Als Mensch der Hölle entkommen

Bachtyar Alis 1998 auf Kurdisch und jetzt erstmals auf Deutsch erschienener Roman zeugt voller Wortgewalt von den historischen Kriegserfahrungen der Kurden im Nordirak.

Als der heute in Deutschland lebende Schriftsteller 2017 mit dem Nelly-Sachs-Preis als Literat von Weltrang geehrt wurde, sagte er bei der Verleihung: „Ich komme aus einer Region, die von Kriegen und Katastrophen gezeichnet ist. Nie wollte ich etwas beschönigen, deshalb zeigen meine Werke die Spuren von Hass und Gewalt. Nie wollte ich verlogene Hoffnungen entstehen lassen oder nur die zarten und feinen Seiten des Lebens zeigen. Aber ich habe immer eine Überzeugung und eine Tatsache verteidigt: Der Mensch kann durch die Hölle gehen und dennoch als Mensch wieder herauskommen.“

Ein wiederkehrendes Motiv, das den Roman von Anfang bis Ende durchzieht, ist das Blut. Zu Beginn ist es das Blut von Tieren, geschlachtet für das traditionelle islamische Opferfest in einer fiktiven Stadt ohne Namen, in der ein Teil der Handlung spielt. Erzählt wird die Geschichte von Khandan, die schreibend die Todesumstände ihrer älteren Schwester Perwana zu rekonstruieren versucht. Am Tag des Opferfestes lebt Perwana noch, aber das Tierblut, in dem die Stadt schwimmt, verkündet Unheil. Schwärme von Vögeln torkeln trunken über dem „Blut-Karneval“, blutbeschmierte Menschen wirken wie „blutrote Dämonen“. Es sind solch mystische Bilder von großer Wucht, mit denen Bachtyar Ali seine Leser in den Bann zieht – auch wenn sie abstoßend wirken.

Für Zartes und Schönes findet der Autor ebenfalls eindringliche Bilder. So flattern „wie auf einer Insel im Blutmeer“ in einer Gasse unzählige Schmetterlinge. Die Flügelwesen sind im Roman die Gegenspieler zu Unterdrückung und Tod. Sie stehen auch für den Traum von der Liebe, die Perwana – ihr Name bedeutet „Schmetterling“ – sucht. Und für die Sehnsucht, zu reisen und zu fliegen, in irgendein Land, in dem alles anders ist, in dem sie auch sicher ist vor dem religiösen Fanatismus, der in ihrer Stadt um sich greift.

Die Strenggläubigen sind von einem Eifer erfasst, der nach und nach orkanartig anschwillt. Besonders gegen Liebespaare, die in eine abgelegene Schlucht geflohen sind, richtet sich ihr Hass. Unter den Geflohenen, die sich im sogenannten Tal der Liebe eine eigene freie Welt aufbauen wollen, ist auch Perwana. Das Leben in dem Tal erweist sich jedoch als illusionäre Idylle, und der Hass der Strenggläubigen steigert sich zum Blutrausch. Wie der Autor dies beschreibt, hält seine Leser in Atem. Denn sein Roman verbindet orientalische Erzählkunst mit einem hohen Maß an Dramatik und Spannung.

Ob der religiöse Fundamentalismus in den kurdischen Gesellschaften tatsächlich die Macht entfesselt hat, vor der Bachtyar Ali mit diesem Buch warnte, sei dahingestellt. Der Kampf kurdischer Milizen gegen den Islamischen Staat und das emanzipatorische Gesellschaftsmodell der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien sprechen heute eine andere Sprache. Hier hat die Entwicklung vermutlich einen anderen Weg genommen als in dem vor über zwanzig Jahren verfassten Roman.

Dass Bachtyar Alis Werk überhaupt im deutschsprachigen Raum „entdeckt“ wurde, ist der Begeisterung kurdischer Einwanderer zu verdanken, die einige seiner Bücher auf eigene Faust übersetzt haben. Das ist ein Glücksfall: Auch dieser Roman von Bachtyar Ali ist dank seiner sprachlichen und erzählerischen Qualitäten ein Stück große Literatur.

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