Kriegsrhetorik und Gesundheitsschutz

 Alex de Waal: New Pandemics, Old Politics. Two Hundred Years of War on Disease and Its Alternatives. Polity Press, Cambridge 2021, 296 Seiten, 18,10 Euro (Paperback)

Der britische Politikwissenschaftler und Afrikanist Alex de Waal untersucht den Umgang der Menschen mit Pandemien, von Pest und Cholera bis hin zu Covid-19. Sein anekdotenreiches Buch ist ein Plädoyer für eine globale Gesundheitspolitik im Sinne von „One Health“. 

Nach rund zwei Jahren Covid-19-Pandemie ist die Rede vom „Krieg gegen das Virus“ nichts Besonderes mehr, sie gehört zum Alltag. In seinem eingängig geschriebenen und zugleich mit reichlich wissenschaftlichen Quellen versehenen Buch macht Alex de Waal allerdings deutlich, dass „Krieg“ nicht die einzige Möglichkeit ist, sich einer Pandemie entgegenzustellen. Die Kriegsmetapher entstand, wie er zeigt, erst im Zusammenhang mit kolonialistischen Eroberungszügen, und sie hatte oft zur Folge, dass nicht die Krankheit, sondern die Kranken bekämpft wurden.

Der Autor, momentan geschäftsführender Direktor der World Peace Foundation und Professor an der Tufts-Universität in Massachusetts, zeigt anhand historischer Fallstudien der Choleraausbrüche des 19. Jahrhunderts, der „Spanischen Grippe“ beziehungsweise Influenza zur Zeit des Ersten Weltkriegs bis hin zu HIV/Aids, Ebola und Covid-19, wie gängige „Kriegsstrategien“ gegen die Erreger wie die Isolierung weiter Bevölkerungsteile und auch Impfstrategien ins Leere gehen, wenn sich an den Umständen nichts ändert, die Menschen empfänglich für Krankheiten machen. Ein früher Verfechter dieser These ist der von de Waal zitierte Chemiker und Apotheker Max von Pettenkofer. Er nahm im 19. Jahrhundert im Selbstversuch den von dem Mediziner Robert Koch gefundenen Cholera-Erreger zu sich, ohne da­ran allzu schwer zu erkranken. Damit wollte er beweisen, dass die Bakterien allein nicht ausreichen, um die Erkrankung auszulösen. Die Erreger besiegten vor allem Menschen, die durch Mangelernährung und armselige Lebensbedingungen geschwächt waren. 

Ignoranz und Rassismus der Gesundheitspolitik

De Waals Buch ist gespickt mit griffigen Zitaten und Anekdoten, die belegen, wie ignorant, oft auch rassistisch Gesundheitspolitik sein kann. Wer weiß schon, dass HIV/Aids in den 1950er und 1960er Jahren in etlichen afrikanischen Regionen zwar schon lange verbreitet, aber nicht endemisch war. Und dass es erst endemisch wurde, als westliche Hilfsorganisationen im Rahmen verschiedener Impfkampagnen ihre Spritzen nicht nach jedem Einsatz desinfiziert haben, wie es dem medizinischen Standard auch damals schon entsprochen hätte. Das wiederum wurde gerne vertuscht und stattdessen das „ungezügelte Sexualverhalten“ der Betroffenen an den Pranger gestellt. 

Der Reichtum des Buches an derlei Einblicken bringt zwar allerhand Aha-Erlebnisse, sorgt aber zwischendurch auch dafür, dass zwischen Hölzchen und Stöckchen manchmal der rote Faden verloren geht. 

Spätestens im Schlusskapitel ist der aber wieder da und zwar in Form eines vehementen Plädoyers für einen ganzheitlichen Umgang mit Gesundheit im Sinne von „One Health“. Und für ein Pandemiekonzept, das bekannten und noch nicht bekannten Pandemien vorbeugt, indem es Mensch und Umwelt nachhaltig schützt.

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