23.05.2018

Georgiens verlorene Generation

Aka Morchildadzes Roman über einen jungen Georgier auf der Suche nach dem wahren Leben vermittelt auf lakonische Art das Lebensgefühl der jüngeren Generation in der postsowjetischen Ära. 1992 erschienen, liegt der georgische Klassiker nun erstmals auf Deutsch vor.

Aka Morchiladze: Reise nach Karabach. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli, Weidle-Verlag, Bonn 2018, 176 Seiten, 20 Euro
Tiflis im Jahr 1992. Der junge Gio hat keine Arbeit und weiß auch sonst nichts mit sich anzufangen. Deshalb lässt er sich von seinen kleinkriminellen Freunden wieder und wieder zu Dummheiten anstiften. Für Politik interessiert er sich schon gar nicht. Früher einmal hat er studiert, aber jetzt herrscht Bürgerkrieg, und das heißt für Gio in erster Linie: rauchen, nachdenken, warten auf nichts. Seinen dominanten Vater, der sich den Putschisten – den sogenannten Georgischen Reitern – gegen Präsident Swiad Gamsachurdia angeschlossen hat, verachtet Gio.

Um nicht nur in Tiflis herumzulungern, lässt er sich von seinem Kumpel Gogliko überreden, mit seinem Lada über die aserbaidschanische Grenze zu fahren, um dort billig Drogen einzukaufen. Im Dunkeln verfahren sich die beiden und steuern im postsowjetischen Chaos einen Grenzposten nach dem anderen an. Schließlich geraten sie sogar in eine Schießerei – und realisieren, dass sie in der südöstlichen Kaukasusregion Bergkarabach gelandet sind. Diese wird bis heute sowohl von Aserbaidschan als auch von Armenien für sich beansprucht, das führt immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. Plötzlich befinden sich die beiden jungen Männer mitten in einem echten Krieg. Sie werden zum Spielball zwischen Armeniern und aserbaidschanischen Tataren, die um die Kontrolle der Region ringen. Auch drei junge Russen mischen mit.

Ausgerechnet in einem kleinen belagerten Dorf in Bergkarabach empfindet der zynische Ich-Erzähler endlich Frieden und Freiheit. Dort kann er seine Trauer um die Liebe zu der jungen Prostituierten Jana zulassen, die sein Vater unterbunden hat. Schließlich stilisiert er sich zu einem wütenden Guerillakämpfer, der er eigentlich nie sein wollte.

Aka Morchiladzes Roman ist eine Parabel auf die Absurdität des Kaukasuskonflikts, auf trügerische Bruderschaften und wechselnde Allianzen, deren Konflikte gleichsam in der Person Gios ausgetragen werden. Nach seiner Rückkehr ins verhasste Tiflis stellt er bitter fest: „Ich wäre so gern wie dort, in Karabach, irgendwie normal.“

Der 1966  in Tiflis geborene  Autor gilt als der meistgelesene georgische Schriftsteller der Gegenwart. Auf Georgisch erschien seine „Reise nach Karabach“ bereits 1992, wurde dort zum Bestseller und 2004 sogar verfilmt. Auf Deutsch liegt der Roman erstmals in diesem Jahr vor, in dem Georgien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein wird: Zeit, georgische Klassiker wie diesen dem deutschen Lesepublikum zu präsentieren.

Obwohl „Reise nach Karabach“ überwiegend außerhalb Georgiens spielt, vermittelt der Roman eindrücklich das Lebensgefühl junger Georgier in der postsowjetischen Republik. Sie haben die traditionellen patriarchalischen Strukturen satt, können ihnen aber nicht entkommen. Durch seinen lakonischen Stil gelingt es Morchiladze, diese lähmende Trostlosigkeit und Perspektivlosigkeit glaubwürdig zu transportieren. Von „Reise(n) nach Karabach“ rät das Auswärtige Amt indes auch im Jahr 2018 noch dringend ab.
 

Neuen Kommentar schreiben