aus Tansania, Ghana und Kamerun wollen sie Netzwerke zwischen universitären Einrichtungen, staatlichen Behörden und nichtstaatlichen Organisationen aufbauen, um gefälschte Medikamente besser und schneller zu entlarven. Unter anderem sollen Tests entwickelt werden, für die nur einfache Laborgeräte benötigt werden.

Darüber hinaus sind viele Fälschungen so geschickt gemacht, dass noch nicht einmal Experten einen Unterschied zum Original erkennen können. Wie soll das dann ein Laie schaffen, zumal wenn er oder sie nur eine geringe Schulbildung besitzt oder gar nicht lesen kann? Neben besseren Kontrollen ist es deshalb unerlässlich, die Menschen besser über die Gesundheitsrisiken aufzuklären, denen sie sich mit Pillen vom Straßenhändler aussetzen.

 

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