08.08.2018

Von Steinen und Schulden

Die meisten Grabsteine, die hiesige Steinmetze gravieren, kommen aus China, Indien oder Vietnam. Walter Eberlei zeigt, wie viel Kinderarbeit beim Abbau der Steine im Spiel ist, und zeichnet auch die Diskussion um eine sinnvolle Zertifizierung nach.

Walter Eberlei (Hg.): Grabsteine aus Kinderhand. Kinderarbeit in Steinbrüchen des globalen Südens als politische Herausforderung. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 184 Seiten, 19,90 Euro
Fast 20.000 Tonnen Naturstein hat Deutschland im Jahr 2016 allein aus China, Indien und Vietnam eingeführt, der hierzulande für Grabsteine, Grabeinfassungen oder anderen Grabschmuck verwendet wird. In den Herkunftsländern ist Kinderarbeit in Steinbrüchen entweder ein Massenphänomen – wie in Indien –  oder zumindest ein noch nicht vollständig beseitigter Missstand wie in Vietnam oder Brasilien.

Die Pilotstudie, die der Politikwissenschaftler Walter Eberlei dazu 2016 im Auftrag der rotgrünen Landesregierung von Nordrhein-Westfalen vorlegte, bildet die Grundlage für dieses Buch, das die Studienergebnisse in gekürzter und laienverständlicher Form aufbereitet. Die krassesten Einblicke gewährt der Autor in die Steinbrüche Indiens. Das Land ist der zweitgrößte Exporteur von Naturstein, sein größter Kunde ist Deutschland. Grassierende Armut und das noch immer bestehende Kastensystem führen dazu, dass Kinder in Indien extrem ausgebeutet werden.

Etwa eine halbe Million Menschen leben in Folge von Krediten, die viele von ihnen ihr Leben lang abarbeiten, in Schuldknechtschaft. Gerade in den Steinbrüchen sind die Löhne so niedrig und die Zinsen so hoch, dass das Geld nie reicht, um aus der Schuldenfalle zu entkommen. Ganze Familien geraten so in Schuldknechtschaft. Frauen bekommen weniger bezahlt als Männer, Kinder am allerwenigsten. Sie werden oft für besonders gefährliche Arbeiten eingesetzt, die sie zum Beispiel ungeschützt mit Kerosin oder chemischen Mitteln in Kontakt bringen. Unfälle geschehen häufig. Zwar werden immer wieder Menschen durch den Eingriff staatlicher Behörden aus der Schuldknechtschaft befreit. Aber die indische Regierung, so die Studie, setzt die Gesetze nicht konsequent genug durch. Immerhin aber spürt eine freie, kritische Presse regelmäßig Fälle von Sklaverei auf.

Unabhängige Medien wie in Indien gibt es, wie im Buch dargelegt, weder in Vietnam noch in China. Auch staatliche Untersuchungen, aus denen Rückschlüsse auf in Steinbrüchen arbeitende Kinder gezogen werden könnten, halten die Regierungen geheim. Gleichzeitig hat China mit konkurrenzlos niedrigen Preisen in den vergangenen 20 Jahren alle anderen Hersteller von Natursteinen überholt und sich als Weltmarktführer etabliert. Offiziell ist dort ausbeuterische Kinderarbeit verboten, doch deutet eine Studie aus den Niederlanden darauf hin, dass illegale Kinderarbeit im Bergbau, im Baugewerbe und wohl auch in den Steinbrüchen toleriert wird.

Ein positives Beispiel liefert dagegen Brasilien. Dort ist das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit nicht nur bereits seit 1988 in der Verfassung verankert, sondern auch weitgehend wirksam, seit die Regierung von Präsident Lula da Silva Sozialtransfers eingeführt hat, die die Familien verpflichten, ihre Kinder zur Schule zu schicken.

In den Importländern versucht man das Problem durch Gütesiegel in den Griff zu bekommen. Die Zertifizierungsmethoden sind allerdings umstritten, Dreiecksgeschäfte zur Umgehung von Kontrollen gang und gäbe. Die Debatte ist noch längst nicht abgeschlossen. Das Buch liefert Basisinformationen über die Zustände in den Steinbrüchen der untersuchten Länder und Hinweise zu Bemühungen in deutschen Ländern und Gemeinden. Für Funktionäre, die mit dem Thema befasst sind, eine Pflichtlektüre. Für alle, für die ein Grabsteinkauf ansteht, ein wichtiger Denkanstoß.

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