09.08.2018

Apokalyptische Feuer

Mitten in Accra leben 6000 Männer, Frauen und Kinder auf einer Müllkippe. Der österreichische Dokumentarfilm zeigt, unter welchen Bedingungen sie dort den Elektronikschrott der westlichen Welt zerlegen und recyceln – und warum die Halde „Sodom“ heißt.

Welcome to Sodom. Österreich 2018. Regie: Christian Krönes und Florian Weigensamer, 92 Minuten. Kinostart: 2. August 2018
Die Basler Übereinkunft von 1989 verbietet den Export gefährlicher Abfälle und schreibt vor, Elektroschrott im Entstehungsland zu recyceln. Dennoch haben skrupellose Geschäftemacher einen Weg gefunden, aussortierte Computer, Funktelefone und Monitore aus der EU auszuführen. Sie deklarieren sie als Gebrauchtwaren und bringen sie in die sogenannte Dritte Welt, statt sie für viel Geld fachgerecht in Europa zu entsorgen.

Als Hauptumschlagplatz für alte Elektrogeräte hat sich seit Beginn der 2000er Jahre Accra, die Hauptstadt von Ghana, etabliert. Etwa 250.000 Tonnen Elektroschrott landen jedes Jahr auf der dortigen Müllhalde Agbogbloshie. Tausende Menschen, darunter viele Kinder, zerlegen die Geräte, um an Wertstoffe heranzukommen. Besonders begehrt ist das Kupfer in den Elektrokabeln. Die Menschen rösten die Kabel mit ihren Plastikhüllen in offenen Feuern, bis nur das Metall übrig bleibt. Die giftigen Qualmwolken, die dabei entstehen, atmen alle, die dort arbeiten, zwangsläufig ein. Und nicht nur sie: Auch die Rinder und Ziegen, die frei herumlaufen und sich vom Abfall ernähren, bekommen ihren Teil von dem Giftcocktail ab.

Apokalyptische Feuer und ihre pechschwarzen Rauchsäulen sind in dem Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“ der österreichischen Regisseure Christian Krönes und Florian Weigensamer immer wieder zu sehen. Kein Wunder, dass die Einheimischen die Deponie Sodom nennen, inspiriert von dem Rapsong „Welcome to Sodom“, den ein musikalisch talentierter Arbeiter in einem Holzverschlag auf der Halde aufgenommen hat.

In Sodom trifft dank der Konsumfreude des globalen Nordens kontinuierlich Nachschub ein. Denn wo ständig neue Lifestyleprodukte gekauft werden, werden die alten Geräte überflüssig – und landen oft in Accra. Allerdings geht es den Autoren weniger um eine wohlfeile Kritik an der Wegwerfgesellschaft als vielmehr um Aufklärung über Marktstrukturen und eine kritische Reflexion der ökonomischen und ökologischen Folgen der Globalisierung in den Entwicklungsländern. Die Filmemacher, die drei Monate in Sodom recherchiert und gedreht haben, setzen dabei auf präzise Beobachtung. Sie begleiten acht Protagonisten in ihrem Alltag und bringen uns so Menschen näher, die am unteren Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. Unter Verzicht auf Interviews und erklärende Kommentare lassen sie die Protagonisten aus dem Off zu Wort kommen, untermalt von einem markanten Sounddesign, das mit beunruhigenden musikalischen Akzenten die apokalyptische Atmosphäre verstärkt.

So lernen wir einen katholischen Prediger kennen, der lauthals zur Besinnung mahnt, aber bei der muslimischen Mehrheit kein Gehör findet. Ein desillusionierter Müllsammler verweist auf die Gefahren der giftigen Müllhalde, von der man einfach nicht wegkommt, und vergleicht Sodom mit einem Untier: „Manchmal tötest du das Biest, manchmal tötet das Biest dich.“ Ein kahlköpfiger kleiner Junge, der mit einem Magneten Eisenteile auf der verbrannten Erde aufsammelt, erweist sich als Mädchen, das erkannt hat, dass es als Junge getarnt deutlich mehr verdient als die anderen Mädchen, die in diesem streng hierarchisch strukturierten Milieu nur kochen oder Trinkwassertüten verkaufen dürfen. Sodom ist aber nicht nur ein Platz für den Kommerz, der viele Menschen aus dem armen Norden Ghanas und den Nachbarländern anlockt, sondern auch ein Zufluchtsort. So versteckt sich hier auch ein Medizinstudent, der wegen seiner Homosexualität in Gambia verfolgt und ins Gefängnis geworfen worden war.

Trotz der geschilderten erschütternden Zustände ist „Welcome to Sodom“ kein deprimierendes Elendsgemälde. Wir werden Zeuge, wie kreativ die Deponiearbeiter den Müll sortieren und verwerten, bis fast nichts mehr übrig ist. Und wir sehen, dass gerade in der größten Not immer wieder Lebensfreude aufkeimt, etwa wenn junge Männer zu Raprhythmen tanzen oder Gewichte stemmen.
 

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