26.10.2017

Nüchterner Blick auf islamischen Terrorismus

Oliver Roy nimmt klug Klischees über islamischen Terrorismus in Europa auseinander. Dessen Antrieb ist laut Roy keine Religion, sondern allein die nihilistische Revolte junger Männer.

Olivier Roy: Jihad and Death. The Global Appeal of the Islamic State. Hurst & Co, London 2017, 130 Seiten, ca. 17,70 Euro
Was hat der Terror dschihadistischer Gruppen mit dem Islam zu tun? Darüber streiten in Frankreich führende Intellektuelle, und die Debatte ist weit über das Land hinaus relevant. Zu den Wortführern gehören der Politologe Olivier Roy und sein Widersacher Gilles Kepel, von Haus aus Arabist. Kepel warnt seit langem vor einer Radikalisierung des Islam in Frankreich, wo viele Zuwanderer aus früheren französischen Kolonien in Nordafrika leben. Viele gehören zur Unterschicht und wohnen in Vorstädten, die kaum Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg bieten. Dort gewinnt laut Kepel ein salafistischer, an der „reinen“ Lehre orientierter Islam an Einfluss; politisch links orientierte Fachleute wie Roy spielen das seiner Meinung nach herunter.

Roy hält mit seinem Büchlein dagegen. Für ihn wurzelt islamischer Terrorismus im Westen – um den geht es ihm hier – ,  nicht in einer Radikalisierung des Islam, sondern in einer Islamisierung des Radikalismus. Dieser aber entstehe als pure, nihilistische Revolte von jungen Männern, die den eigenen Tod geradezu suchten – ganz ähnlich wie Amokläufer. Beim IS fänden sie dazu die Bilder, mit denen sie sich von Verlierern zu Superhelden stilisieren könnten. Dabei setzten sie aber mit Hilfe des IS ihren Glauben aus passenden Versatzstücken selbst zusammen. Am örtlichen muslimischen Gemeindeleben haben die meisten europäischen Selbstmordattentäter nie teilgenommen, bemerkt Roy.

Roy räumt ein, dass der Salafismus ähnliche Gruppen anspricht wie der IS und Glaubenshaltungen mit ihm teilt wie das Bestreben, die Gesellschaft aus der Zeit des Propheten wiederherzustellen. Doch ganz anders als Salafisten legten die „jungen Radikalen“ wenig Wert darauf, religiöse Gebote etwa bei der Kleidung einzuhalten, sondern suchten als Märtyrer eine „Abkürzung in den Himmel“. Terroristen, bemerkt Roy, werden in Europa – außer in Großbritannien – eher in Kampfsportgruppen sozialisiert als in Moscheen.

Ein grundlegendes Problem sieht er darin, dass Religionen aus der gelebten Kultur gelöst werden – fundamentalistische Strömungen, die einen „reinen“ Glauben anstreben, seien eine Reaktion darauf. Für diese „Dekulturation“ macht Roy nicht nur Migration verantwortlich, sondern auch die Säkularisierung und insbesondere die französische Variante der Laizität, die Glaubensgemeinschaften ganz aus dem öffentlichen Leben fernhält. Genau das verteidigt Gilles Kepel: Er hat das Verbot des Schleiers in französischen Schulen mit ausgearbeitet. Für Roy illustriert das Verbot nur die Unfähigkeit der eigenen Gesellschaft, überhaupt noch mit Glauben umzugehen.

Doch Roy weist auch die bei Linken beliebte Vorstellung zurück, der Dschihadismus sei eine Reaktion auf Islamfeindschaft im Westen, auf die Kolonialzeit oder auf Militärinterventionen in der arabischen Welt. Die Selbstmordattentäter waren keine Aktivisten, die sich aus Frust radikalisiert hatten, betont er: An politischen Bewegungen und Protesten – etwa für Palästina – hätten sie nie teilgenommen und ihre Verbindung zu den Opfern, für die sie angeblich kämpften, sei rein imaginär.

Das Buch macht das große Bild sichtbar und nimmt pointiert gängige Annahmen über Terrorismus und seine Beziehung zum Islam aufs Korn. Wer sich damit befasst, sollte diese Thesen kennen.
 

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