Chronik des Chaos

Hans Christoph Buch
Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat
Wagenbach Verlag, Berlin 2010,
189 Seiten, 12,90 Euro


Seit dem großen Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit mehr als 250.000 Toten liegen die politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Probleme Haitis off ener zutage als je zuvor. Der Begriff des „gescheiterten Staates“ ist in aller Munde. Für viele im Norden ist der Karibikstaat zum hoffnungslosen Fall geworden. Hans Christoph Buch, deutscher Schriftsteller mit haitianischen Wurzeln, hat nun einen „Nachruf auf einen gescheiterten Staat“ vorgelegt, in dem er die Konfliktlinien aufzeigt, die Haiti bereits während der Kolonialzeit und in den Jahren der Nationenwerdung (ca. 1790 bis 1805) durchschnitten haben.

Sein Buch ist eine vielstimmige literarische Collage, in der zahlreiche Quellen zueinander in Beziehung gesetzt werden: Briefe und Depeschen, die zwischen Paris und der Kolonie Saint-Domingue ausgetauscht wurden, Proklamationen von militärischen Anführern und Aufständischen, Mitschriften von Parlamentsdebatten, Auszüge aus Gesetzestexten, in denen die Gleichberechtigung gewährt oder widerrufen wird, und einiges mehr. Der Autor hat zahlreiche Passagen erstmals aus dem Französischen oder dem Kreolischen übersetzt. Er bemüht sich dabei um einen stimmigen „sound“, der an 200 Jahre alte deutschsprachige Texte erinnert. Kunstvoll arrangiert er die Textauswahl und arbeitet mit wiederkehrenden Motiven und handelnden Figuren, was bei der Lektüre sehr hilfreich ist.

Besonders gelungen sind Auswahl und Aufbereitung, wenn Buch den Aufstand der Sklaven im Jahr 1791, die Entsendung einer französischen Strafexpedition und deren Scheitern beschreibt. Der Riss quer durch die Gesellschaft wird etwa in der reaktionären Aussage eines weißen Pflanzers deutlich: „Wir haben nicht eine halbe Million Wilde an der afrikanischen Küste gekauft, um sie zu französischen Bürgern zu machen.“ Ein anderer Vertreter der „Blancs“ rechnet in einem Brief die Zahl der schwarzen Aufständischen künstlich herunter und diskreditiert ihre Ziele mit Häme.

Deutlich werden auch die Widersprüche zwischen dem Mutterland Frankreich und der Kolonie: Zwar unterstützte die weiße Oberschicht von Saint-Domingue die Verfolgung der Parteigänger des in Paris gestürzten Königs. Gleichzeitig aber widersetzten sich die Kolonialisten der im Mutterland proklamierten Gleichheit aller Menschen. Mehrere Seiten sind ferner dem haitianischen Nationalhelden und Anführer der Befreiungsbewegung Toussaint Louverture gewidmet. Er stellte sich Napoleons geplanter Aufhebung der Gleichberechtigung in den Weg, förderte aber zugleich den „Import“ weiterer Sklaven aus Westafrika, weil die Landwirtschaft auf der Insel nach vielen Jahren des Bürgerkrieges unter einem immensen Arbeitskräftemangel litt. „Gemeinwohl, Konsens und Kompromiss sind in Haiti unbekannt“, schreibt Hans Christoph Buch, „zu schweigen von Fairness und Toleranz.“ Die Erkenntnis, dass der Mangel an gesellschaftlichem Miteinander und der Überfluss an chaotischen, tragikomischen Vorkommnissen in der Geschichte Haitis bereits vor über 200 Jahren begründet wurden, liefert der vorliegende Band auf eindrucksvolle, gut lesbare Weise.


Thomas Völkner

 

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