14.02.2019

Neue Literatur entschlüsselt

In seiner Einführung in die Literaturen Afrikas aus postkolonialer Sicht stellt Manfred Loimeier ausgewählte Werke  vor, lädt zum Lesen ein und erklärt literarische Entwicklungen.

Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Eine komprimierte Einführung aus postkolonialer Sicht. Brandes & Apsel-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 192 Seiten, 19,90 Euro
„Lesen ist Entwicklung“ lautete das Motto von Frauenorganisationen während der Buchmesse in Simbabwes Hauptstadt Harare 1999. Damals widmete sich die große Bücherschau vor allem der Literatur von Afrikanerinnen; Schülerinnen hatten freien Eintritt und ließen sich von zahlreichen Lesungen beflügeln. Ein Jahr später ordneten politische Eliten Landenteignungen und Farmbesetzungen an. Zehntausende Arbeiter und deren Familien verloren ihre Existenzbasis und ihr Wohnrecht.

Die junge Autorin NoViolet Bulawayo thematisiert die Folgen dieser Misere in ihrem seit 2013 mehrfach preisgekrönten Debüt „Wir brauchen neue Namen“. Sie erzählt von den Erlebnissen derer, die in städtischen Armensiedlungen heranwachsen und sich ohne Aussicht auf eine Schulbildung mit Diebstahl in weißen Vororten durchs Leben schlagen. Manfred Loimeier ordnet den Roman in die Zeit- und die Literaturgeschichte Simbabwes ein und erläutert, wie sich Sprache und Stil ändern, sobald eine Figur in die USA auswandert und es um Entfremdung von der Heimat und das Scheitern an der US-amerikanischen Gesellschaft geht. Diesen Teil des Buches kommentiert Loimeier als Beispiel für andere Diasporageschichten in der afrikanischen Literatur, die er überblicksartig vorstellt.

Exemplarisch ergründet er auch den Roman „Der Bauch des Ozeans“ der senegalesischen Autorin Fatou Diome, die in Frankreich lebt. Nur oberflächlich geht es hier um Konflikte zwischen Migranten und deren Geschwistern in der Heimat, die auf Unterstützung warten. Vielmehr kritisiert die Schriftstellerin den starken Druck, den ihre Herkunftsgesellschaft auf junge Leute ausübt, durch erfolgreiche Migration zur Familienehre beizutragen. Wer scheitert, verliert sein Ansehen. Diome verlangt von den Ausgewanderten, Rassismus und Ausbeutung in Westeuropa zu benennen und hohe Erwartungen zu dämpfen. Zudem hält sie den Franzosen einen Spiegel vor, die noch immer das koloniale Scheitern ausblenden, das in Metaphern wie dem Schiffsbruch auf dem Atlantik in die Literatur Eingang gefunden hat. In Andeutungen bezieht sich Fatou Diome darauf, Manfred Loimeier entschlüsselt dies überzeugend.

Anhand dieser zwei Romane veranschaulicht er neue literarische Trends zur Migration zwischen den Kontinenten und beweist: Die Autorinnen tragen mit ihren Geschichten und ihrer sprachlichen Experimentierfreude zu interkulturellen Begegnungen bei. Dass Loimeier darüber hinaus auch aktuelle literaturwissenschaftliche Debatten skizziert und einzelne Autoren, junge Weltbürger aus Westafrika, vorstellt, motiviert zur Lektüre ihrer Werke.

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