22.10.2015

Mit neureichen Chinesen im Karaoke-Club

Das rasante Wirtschaftswachstum hat in China eine große Gruppe von Neureichen hervorgebracht. Der Ethnologe John Osburg hat an ihren Vergnügungen teilgenommen und beschreibt, wie sie ihre Rolle suchen und fragwürdige Beziehungen zu Staatsorganen pflegen.

John Osburg Anxious Wealth. Money and Morality. Among Chinas New Rich Stanford University Press, Stanford 2013, 248 Seiten, ca. 20 Euro
Das Buch bietet faszinierende Beobachtungen über Chinas neue Privatunternehmer. So stellen sie ihren Reichtum in Karaoke-Clubs zur Schau und knüpfen auf diese Weise „Freundschaften“ mit Staatsvertretern. Osburg leitet daraus Schlüsse über Korruption, Frauenrollen und die Macht der Gefühle in China ab, die teils aber nur lose zusammenhängen und nicht sämtlich überzeugen.

Spannend sind vor allem die mittleren Kapitel des Buches. Im dritten wird gezeigt, dass Korruption gleichsam eingebaut ist in die Art, wie Wirtschaft und Staat funktionieren: Geschäftsleute müssen Netzwerke in Behörden pflegen und brauchen deren Protektion. Behörden nutzen umgekehrt mafiöse Beziehungen privater Geschäftsleute, um die lokale Wirtschaft – besonders die illegale – zu kontrollieren. Anhand eines „Paten“, der Osburg in seine Organisation eingeweiht hat, und eines früheren Bürokraten und heutigen Unternehmers wird schön deutlich, wie das funktioniert.
Das vierte und fünfte Kapitel schildern die Status-Unsicherheit der Neureichen in China. Ständig sind sie zu teuren ritualisierten Vergnügungen gezwungen, die sie nicht befriedigen. An die Stelle der Bankette sind Treffen in exklusiven Karaoke-Clubs getreten, die Osburg ausführlich beschreibt. Besonderes Augenmerk richtet er auf die Rolle von Frauen. Ein Unternehmer gewinnt demnach an Status, wenn es ihm gelingt, junge Frauen mit höher gestellten Personen so in Kontakt zu bringen, dass zwischen beiden eine dauerhafte Verbindung entsteht.

Laut Osburg hat das einen Markt entstehen lassen, auf dem junge Frauen ihre Schönheit in lukrative Beziehungen ummünzen. Er betont, dass hier – ebenso wie bei den Männerfreundschaften in den Netzwerken – echte Gefühle eine Rolle spielen. Man fragt sich, ob das auch die Frauen so sehen würden. Unternehmerinnen jedenfalls kritisieren diese auf Beziehungen gegründeten Geschäfte scharf. In ihnen sieht Osburg Vorkämpferinnen einer „mehr rationalen“ Geschäftsorganisation in China. Das Buch wirft wichtige Schlaglichter auf Neureiche und die Privatwirtschaft in China. Manchmal scheint Osburgs Bewertung allerdings geprägt vom Empfinden der Geschäftsleute, denen er nahe gekommen ist. Seine Schlussfolgerungen sind teilweise zu ambitioniert; wie stark etwa die Praxis der Beziehungspflege die Struktur des Staates prägt, ergibt sich aus Osburgs Material nicht. Das und viele Wiederholungen mindern ein wenig das Lesevergnügen.

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