Spurensuche auf dem Balkan

Der Schweizer Filmemacher Nicolas Wagnières beleuchtet die wechselvolle Geschichte des Belgrader Hotels Jugoslavija zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Das 1969 eröffnete Prestigehotel spiegelt Glanz und Elend des Mehrvölkerstaats, der in den 1990er Jahren auseinanderbrach.

Die filmische Chronik kommt kurz nach dem 100. Geburtstag des Vielvölkerstaats, der im Dezember 2018 begangen wurde, in die deutschen Kinos. Der Autor und Regisseur Nicolas Wagnières, 1971 in Lausanne geboren, ist fasziniert von Jugoslawien. Als Sohn einer ausgewanderten Serbin fuhr er seit 2005 immer wieder nach Belgrad und hielt mit der Kamera fest, wie sich die einstige Luxusherberge „Hotel Jugoslavija“ im Laufe der Jahre veränderte. In seinem ersten Langfilm setzt er sich nun mit seinen familiären Wurzeln auseinander und versucht, die eigene Identität als Wanderer zwischen den Nationen und Kulturen zu ergründen.

Die filmische Spurensuche verknüpft Kindheitserinnerungen des Regisseurs mit Berichten von Zeitzeugen und Reflexionen aus dem Off über die gravierenden gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der vergangenen vier Jahrzehnte. Als Zeitzeugen fungieren unter anderem die Mutter des Regisseurs, ein Ex-Hotelmanager und der frühere Vorsitzende des Arbeiterrates des Hotels, das als architektonische Ikone des Modernismus gilt. Zudem wechseln sich schwarz-weiße und farbige Archivaufnahmen sowie Ausschnitte aus zwei turbulenten Spielfilmen mit ruhigen Beobachtungen im Hotel ab. Was die narrative Substanz angeht, hätte man sich allerdings mehr Zeitzeugeninterviews und weniger Kamerafahrten durch lange Zimmerfluchten und unaufgeräumte Kellerräume gewünscht.

Gleich mehrmals drängen sich Nachrichtenbilder von den 1991 gestarteten Jugoslawienkriegen in den Bilderreigen, nicht zuletzt von den Nato-Luftangriffen, die in vielen Belgradern noch heute traumatische Erinnerungen wachrufen. Bei diesen Attacken wurde das Hotelgebäude im Mai 1999 von zwei Raketen getroffen und schwer beschädigt, dann aber rasch wieder aufgebaut. Während der Dreharbeiten hat es drei Mal den Eigentümer gewechselt, wobei alle drei immer ehrgeizigere Umbaukonzepte verfolgten. Unter anderem wurde ein Flügel 2008 als „Grand Casino Beograd“ wiedereröffnet.

Wagnières beschreibt auch den zeitgenössischen städtebaulichen Kontext des Hotels, das einst das größte Luxushotel des Balkans war. Es gehört zu dem ambitionierten Neubauprojekt Novi Beograd, das nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges nach Titos Willen mit vielen Plattenbau-Hochhaussiedlungen schnell neuen Wohnraum schaffen sollte.

Der Film, der 2018 auf dem „Subversive Festival“  in Zagreb als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, ist von einer nachdenklich-melancholischen Stimmung geprägt, wobei in den persönlichen Erinnerungen des Autors an die Urlaubsbesuche seiner Kindheit auch nostalgische Töne anklingen. Wagnières wird aber nie larmoyant, sondern wahrt stets die kritische Distanz des außenstehenden Beobachters zum Gezeigten. Während in der Beschreibung der sozialistischen Ideale der jugoslawischen Republik bei aller Kritik an den Lügen der Propaganda des Regimes gelegentlich etwas Wehmut durchschimmert, kritisiert er umso wortreicher den Werteverfall im kapitalistischen Gesellschaftssystem und die jüngere politische Entwicklung im jugoslawischen Nachfolgestaat Serbien.

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