Ein poetischer Paukenschlag

Bachtyar Alis Roman über einen Mann, der in den kurdischen Gebieten des Nordirak nach seinem Sohn sucht, ist von großer poetischer Kraft. Der kurdische Autor, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt, gehört zu den wichtigsten literarischen Entdeckungen dieses Jahres.

Im Original ist das Buch bereits 2002 erschienen, in der kurdischen Sprache Sorani. Es ist das erste literarische Werk, das aus dem Sorani ins Deutsche übersetzt wurde und man fragt sich, warum in aller Welt das so lange gedauert hat. Der Unionsverlag ist schließlich dieses Wagnis eingegangen.
Der ehemalige Peschmerga-Kämpfer Subhdam Muzafari ist nach über 20-jähriger Haft in einem Wüstengefängnis freigekommen. Schon lange hat er der Welt vollkommen entsagt, seine Gedanken sind nur noch Staub. Sein einziger Wunsch besteht darin, seinen Sohn Saryasi wiederzusehen, den er als kleines Kind zum letzten Mal getroffen hat.

Saryasi hat einen gläsernen Granatapfel in die Wiege gelegt bekommen. Muzafari macht sich auf die Suche nach seinem Sohn, doch die Geschichte wird kompliziert. Bachtyar Ali beschreibt die Begegnungen Muzafaris mit den unterschiedlichsten Figuren in einer Erzählweise, die an den magischen Realismus lateinamerikanischer Autoren erinnert und doch ganz eigen ist. Hintergrund ist die Situation in den Kurdengebieten des Irak, die blutige Zeit der Diktatur von Saddam Hussein und die nicht minder gewalttätigen innerkurdischen Konflikte.

In der Geschichte gibt es nicht nur einen Saryasi, sondern gleich drei Jungen, die diesen Namen  tragen und einen gläsernen Granatapfel besitzen. Die drei Saryasis stehen für exemplarische Schicksale in den Wirren der Kurdengebiete, aber auch für drei unterschiedliche existenzielle Möglichkeiten, extremen Situationen zu begegnen.

Der erste Saryasi ist ein Karrenverkäufer im Bazar, der sich für seine Leidensgenossen einsetzt und von einem Polizisten erschossen wird. Der zweite Saryasi ist ein Kindersoldat, der seine Seele verloren hat und bereit ist, Menschen zu töten. Der dritte Saryasi wurde das Opfer einer Phosphorbombe und lebt in einem Heim für entstellte Kinder. Er ist der einzige der drei, den Muzafari tatsächlich trifft. Er sieht in dem furchtbar verbrannten Jungen alle Kinder, die unter kriegerischen Konflikten leiden. Diese Stellen im Roman sind schwer zu ertragen. Und doch gehören sie mit ihrer tiefen Menschlichkeit zum Berührendsten in einem Buch, das seine Leser durch seine wunderbare Sprache in den Bann zieht. Am Ende spielt es keine Rolle mehr, wer denn jetzt der „richtige“ Sohn des Erzählers ist.  

Eher beiläufig erfährt der Leser, dass Muzafari seine Geschichte erzählt, während er auf einem Schiff unterwegs ist nach Europa. Das Ende ist offen, optimistisch ist es nicht. Unbedingt lesen!

 

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