Kinderschwärmerei in Kriegszeiten

 1982. Libanon/USA/Norwegen/Katar 2019. Regie: Oualid Mouaness, 100 Minuten, Kinostart: 4.11.202

Im Juni 1982 greift die israelische Armee in den Bürgerkrieg im Libanon ein. Die beginnende Invasion liefert die dramatische Kulisse für eine fragile Romanze zwischen dem elfjährigen Wissam und seiner Klassenkameradin Joana. 

Der elfjährige Wissam kommt mit dem Bus in seiner Schule im Umland von Beirut an, steckt einen Zettel in den Spind seiner hübschen Mitschülerin Joana und beobachtet sie später auf dem Schulhof. Dann schreiben beide im Klassenraum der englischen Quäkerschule eine wichtige Arbeit. Wissam schwärmt schon lange für Joana, wagt es aber nicht, sie anzusprechen oder ihr gar seine Gefühle zu gestehen. Er weiß aber, dass die Zeit knapp wird, denn es ist der letzte Tag vor den Ferien. Es könnte sein, dass er Joana lange nicht mehr sehen kann. 

Denn er wohnt im christlich geprägten Osten Beiruts und sie im muslimisch dominierten Westteil, die Demarkationslinie ist mit vielen Kontrollpunkten gespickt. Artillerielärm und Explosionswolken am Horizont zeigen an, dass das israelische Militär in den seit 1975 tobenden Bürgerkrieg eingreift. Für einen Träumer wie Wissam, der lieber Fantasieroboter zeichnet als Fußball spielt, sind die Schrecken des Krieges noch seltsam fern; anders als für seinen besten Freund Majid, der bereits weiß, dass man in solchen Zeiten die Fenster offen lassen sollte, damit eine Explosion nicht so leicht die Gläser zerstören kann. 

Regisseur verarbeitet im Film eigene Erlebnisse 

Die immer lauter werdenden Tiefflieger am blauen Himmel beunruhigen auch Wissams Klassenlehrerin Yasmine und ihren Kollegen Joseph, deren romantische Bindung unter hohem Druck steht: Während sie den Kopf vor dem Krieg gleichsam in den Sand steckt, bis es nicht mehr geht, verfolgt er in jeder freien Minute im Radio den Fortgang der militärischen Aktivitäten.  

Der erste Langspielfilm des Regisseurs Oualid Mouaness, der als Sohn libanesischer Eltern in Liberia geboren wurde, in Beirut und Monrovia aufwuchs und heute zwischen Beirut und Los Angeles pendelt, stützt sich auf tatsächliche historische Ereignisse, aber auch auf eigene Erlebnisse. So war Mouaness zehn Jahre alt, als er, zusammen mit seinem jüngeren Bruder, in Beirut erstmals Zeuge von Luftkämpfen wurde. Nun konzentriert sich sein Film konsequent auf die Ereignisse an einem Kriegstag. Wissam ist dabei das Alter Ego des Regisseurs, der an der Florida State University Filmregie studiert und vor seinem Kinodebüt zahlreiche Musikvideos gedreht hat. 

Aus der Kinderperspektive erzählt

Die warmherzige Inszenierung verknüpft dabei geschickt die Welt der Kinder und die der Erwachsenen. Während der narrative Mikrokosmos der Kinder eher von privaten Problemen wie Neckereien und Rivalitäten geprägt ist, dominieren bei den Erwachsenen die aktuellen politischen Konflikte zunehmend Alltag und Beziehungen – so wie bei dem Lehrerpaar, das zugleich konträre weltanschauliche Positionen vertritt.  

Da der Film weitgehend aus der Kinderperspektive erzählt ist, ist es nachvollziehbar, dass Mouaness die Hintergründe des Bürgerkriegs und der geopolitischen Eskalation nicht ausgiebig beleuchtet. Etwas mehr Aufklärung über die zeitgeschichtliche Konfliktlage und die konfessionellen Grabenkämpfe hätte das Verständnis des internationalen Publikums für die Motive der Akteure aber erleichtert. 

Etwas aufgesetzt in der ansonsten realistischen Inszenierung wirkt wiederum das fantastische Finale, in dem Wissam imaginiert, wie ein animierter Superroboter einen Schutzschirm über Beirut spannt, das in der Realität gerade unter Bombenhagel steht. Der einfühlsame Film erhielt auf einer langen Festivaltour etliche Auszeichnungen, darunter 2019 den FIPRESCI-Preis auf dem Festival im ägyptischen El Gouna und 2020 den Preis der Ökumenischen Jury auf dem Filmfest DC in den USA.

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