Freiheit an der Seite der Islamisten

Boko Haram und die Frauen: Die US-amerikanische Politologin Hilary Matfess entwirft ein vielschichtiges Bild, das weit über Opfer-Täter-Beziehungen hinausgeht. Es ist erschreckend – und bedenkenswert für alle Bemühungen um Frieden in Nordnigeria.

Es scheint so einfach: Zwangsheirat, Unterwerfung und Gewalt kennzeichnen den Umgang der islamistischen Sekte Boko Haram mit Mädchen und Frauen. Die Entführung von rund 200 Schülerinnen aus Chibok 2014 wurde dafür zum Symbol. Die Welt war schockiert, eine globale Bewegung forderte die Heimkehr der Mädchen; inzwischen ist etwa die Hälfte von ihnen wieder frei, doch  geschehen derartige Übergriffe immer wieder. Frauen sind demnach vor allem Opfer der Terrormiliz und – seltener – Täterinnen, denn sie werden auch für Selbstmordattentate eingesetzt.

Die Wirklichkeit aber ist komplizierter: Frauen sind auf viele Arten und aus unterschiedlichen Beweggründen mit Boko Haram verbunden, erklärt Hilary Matfess. Dies zu verstehen, sei die Voraussetzung, um Nordnigeria zu befrieden. Das lesenswerte Buch der Autorin, die an der Yale-Universität ihre Dissertation vorbereitet, leistet einen wichtigen Beitrag dazu.

Hilary Matfess ist für ihre Recherchen durch den Norden Nigerias gereist und hat mit vertriebenen Frauen in Flüchtlingslagern, mit Vertretern von Behörden und Hilfsorganisationen sowie mit Mitgliedern von Bürgerwehren gesprochen, die an der Seite der nigerianischen Armee gegen Boko Haram gekämpft haben.

Ausgangspunkt für ihre Analyse ist die allgemeine Lage der Frauen in Nordnigeria, die von Demütigung, Unterdrückung und Missbrauch geprägt ist. Viele Frauen sähen in einer möglichst frühen Heirat die Chance für eine bessere Zukunft, und das treibe sie auch in die Arme der Islamisten, schreibt Matfess. Zumal der Gründer von Boko Haram, Mohammed Yusuf, sich aktiv darum bemüht habe, weibliche Mitglieder zu rekrutieren. Er habe ein – im Vergleich zu den üblichen Lebensumständen in Nigerias Norden – frauenfreundliches soziales Umfeld geschaffen. So hätten Frauen bei ihm Zugang zu islamischer Bildung erhalten und somit ein Gefühl von Autonomie und höherem sozialen Status entwickeln können. Häufig gäben sie vor, von der Gewalt, die Boko Haram ausübe, nichts zu wissen.

Die 18-jährige Halima drückt das so aus: „Wenn du einen Boko-Haram-Kämpfer heiratest, bist du frei. Alles, was du tun musst, ist ein wenig putzen.“ Ohne das Leid zu beschönigen, das den Frauen zugefügt wird, zeigt Matfess verschiedene Fallbeispiele für die komplizierte Beziehung zwischen ihnen und Boko Haram.

Die US-amerikanische Politologin wagt auch einen Blick in die Zukunft: Die Krise, in die der Aufstand der Islamisten den Norden Nigerias getrieben habe, sei auch eine Chance, dort den sozialen und rechtlichen Status von Frauen zu verbessern und ihre Gleichberechtigung voranzubringen. Dann nämlich, wenn man sie in die Bemühungen um Frieden und Versöhnung einbinde und ihnen – etwa durch eine Quotenregelung in lokalen, regionalen oder nationalen Parlamenten – mehr politische Beteiligung einräume.

Als Beispiele verweist Matfess auf Demobilisierungs- und Versöhnungsprogramme in Liberia, Uganda und Ruanda mit starker Beteiligung von Frauen. An die internationale Gemeinschaft appelliert sie, Frauenrechtsgruppen in Nordnigeria gezielt zu fördern und ihnen mehr Gehör und Einfluss zu verschaffen. Denn Gesellschaften, die große Teile der Bevölkerung ausgrenzten, seien anfällig für Gewalt, betont die Autorin: „Ein Frieden in Nordnigeria wird nicht dauerhaft sein, wenn er ausschließlich von Männern und für sie gemacht ist."

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