Anspruchsvolle Analyse

Arno Bönners umfangreiche Analyse der Korruption in Nigeria vertritt die These, dass die Ursprünge des afrikanischen Korruptionssystems in Europa liegen. Verständlich ist die aktualisierte Dissertation wohl nur für Fachleute. 

Arno Bönner: Nigeria – An Archaeology of Political Corruption. A political science excavation locating the roots of Nigeria’s corruption problem in the Victorian era of Great Britain. BWV / Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2019, 323 Seiten, 54 Euro
Dieses Buch ist ein Ritt durch zwei Jahrhunderte Wirtschaftsgeschichte, vom Hype um den Eisenbahnbau im viktorianischen Großbritannien des 19. Jahrhunderts samt Monopolbildungen und korrupter Geschäftspraktiken bis zum Transfer eben dieser Strukturen während der Kolonialzeit – unter anderem ins heutige Nigeria. Es ist zugleich ein Ritt durch klassische Wirtschaftstheorien und die Konzepte der internationalen Finanz- und Entwicklungszusammenarbeit, bei denen es um Begriffe wie Governance, Monopolstrukturen und Korruption geht – und darum, wie sie sich zueinander verhalten. Zusammen füllen diese Ausführungen rund 100 Seiten des etwa 270 Seiten umfassenden kleinteiligen Fließtextes. 

Bezugspunkt der Analyse des kolonialen und postkolonialen Nigerias sind die Unternehmen „The Royal Niger Company“ (der auf Umwegen die noch existierende Unilever entsprungen ist), verschiedene Wirtschaftsverbände und der britisch-niederländische Ölkonzern Shell. Über diese Unternehmen existiert Literatur im Übermaß, sodass Neues dazu kaum zu erbringen ist. 
Die zu Beginn aufgestellten Hypothesen zur Korruptionsentwicklung, die anhand der Unternehmen ständig überprüft werden, kreisen im Wesentlichen um den Zusammenhang von Monopolbildung und institutionalisierter Korruption. Der Autor versucht dabei, die Ergebnisse, wenn schon nicht in eine allgemeine Theorie der Korruption münden zu lassen, so doch zumindest eine solche in Umrissen zu formulieren. 

Das Buch ist eine klassische wissenschaftliche Arbeit, dessen Lektüre Mühsal, Ausdauer und Zeit erfordert. Der Rezensent hat durchaus Respekt vor der Fleißarbeit, würde aber sogar einer grundsätzlich an Afrika interessierten Leserschaft nicht unbedingt empfehlen, diese Arbeit zu lesen. Begrüßenswert wäre eine Version, die das Grundthema in lesbarer Form enthalten und interessante Aspekte herausstellen könnte. Beispielsweise den in Kapitel 6 enthaltenen Vergleich zwischen korrupten Strukturen in Nigeria und in Botsuana, wohin die korrupten Strukturen aus Europa nicht exportiert worden sind.

 

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