14.03.2019

Der starke Arm der chinesischen Autoarbeiter

Die Soziologin Zhang Lu schildert die Zustände in chinesischen Werkshallen anschaulich und mit vielen Zitaten. Ihre Analyse zeigt, dass Arbeiterproteste in China weder lokal begrenzt noch erfolglos sind.

Zhang Lu: Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken. Mandelbaum-Verlag, Wien 2018, 435 Seiten, 20 Euro
Jedes vierte Auto weltweit wird heute in China produziert. Seit 1993 ist diese Industrie dort exponentiell gewachsen. Die meisten Kraftfahrzeuge kommen aus Fabriken, die als Joint Ventures einem transnationalen Konzern und einem chinesischen Staatsunternehmen gemeinsam gehören; mit dabei sind die deutschen Traditionskonzerne BMW, Audi, Mercedes und Volkswagen. Dass Löhne und Arbeitsbedingungen in China nicht westeuropäischen Standards entsprechen, ist bekannt. Weniger bekannt sind die Vorgänge hinter den Fabrikmauern und die teilweise erfolgreichen Lohnkämpfe in einem Land, in dem Gewerkschaften traditionell die Regierungspolitik gegenüber der Arbeiterschaft vertreten.

Die Soziologin Zhang Lu, die für ihre Dissertation an der Temple University in Philadelphia 300 Einzelinterviews geführt hat, wirft einen Blick hinter die Kulissen einer weitgehend abgeschotteten Welt. Dabei musste die Studentin, die anfangs nur über persönliche Beziehungen in ihrer Heimatstadt Zugang zu einem Werksgelände erhielt, den Argwohn der Beschäftigten ebenso überwinden wie das Misstrauen der Unternehmensleitungen. Vom Praktikanten in der Schweißerei über Leiharbeiter und Qualitätsprüfer, Leiterinnen von Personalabteilungen bis zu Beamten und Vertretern des Managements hat sie in sieben Fabriken in sechs chinesischen Städten – von Guangzhou im Süden bis Changchun im äußersten Nordosten – 20 Monate lang Informationen eingeholt und systematisiert.

Das bringt eine erstaunliche Macht der Arbeiterschaft ans Licht, die sich des althergebrachten Mittels des Streiks bedient. So rollte im Jahr 2010 eine regelrechte Streikwelle durch das Land, die von der offiziellen Gewerkschaft keineswegs unterstützt wurde. Erfolgreich widerstanden etwa die Delegierten im Honda-Werk von Foshan den Versuchen der Geschäftsführung, die Belegschaft zu spalten. Angebote, Praktikanten mit geringeren Lohnerhöhungen abzuspeisen als direkt Beschäftigte, wiesen die Arbeiter zurück. Praktikanten werden von ihren Ausbildungsstätten, die einen Teil des Lohns einbehalten, wie Leiharbeiter den Fabriken zeitweilig zur Verfügung gestellt. Schließlich wurde bei Honda 2010 eine 35-prozentige Lohnerhöhung durchgesetzt, die im ganzen Land – teils durch weitere Streiks, teils dank Signalwirkung – zu durchschnittlichen Lohnsteigerungen von 23 Prozent führte. Erstmals berichteten damals auch internationale Medien breit über die rund drei Millionen Automobilarbeiterinnen und -arbeiter Chinas.

Zhang Lu widerlegt die vorherrschende Meinung, Arbeiterproteste in China seien nur von lokal begrenzter Bedeutung. Ihre Untersuchung bestätige zwar, „dass die Arbeiterproteste in China nicht zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften oder starken politischen Parteien geführt haben, die landesweit gegen den autoritären Parteistaat vorgehen könnten“. Breite Basisproteste hätten jedoch Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen durchgesetzt. Auch wenn Proteste lokal begrenzt gewesen seien, hätten sie insgesamt die Regierung veranlasst, landesweit geltende Arbeitsgesetze zu verabschieden. Etwa das noch vor der großen Streikwelle ertrotzte Arbeitsvertragsgesetz 2008.

Zhang Lu schildert die Zustände in den Werkshallen anschaulich und mit vielen Zitaten. Anders als viele wissenschaftliche Arbeiten, die Laien durch trockenen Stil und schwer verständliche Fachsprache Geduld und Leidensfähigkeit abnötigen, ist dieses Buch dank seines reportagehaften Stils kurzweilig zu lesen. Nicht zuletzt dank der kundigen Übersetzung und Bearbeitung des Experten Ralf Ruckus.

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