03.04.2019

Innovative Montagen

Der packende Film schildert in einer eleganten Kombination aus Animation und Dokumentation den Einsatz des polnischen Reporters Ryszard Kapuściński im angolanischen Bürgerkrieg.
 

Another Day of Life. Polen, Spanien, Deutschland, Belgien, Ungarn 2018, Regie: Raúl de la Fuente und Damian Nenow, 85 Minuten. Kinostart: 4. April 2019
Im Herbst 1975 reist der polnische Starreporter Ryszard Kapuściński (1932–2007) im Auftrag der staatlichen Nachrichtenagentur PAP nach Angola. Er soll über den Bürgerkrieg in dem südafrikanischen Staat berichten, der kurz vor der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal steht. Seine Erfahrungen während des dreimonatigen Aufenthalts in der Hauptstadt Luanda und an der Front im Süden verarbeitet der damals 43-Jährige in dem Bestsellerroman „Another Day of Life“.

Der Film des spanischen Regisseurs Raúl de la Fuente und seines polnischen Kollegen Damian Nenow beruht auf Motiven dieses Romans. Das Regieduo kombiniert auf außergewöhnliche und innovative Weise etwa 80 Minuten Animation im Stil einer Graphic Novel mit rund 20 Minuten an dokumentarischem Bildmaterial, das sich aus historischen TV-Aufnahmen, Schwarz-Weiß-Fotos und heutigen Zeitzeugeninterviews zusammensetzt.

Einige Figuren sind fiktiv, andere sind Abbilder tatsächlicher Zeitzeugen. Eine flüssige Montage verknüpft beide Ebenen geschickt. So geht etwa eine animierte Szene mit Kapuścińskis angolanischem Kollegen Artur Queiroz direkt in ein Realfilm-Interview des alten Queiroz über. Aus dem Off kommentiert darüber hinaus der Ich-Erzähler Kapuściński die Ereignisse.  

So werden wir am Anfang des Films Zeuge, wie viele Portugiesen ihre Häuser verlassen und mit ihren Wertsachen aus Angola fliehen und die Hauptstadt im Chaos versinkt. Vom Hotel Tivoli beobachtet Kapuściński, wie die Müllberge wachsen – und reist schließlich er an die Frontlinien in den Süden. Dort kämpft die Unabhängigkeitsbewegung MPLA, die von der Sowjetunion und Kuba unterstützt wird, gegen die FNLA und UNITA, hinter denen die USA und Südafrika stehen. Mitten im Kalten Krieg entsteht ein neuer Stellvertreterkrieg, der noch 27 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung andauern und fast eine Million Menschenleben fordern wird.

Im Süden will der Reporter Kapuściński den legendären MPLA-General Farrusco  interviewen, der als portugiesischer Elitesoldat zur sozialistischen Miliz übergelaufen ist und gegen einen übermächtigen Feind auf verlorenem Posten kämpft. Auf der Fahrt dorthin geraten Kapuściński und sein Fahrer in einen Hinterhalt, doch die junge MPLA-Kommandeurin Carlotta rettet sie im letzten Moment vor Regierungstruppen, die gerade ein Massaker an Zivilisten verübt haben. Über 50 Kilometer ist die Straße übersät mit Leichen. „Das war das Grausamste, das ich gesehen habe“, sagt Artur Queiro im Rückblick. Der grausige Anblick mündet in alptraumartige Trickszenen, in denen sich Körperformen auflösen und schwere Waffen durch die Luft schweben. Solche Ausflüge ins Visionäre verstärken immer wieder die Empathie der Zuschauer mit den animierten und realen Figuren.

Der packende Film, der 2018 mit dem Europäischen Filmpreis in der Kategorie Bester Animationsfilm ausgezeichnet wurde, lässt keinen Zweifel an der Parteinahme Kapuścińskis für die MPLA. Einen bitteren Beigeschmack verursacht aber die Tatsache, dass der Autor nur die Verbrechen der FNLA und der UNITA erwähnt, nicht aber die der MPLA. Ohnehin sind die Darstellungen des einst so bewunderten Reporters mit Vorsicht zu genießen, seit sein Landsmann Artur Domoslawski 2014 in einer voluminösen Biografie nachgewiesen hat, in welchem Ausmaß Kapuściński seine Reportagen literarisch ausgeschmückt hat.

Neuen Kommentar schreiben