Trauma-Theater gegen Kinderarbeit

Noch heute werden in Nepal Mädchen versklavt. Viele wurden aber in den letzten Jahren befreit. Eine wichtige Rolle spielen dabei Frauen wie Urmila Chaudhary, die selbst einmal Sklavin war. Die deutsche Autorenfilmerin Susan Gluth zeichnet ein einfühlsames Porträt der tapferen Menschenrechtsaktivistin.  

Urmila – für die Freiheit, Deutschland 2016, 87 Minuten. Regie: Susan Gluth. Kinostart: 26. Mai
Im Alter von sechs Jahren wurde Urmila von ihrer Familie an eine wohlhabende Familie in Kathmandu verkauft. Elf Jahre musste sie hart arbeiten, wurde von ihren „Besitzern“ ausgebeutet und missbraucht. Erst als 17-Jährige  kam sie frei. Seitdem engagiert sie sich für die Organisation „Free Kamalari Development Forum“ (FKDF), die von ehemaligen Sklavenmädchen (Kamalari) gegründet wurde und sich  um andere betroffene junge Frauen kümmert. FKDF organisiert auch Demonstrationen, Pressekonferenzen, Konsultationen mit Regierungsstellen und Auftritte auf internationaler Ebene.

Mit ihrer exemplarischen Geschichte wurde Urmila binnen weniger Jahre zu einer Art Gesicht dieser Befreiungsbewegung. Sie treibt nicht nur bei Kundgebungen in Kathmandu ihre Mitstreiterinnen mit Megafon-Appellen voran, sondern lenkt mit ihren Auftritten etwa auf dem Oslo Freedom Forum die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf das Anliegen des FKDF. Bis Ende 2015 – heißt es im Abspann – konnten in Nepal 13.000 Kamalarimädchen befreit werden. Doch noch immer müssen etwa 150 Mädchen in Haushalten einflussreicher Familien Kinderarbeit leisten.

Die 1968 in Hamburg geborene Dokumentaristin Susan Gluth begleitete Urmila über Jahre beim Lobbying für ihre NGO und wurde an  einem Busbahnhof einmal sogar Zeugin, wie die Aktivistinnen eine Sechsjährige befreiten. Gluth zeigt aber auch die private Seite ihrer Protagonistin, die unbedingt die Schulausbildung nachholen will, die ihr als Sklavin verwehrt worden war. Schließlich möchte Urmila Jura studieren, um später als Anwältin wirkungsvoller für mehr Gerechtigkeit in ihrer Heimat eintreten zu können.

Die Regisseurin, die hier auch für Drehbuch, Kamera, Produktion und Schnitt mitverantwortlich zeichnet, hat offensichtlich ein enges Vertrauensverhältnis zu Urmila aufgebaut, die noch immer von den Dämonen der Vergangenheit geplagt wird. In eindringlichen Szenen sehen wir, wie schwer sich Urmila tut, ihre Kräfte zwischen politischem Engagement und dem nötigen Lernpensum aufzuteilen, und dabei zunehmend an ihre Grenzen stößt. Zwischenzeitlich sieht es so aus, dass die inzwischen 25-Jährige den ersehnten Schulabschluss nicht schaffen wird.

Erklärtermaßen ging es der Autorin nicht darum, einen konventionellen Aufklärungsfilm über Sklaverei und Menschenhandel in Nepal zu realisieren. Sie strebt vielmehr ein facettenreiches Porträt einer paradigmatischen – und nebenbei auch kameraaffinen – Protagonistin an. Bemerkenswert ist der minimalistische ästhetische Ansatz: Der betont bedächtig erzählte Film verzichtet auf jeden Off-Kommentar, blendet nur gelegentlich Orts- und Zeitangaben sowie die Namen von Akteuren an. Er verzichtet auch auf das Nachinszenieren der Leidensgeschichten und er benutzt keine dokumentarischen Bilder, die die Mädchen in der Sklaverei zeigen.

Um die Schicksale der Traumatisierten dennoch anschaulich zu machen, werden kleine Rollenspiele gezeigt, in denen die Betroffenen ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten versuchen. „Urmilas Erinnerungen und somit die Ebene der Vergangenheit werden durch die Szenen des Trauma-Theaters gezeigt“, sagt die Regisseurin. Am stärksten aber ist jene Szene, in der Urmila ihren alten Vater fragt, warum er sie damals nicht vor der Sklaverei bewahrt hat.

Weitere Infos und Tourdaten gibt es beim Evangelischen Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF)

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