11.01.2018

Heldentum, aus (zu) großer Nähe betrachtet

Juan Martín Guevara gibt in der Biografie seines Bruders intime Einblicke in das Leben eines Volkshelden. Und rechtfertigt dabei auch dessen dunkelste Seiten.

Juan Martín Guevara, Armelle Vincent: „Mein Bruder Che“. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017, 352 Seiten, 22 Euro
Juan Martín Guevara, Bruder des vielerorts verehrten „Che“, hat eine eigene Vergangenheit als kommunistischer Aktivist – und saß von 1975 bis zum Ende der argentinischen Militärdiktatur 1983 im Gefängnis. Darauf geht er aber in dem Buch, das er seinem Bruder widmet, nur in einem einzigen Kapitel ein. Mehr als seine eigenen Erfahrungen scheint ihn der Umstand geprägt zu haben, dass sein Bruder ein weltweit verehrter Held war. „Mein Ziel war es, mit dem Buch Che zu vermenschlichen“, erklärte er im Interview mit der taz. Deshalb sei es ihm auch wichtig, von der Familie zu sprechen, „den Menschen zu zeigen, der Vater und Mutter hatte“. Das ist ihm gelungen.

Guevara, der gerade 15 Jahre alt war, als sein Bruder Ernesto alias „Che“ im Januar 1959 an der Seite von Fidel Castro siegreich in Havanna einmarschierte, erinnert sich gern an die Kindheit in Buenos Aires. Vor allem die aus reicher Familie stammende Mutter habe den ältesten Sohn Ernesto geprägt. „In unserer Familie war die Freiheit das Wichtigste im Leben, aber auch die Lektüre, das Wissen und die Auseinandersetzung mit Dingen“, so der Autor im Interview: „Unsere Eltern waren sehr unterschiedlich. Mein Vater hatte viel Energie, war immer am Träumen, probierte hier und dort etwas Neues aus, brachte aber nie etwas zu Ende.“

Als Teenager habe Ernesto stundenlang auf dem Klo gesessen und dort die französischen Klassiker Flaubert, Dumas aber auch den Poeten Baudelaire gelesen. Kaum der Kinderstube entwachsen, brach er mit dem Motorrad auf, um den Kontinent zu bereisen. Darüber weiß man aus seinen eigenen Reisenotizen.

Als Guevara später von Mexiko aus mit Fidel Castro aufbrach, um den Guerillakrieg gegen das Regime von Diktator Fulgencio Batista zu beginnen, begann für die Familie Guevara de la Serna eine lange und bange Funkstille, die erst durch ein Ferngespräch aus Havanna beendet wurde. Wenige Tage später saß fast die gesamte Familie im Flugzeug nach Kuba. Nicht auf Initiative von Che Guevara, der solche Privilegien empört ablehnte. Fidel Castro selbst hatte die Einladung und Unterbringung in einem Luxushotel veranlasst. Für Juan Martín war es eine faszinierende Wiederbegegnung mit dem bewunderten Bruder. Che, der als Direktor der Nationalbank und einer der Architekten der staatlichen Neuordnung wenig Freizeit hatte, tauchte immer wieder überraschend auf, um sich um die Mutter zu kümmern und mit dem kleinen Bruder zu sprechen. Gespannter war das Verhältnis zum Vater, der den Namen Guevara nutzte, um Geschäftskontakte anzubahnen und Privilegien in Anspruch zu nehmen, die den spartanischen Revolutionskommandanten erzürnten. Schließlich schickte dieser ihn vorzeitig nach Argentinien zurück.

Juan Martín Guevara unternimmt keine kritische Bewertung seines Bruders. Er rechtfertigt dessen Todesurteile gegen Schergen der Diktatur und unterschlägt dessen Bewunderung für den Sowjetdespoten Josef Stalin. Die Reformen unter Nikita Chruschtschow, die auch  individuelle Produktionsanreize vorsahen, verurteilte Che als kleinbürgerliche Abweichung und verlangte von den kubanischen Arbeitern idealistische Selbstaufgabe. Bevor sich auch die kubanische Bevölkerung überfordert von den hehren Idealen zeigen konnte, zog Che allerdings weiter, um die Revolution in die Welt zu tragen: zunächst in den Kongo, dann nach Bolivien, wo er bekanntlich gefangen und ermordet wurde – und der Mythos Che seinen Ausgang nahm.

Das Buch zeichnet Che Guevara als zutiefst menschlichen Helden, was durch die Perspektive aus dem engsten Familienkreis glaubwürdig und sympathisch wirkt. Schade aber, dass der Autor die vorbehaltlose Bewunderung für den großen Bruder und die unkritische Haltung gegenüber Kuba nicht ablegen konnte.

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