06.06.2017

Der Gini-Index ist nicht alles

Der Ökonom Branko Milanovic hat maßgebliche Analysen zur globalen Ungleichheit verfasst. In diesem wichtigen Buch stellt er seine Ergebnisse gut verständlich vor und leitet daraus weitreichende Thesen zu Ursachen und Folgen von Einkommensunterschieden ab.

Branko Milanovic: Die ungleiche Welt. Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 312 Seiten, 25 Euro
Der serbisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanovic unterscheidet Ungleichheit innerhalb von Staaten (national), zwischen den Durchschnittseinkommen der Länder (international) sowie global. Letzteres heißt, man vergleicht die Einkommen einzelner Gruppen ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen – von den Ärmsten in Mali über die Mittelschichten in Indien bis zu den Reichen in den USA. Milanovic zeigt, dass seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert die Kluft zwischen Ländern in Nord und Süd stark gewachsen ist und der Lebensstandard einer Person seitdem vor allem von ihrem Geburtsort abhängt.

Für die Zeit seit 1988 erkennt er allerdings drei große Veränderungen. Erstens seien in Schwellenländern, vor allem im bevölkerungsreichen Asien, große Mittelschichten entstanden; der Abstand zwischen ihnen und den unteren Schichten in den Industrieländern schrumpfe. Letztere seien zweitens die einzige Gruppe, deren Einkommen in vielen Industrieländern im Zuge der Globalisierung nicht gewachsen ist. Drittens hätten die Reichsten – vor allem, aber nicht nur im Norden – besonders stark profitiert. So sei in den Industrieländern die Ungleichheit gestiegen, nachdem sie bis 1970 gesunken sei. Da die Nationalstaaten die Hauptbühne der politischer Kämpfe sind, ist das politisch brisant.

Milanovic entwickelt dann eine ehrgeizige Theorie zu Ursachen und Folgen von Ungleichheit. Er behauptet, dass Ungleichheit in vorindustriellen Gesellschaften zwar schwanke, aber dabei niemals eine gewisse Höhe überschreite. Während des Industrialisierungsprozesses wachse die Ungleichheit dann zunächst stark an, sinke aber im Anschluss daran wieder und steige später erneut. Triebkraft dieses Anstiegs seien technische Umbrüche und der damit einhergehende Strukturwandel: zuerst die Abwanderung der Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft in die Industrie, heute das Wachstum des Dienstleistungssektors, die Entwicklung neuer Kommunikationstechniken und die Globalisierung. Politische Begünstigung der Reichen, etwa bei den Steuern, komme hinzu.

Und was bremst den Anstieg von Ungleichheit oder kehrt ihn um? Milanovic unterscheidet gutartige Gegenkräfte – Sozialpolitik, progressive Steuern, breitere Bildung – von bösartigen: Kriege und Revolutionen seien Folgen extremer Ungleichheit, und sie senkten diese.

Laut Milanovic muss man bösartigen Gegenschlägen vorbeugen, indem man Ungleichheit mit gutartigen Schritten senkt. Aber wie? Höhere Steuern auf Kapital hält er für kaum mehr durchsetzbar, weil Kapital infolge der Globalisierung mobil sei. Er empfiehlt, an der Verteilung der Vermögen anzusetzen, Arbeiter an Betrieben zu beteiligen und Bildung zu fördern – auch wenn er selbst schreibt, dass dies nur noch begrenzt hilft, wo der Bildungsstand schon sehr hoch ist.

An Milanovics Bestandsaufnahme kommt niemand vorbei, der sich seriös zu Ungleichheit äußern will. Sein Erklärungsmodell weckt jedoch Zweifel. Für vorindustrielle Gesellschaften ist die Datengrundlage schmal und die Darstellung holzschnittartig. Auch für die Zeit nach 1988 sind manche Schlüsse nicht zwingend. So stellt der Autor fest, dass in Deutschland, Spanien und mehreren anderen Ländern die Ungleichheit viel weniger gestiegen ist als in den USA und Großbritannien. Aber er ignoriert die Debatte über unterschiedliche Varianten des Kapitalismus und präsentiert den Anstieg in den zwei Ländern als allgemeinen Trend.

Zudem kann sich Milanovic nicht entscheiden, ob er die Weltgeschichte auf Ökonomie reduzieren will oder nicht. Einerseits betont er, die hohe Ungleichheit in den USA sei durch das politische System bedingt und es komme darauf an, wie gut die Verlierer der ökonomischen Prozesse sich organisieren. Andererseits erklärt er Kriege und den Faschismus mit Trends im Gini-Index – also mit Hilfe einer statistischen Maßzahl zur Einkommens-Ungleichheit. Ökonomische Argumente sind insgesamt vorherrschend. Damit zeigt Milanovic zwar immer wieder lehrreiche Zusammenhänge auf. Sein Versuch, die Weltgeschichte mit dem Gini-Index zu erklären, überzeugt jedoch letztlich nicht.

 

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