Mit Zuckerbrot und Peitsche gegen die Taliban

Ahmed Rashid
Taliban. Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch
C.H. Beck, München 2010,
480 Seiten 14,95 Euro

Ahmed Rashid
Sturz ins Chaos.
Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban

Edition Weltkiosk im C.W. Leske Verlag Düsseldorf 2010,
340 Seiten 19,90 Euro


Am 11. September 2001 lernte die Weltöffentlichkeit zwei neue Wörter: Al-Qaida und Taliban. Nach dem vermeintlich kurzen Militärschlag am Hindukusch, mit dem Afghanistans Gotteskämpfer zunächst vertrieben wurden, richteten sich für einige Jahre die Blicke auf den Irak, wo US-Präsident George Bush mit dem „Krieg gegen den Terror“ und dem Sturz des Diktators Saddam Hussein vergeblich versuchte, eine Neuordnung des Nahen Ostens herbeizuführen. Sein Nachfolger Barack Obama hat inzwischen die Priorität bei der Terrorbekämpfung wieder auf Afghanistan gelegt, aber auch hier zeichnet sich inzwischen ab, dass es für Amerikaner und Verbündete kaum um mehr als einen Abzug ohne Gesichtsverlust geht.

In den Augen von Ahmed Rashid hätte das nicht so kommen müssen. Und das Scheitern ist für ihn noch immer abzuwenden. Rashid hatte bereits im Jahr 2000 ein Buch über die Taliban geschrieben, dessen englische Ausgabe allein 1,5 Millionen mal verkauft und in 26 Sprachen übersetzt wurde. Der 1948 in Pakistan geborene Journalist schrieb damals für die Wirtschaftszeitschrift „Economist“. Seit 1978 berichtete er über die Kriege in Afghanistan und die Nebenkriegsschauplätze der Region, vor allem in Pakistan. Nach der Rückkehr der Taliban und dem Eingeständnis, dass auch die Bundeswehr einen Krieg führt, sind zwei seiner Bücher nun ins Deutsche übersetzt worden: die „Taliban“, mit einem neu geschriebenen Teil über die Zeit nach dem 11. September 2001, und das 2008 auf englisch erschienene Buch „Sturz ins Chaos“, das die zurückliegenden zehn Jahre der fortschreitenden Krise der Region in den Fokus nimmt.

Im Mittelpunkt von Rashids Kritik stehen vor allem die Vereinigten Staaten und die pakistanischen Militärs. Sein Szenario lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Auf die Destabilisierung folgte die Islamisierung beziehungsweise Talibanisierung; und am Ende steht möglicherweise die islamische Bombe. Den Grund für den Erfolg der Taliban sieht Rashid in der Unentschlossenheit der Regime dieser Region und der internationalen Gemeinschaft sowie im Fehlen geeigneter Strategien. In seinem Buch „Sturz ins Chaos“ beschreibt er ausführlich die ambivalente Haltung der pakistanischen Militärs zu den Islamisten und die Geschehnisse in den Tribal Areas, also dem Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Der frühere Präsident Pervez Musharraf wird als heimlicher Helfer der Taliban gezeichnet. Insgesamt herrscht der Tenor, Afghanistan werde im Stich gelassen.

Zur Lösung der Konflikte schwebt Rashid eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche vor. Mit den Taliban müsse einerseits verhandelt werden, denn sie bildeten keinen monolithischen Block. Andererseits dürfe der militärische Druck auf sie nicht nachlassen, sonst seien sie nicht zu Kompromissen bereit, unterstreicht er. Die harten Schläge gegen die Islamisten und der Druck auf Pakistans Militär müssten wiederum mit einer entschlossenen und umfassenden Entwicklungspolitik kombiniert werden, die sich der dringenden Probleme der Region annimmt: Armut, wirtschaftliche Misere, mangelnde Schulbildung und hohe Arbeitslosigkeit. Über diese Gemeinplätze geht Rashid in seiner Darstellung allerdings nicht hinaus.

Rashids Perspektive ist vorwiegend politisch. In seinen Büchern geht es um Interessen, Strategien, Kalküle. Nicht zufällig hat er in den vergangenen drei Jahrzehnten fast jeden der wichtigen regionalen Akteure persönlich kennengelernt - nicht ohne Risiko, denn etwa der Mudschahedin-Warlord Hekmatyar trachtet dem mutigen Journalisten seitdem nach dem Leben. Über gesellschaftliche Prozesse und deren kulturelle Grundierungen erfährt man hingegen wenig. Dafür muss man keineswegs Islamwissenschaft studiert haben, um seinen Schriften gut folgen zu können.

Ahmed Rashid schickt sich an, ein Expertenmonopol in der veröffentlichten Meinung über Afghanistan und Pakistan zu besetzen. Es ist allerdings nicht seine Schuld, wenn sein Urteil – das immer zupackend, niemals aber besserwisserisch ist – keinen Widerspruch und keine Debatte in Deutschland auslöst. Hier hat man gerade in den Zeiten, in denen der Sarrazin ruft, viele Meinungen über den Islam, aber doch wenig Wissen über jene Region, in der der Westen seit zehn Jahren „seine Freiheit verteidigt“. Nicht umsonst hat es ein Jahrzehnt gedauert, bis „Taliban“ ins Deutsche übersetzt worden ist.


Jörg Später

 

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