Afghanistan
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"Das totale Dämonisieren der Taliban ist falsch"

Reinhard Erös engagiert sich schon seit 30 Jahren in Afghanistan. Mit seiner Initiative "Kinderhilfe Afghanistan" hat er in den letzten 20 Jahren 30 Schulen in von Taliban dominierten Provinzen gebaut - mit Zustimmung und Unterstützung der Mullahs. Er glaubt nicht, dass die Taliban das Rad zurückdrehen werden und ist überzeugt, dass Mädchen weiter zur Schule gehen können.

 Dr. Reinhard Erös ist Oberarzt a.D. der Bundeswehr und betreibt seit 1998 zusammen mit seiner Frau Annette und seinen fünf Kindern die Kinderhilfe Afghanistan. Die Organisation leistet in den Ostprovinzen Afghanistans humanitäre Hilfe, etwa mit dem Bau von Schulen, Waisen- und Krankenhäusern.suess/privat
 Seit die Taliban die Macht in Kabul übernommen haben, fliehen viele Menschen aus Angst vor einer erneuten Schreckensherrschaft. Wie ist die Lage im Osten des Landes, wo die Kinderhilfe Afghanistan 30 Schulen betreibt? 
Im Osten des Landes ist es ruhig, da herrscht ganz normales Geschäftsleben. Unseren knapp 2000 einheimischen Mitarbeitern geht es gut, sie arbeiten ganz normal weiter. 

Dieses Gebiet ist seit langem eine Hochburg der Taliban. Seit 2002 hat die Kinderhilfe dort Schulen für rund 60.000 Schülerinnen und Schüler gebaut. Wie haben Sie die Taliban von Ihrem Vorhaben überzeugt?  
Mit Logik, Kenntnissen des Islam und vor allem mit meinen paschtunischen Sprachkenntnissen. Wer die Sprache des Landes nicht beherrscht, ist verloren, denn bis hoch zum Bürgermeister spricht niemand Englisch. Es brauchte Kulturkompetenz, Sprachkompetenz und Glaubwürdigkeit. Mir hat außerdem mein persönliches Image geholfen. Ich bin ja seit über 30 Jahren in Afghanistan tätig, ich war dort einer der wenigen Ärzte während des sowjetisch-afghanischen Krieges. Ich war also bekannt vor Ort, ich hatte und habe immer noch eine hohe Glaubwürdigkeit, die Leute vertrauen mir.   

Befürchten Sie, dass sich der Unterricht jetzt durch Vorgaben der Taliban ändern wird? 
Was soll sich denn ändern? Diese Horrormeldungen der letzten Tage vom Flughafen in Kabul haben mit dem Rest von Kabul, wo ja vier Millionen Menschen leben, und vor allem mit dem Leben im Rest von Afghanistan, zumindest wie ich es von meinen Mitarbeitern erfahre, nichts zu tun. Und in vielen Gebieten, wo wir Schulen unterstützen, haben die Taliban längst das Sagen.

Sie fürchten also nicht, dass sich an Ihrer Arbeit in den Schulen etwas ändern wird, etwa dass Lehrerinnen nur Mädchen unterrichten dürfen und Lehrer nur Jungs? 
Als ich früher in Bayern zur Schule gegangen bin, war das dort auch so und im Gottesdienst haben die Buben und Männer rechts gesessen, und die Mädchen und Frauen links. Die Trennung der Geschlechter ist also auch bei uns noch nicht so lange vorbei, und das zu ändern braucht Zeit. In Afghanistan gehen die Mädchen aber jetzt immerhin zur Schule, und das wird auch so weiter gehen. Jetzt ist die Lage im Osten des Landes sogar sicherer, weil dort nicht mehr gekämpft wird, weil dort keine amerikanischen Drohnen mehr Bomben abwerfen oder Dörfer beschießen, weil dort keine Minen mehr auf den Straßen verlegt werden und weil dort keine Selbstmordattentäter unterwegs sind. Endlich ist hoffentlich der Krieg vorbei. Dort wird die Zukunft, soweit sie vorhersehbar ist, besser sein als die letzten zwanzig Jahre. 

Können Sie nicht verstehen, dass viele Afghaninnen nun Angst haben, dass ihr Leben wieder so wird wie während der Taliban-Herrschaft zwischen 1996 und 2001? 
Zwischen 1996 und 2001 herrschte ein Terrorregime der Taliban: Alle Rechte, die wir im Westen für wesentlich halten, haben sie missachtet. Ich hätte dort nicht leben wollen. Trotzdem, und das wird hierzulande kaum erwähnt, sind während des Talibanregimes nur ein paar Tausend Menschen geflohen, obwohl es möglich war. Davor, während der sowjetischen Besatzung und des Bürgerkriegs danach, und auch seit 2001/2002, nach dem Einmarsch des Westens, sind mehrere Millionen Afghanen geflohen. Die Idee vom Paradies, das entstanden ist, seit wir da sind, ist schlicht falsch. In den letzten zwanzig Jahren sind in Afghanistan circa 200.000 bis 300.000 Afghanen bei Kämpfen ums Leben gekommen, während der Talibanzeit viel weniger. Ich selbst bin während dieser Zeit problemlos durch Afghanistan gereist. Da gab es keine Straßensperrungen, keine Checkpoints und so gut wie keine Korruption. Worauf ich hinaus will: Dieses totale Dämonisieren der Taliban und des Islamismus und andererseits das Glorifizieren der Gegenseite ist falsch. Afghanistan ist eines der korruptesten Länder geworden, seit der Westen dort einmarschiert ist. Die Taliban waren in den letzten Wochen und Monaten auch so erfolgreich, weil ein Großteil der Bevölkerung, vor allem in der Sprachgruppe der Paschtunen, sie unterstützen. Nicht weil man die Taliban besonders liebt, sondern weil die andere Seite, die korrupte, die mit dem Westen verbundene Seite, in ihren Augen nicht besser ist. 

Die Taliban wollen das islamische Recht, die Scharia, anwenden. Was ist damit gemeint? 
Man muss sehen, wie das interpretiert wird. Afghanistan ist laut Verfassung bereits jetzt eine islamische Republik und darin steht zum Beispiel der Paragraph „Kein Gesetz in Afghanistan und keine Regierungshandlung darf dem Gesetz des Islams widersprechen“. Die Scharia ist ja, vergleicht man es mit deutschen Gesetzen, eine Mischung aus Bürgerlichem Gesetzbuch, Strafgesetzbuch und Familienrecht. Darin gibt es Sanktionen für Übeltäter, die von körperlicher Züchtigung über Hand abhacken bis hin zu Steinigung reichen. Wir wissen, dass während der Talibanzeit gesteinigt wurde, wie viele Menschen, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass das in Saudi-Arabien bis heute geschieht. Da köpft jeden Freitag nach dem Gottesdienst der Scharia-Henker den „Verbrecher der Woche“. Das wird allerdings im Westen nicht thematisiert, weil man zu abhängig von Saudi-Arabien ist. Nun befürchten viele, dass auch in Afghanistan wieder Hinrichtungen stattfinden, dabei geschieht das in Saudi-Arabien wöchentlich. Diese Doppelmoral ist ärgerlich. 

Frauen, die in Kabul nach westlichen Werten gelebt haben, und Aktivistinnen, die sich für Frauenrechte engagieren, fürchten jetzt um ihr Leben. Mit Grund?
Ich weiß nicht, ob Afghaninnen, die hochgebildet sind, die studiert haben, die ein reiches Elternhaus haben und priviligiert nach westlichen Werten gelebt haben, so weiterleben können. Für sie wird es sicher schwieriger. Aber man darf nicht vergessen, dass sie wenige Prozent der Frauen in Afghanistan ausmachen. Mir geht es um die 90 oder 95 Prozent Frauen, die auf dem Land außerhalb Kabuls und der anderen Großstädte leben. Die als Schwestern, Töchter, Mütter ein physisch brutal hartes Leben haben. Die Väter und Mütter dort mussten und müssen schauen, dass sie – ich sage das als Arzt – jeden Tag genügend zu Essen schaffen, um ihren vier oder fünf Kindern das rein physische Leben zu ermöglichen. Unseren Projekten ging es darum, dass all diese Frauen, die so hart gelebt haben, nicht nur ihre Buben, sondern auch ihre Töchter zur Schule schicken konnten. Wenn sie klug waren, konnten die auch noch auf die Oberschule gehen und Abitur machen. Wahrscheinlich haben inzwischen Tausende Mädchen von uns unterstützte Schulen besucht und studieren können. In der entlegenen Provinzen Laghman ist mit unserer Hilfe sogar eine Universität entstanden.  Und ich gehe mal davon aus, dass das so weiter geht, schließlich waren die Taliban damals Ende 2011 bei der Grundsteinlegung dabei und haben den Betrieb der Universität wie auch aller Schulen unterstützt. 

Die Kinderhilfe Afghanistan

Die Kinderhilfe Afghanistan ist eine private Initiative des Regenburger Arztes Reinhard Erös sowie seiner Frau Annette Erös und ihren fünf erwachsenen Kindern. Die Familien-Initiative wurde 1998 ins Leben gerufen und…

Gibt es unter den Taliban verschiedene Strömungen von Pragmatikern bis zu Hardlinern?
Sehr wahrscheinlich – das ist so, wie wenn Sie bei uns nach den verschiedenen Flügeln in der AfD, der CDU oder der SPD fragen. Die Taliban sind keine Heiligen, ich würde mir auch wünschen, dass eine andere politische Gruppe an die Macht käme, die mehr an liberalen Werten und Rechten ausgerichtet ist. Oder eine Gruppe, die wirtschaftlichen Sachverstand mitbringt, denn die Taliban haben den nicht.  

Sie haben es schon angesprochen, Afghanistan hat auch Probleme wie Mangelernährung, Hunger, ein marodes Gesundheitssystem, schlecht funktionierende Wirtschaft und Korruption. Wo brauchen die Menschen am meisten Hilfe? 
Ich habe es seit langem für problematisch gehalten, fast alle deutsche Entwicklungshilfe auf Kabul und auf das Thema Frauenrechte zu konzentrieren, also dass Frauenhäuser gebaut werden. Natürlich sind Frauenhäuser wichtig, aber meiner Meinung nach hätten andere Schwerpunkte gesetzt werden müssen. Auch die Konzentration auf Kabul war falsch. Die Begründung der damaligen Ministerin Wieczorek-Zeul für das Engagement in Kabul war im Jahr 2003, es in ein Juwel des wirtschaftlichen Erfolges verwandeln zu wollen, wo die Jugend frei und gebildet ist, wo sie westliche Kultureinrichtungen wie Kinos haben, wo die Menschen dann nach westlichen Werten leben. Ihre Hoffnung war, dass das dann ausstrahlt auf alle anderen Provinzen. Eine falsche Strategie. Aber die Menschen hatten 30 Jahre Krieg hinter sich, in dem mindestens 1,5 Millionen Afghanen gestorben sind. Das hat nicht funktioniert und konnte auch nie funktionieren. 

Wie sehen Sie die Zukunft von Afghanistan? Es sieht ja im Moment danach aus, dass westliche Regierungen nun die afghanische Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen wollen.
Immerhin hat Außenminister Heiko Maas jetzt einen Sonderbeauftragten nach Doha entsandt, der mit den Taliban verhandeln soll. Mal sehen, was da rauskommt. Es ist auch die Frage, ob die deutsche Entwicklungshilfe an Bedingungen geknüpft wird und wenn ja, an welche. Seit dem ersten Weltkrieg hat kein anderes Land der Welt in Afghanistan ein so gutes Ansehen und so viel Vertrauen genossen wie Deutschland. Das haben wir in den vergangenen Jahren viel zu wenig genutzt und stattdessen am politischen Rockzipfel der in Afghanistan unbeliebten US-Amerikaner gehangen. 

Das Gespräch führte Melanie Kräuter. 

Kommentare

Vielen Dank, dass mal abseits der üblichen Schwarz-Weiß-Malerei und der "Wir sind die Besten"-Haltung ein Blick auf eine Gesellschaft geworfen wird, die wir nur schwer verstehen und die vor allem dank dem "Werte"-Westen Jahrzehnte brutalen Kriegs erdulden musste. Übrigens, dass die Sowjets dort gerufen wurden von einer eher sozialdemokratischen Regierung, war auch durch die Aufrüstung der Mudjaheddin und Taliban durch die USA verursacht. die nämlich eine ihnen unliebsame sozialistische Regierung mit deren Hilfe beseitigen wollten und der UDDSR ihr Vietnam bereiten wollten.

> war auch durch die Aufrüstung der Mudjaheddin und Taliban durch die USA verursacht

Die Taliban gab es zu der Zeit noch nicht. Sie entstanden erst in den Flüchtlingslagern in Pakistan.

Interessant, Ihre Darstellung. Wäre es für eine Familie aus Kabul, möglich, zu Ihnen zu ziehen? Die Eltern und Geschwister unseres Mitbewohners leben in Todesangst in Kabul. Sie haben sehr schlechte Erfahrungen mit den Taliban gemacht. Ein Bruder ist auf der Todesliste, die Schwester, Witwe und Mutter von 6 Kindern darf schon lange nicht mehr für eine schwedische NGO arbeiten. Sie wurde auf ihrem Arbeitsweg von den Taliban abgefangen, weil sie als Frau alleine auf der Straße war. Der Jüngste der Familie wurde ebenfalls ständig von den Taliban bedroht, er lebt nun bei uns in Deutschland. Die Freunde von ihm erzählen ähnliche Schicksale- tatsächlich eher schlimmere, als wir sie in den Medien hören. Aber offensichtlich ist es Ihnen gelungen, einen Weg zu finden, mit den Taliban zurechtzukommen. Ein Weg, den viele Einheimischen nicht gefunden haben. Eventuell bietet ihr Ort aber eine Zukunft für diejenigen, die sonst keine Hoffnung mehr haben.

Ich kann und will die Vorgaben der Scharia im Islam nicht akzeptieren. Leider leben auch noch Muslime, wenn sie einige Zeit in der EU/Deutschland sind, immer noch nach den Vorgaben der Scharia. Ich persönlich würde als Frau dieser Religion sofort den Rücken kehren, wenn man die Möglichkeit hätte. Deshalb wundert es mich nicht, daß in Afghanistan die Taliban das Sagen haben.

Das Dämonosieren des angeblichen Feindes, Gegner zum Feind erklären und in abscheulichsten Formen darzustellen, das gehört zur Vorbeitung, Führung und bis zum kläglichen Ende großen und kleinen Kriege, die wir kennen.
Damit werden und wurden Kriege gemacht, Menschen dazu gebracht hasserfüllt nach Krieg zu schreien, Krieg zu fordern, unausweichlich, alternativlos zu sehen und zu rechtfertigen. Das geschieht zur Stunde wieder und bedeutet nichts anderes, verlorene Kriege , hunderttausende Opfer, Zerstörung, Elend und Hunger der Völker, schaffen nicht die geringste Einsicht oder Lehre, im Gegenteil , neue , weitere Kriege werden angedacht. Tränen, Geheuchel, was Flüchtlinge in Lagern, auf der Flucht, in meeren ertrunken in Afghanistan und anderswo täglich Realität ist, denen nie zuteil wird, das muß jetzt wieder herhalten Krieg zu rechtfertigen. Wann begreift die Menschheit dieses Spiel, die Realität die Kapital- Krise - Krieg heißt?

Es erfüllt mich jeden Tag mit Stolz, dass ich schon seit über 10 Jahren meinen monatlichen Beitrag an
die Kinderhilfe Afghanistan unter Führung des großen Menschenfreundes Dr. Erös und seiner leisen Frau
spende, die Kinder der Mutter Theresa. Ich wünsche Ihm ein ewiges Leben.

Jetzt bin ich beruhigt. Ich werde also weiterhin für Ihre Schulen in Afghanistan spenden!

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