Differenzierter Blick auf die Taliban

 Conrad Schetter und Katja Mielke; Die Taliban; Geschichte, Politik, Ideologie Verlag CH.Beck; München 2022, 128 Seiten, 9,95 Euro

In ihrem Buch demontieren Conrad Schetter und Katja Mielke eine Reihe beliebter Klischees über die Taliban und helfen, sie im Kontext der Entwicklungen in und um Afghanistan zu begreifen. 

Die Taliban gelten oft als ideologisch verbohrte und blutrünstige Islamisten. Dieses kleine Büchlein zeichnet, ohne zu beschönigen, ein differenzierteres Bild der Bewegung. Das Ziel ist zu verstehen, was sie antreibt und ihren Erfolg ausmacht – aber auch, in welchen sozialen, religiös-traditionellen und außenpolitischen Spannungsfeldern sie manövrieren. Dies sind laut dem Buch vor allem drei: lokale Gemeinschaften und Traditionen versus Zentralstaat, Ideologie versus Pragmatismus und Eigenständigkeit versus Steuerung durch ausländische Mächte.

Der Text demontiert eine Reihe beliebter Klischees. So waren die Taliban nie homogen, es gab schon seit den 2000er Jahren konkurrierende Strömungen unter ihnen. Ihre Haupteinnahmequelle seit 2001 waren nicht Drogen, sondern Steuern auf legale Güter und Hilfskonvois und vor allem Zuschüsse aus dem Ausland, besonders aus den Golfstaaten, Pakistan und dem Iran. Der pakistanische Geheimdienst ISI hat die Geldflüsse abgewickelt und damit die Machtverhältnisse zwischen Taliban-Fraktionen beeinflusst.

Dass die Taliban Kabul wieder erobern konnten, liegt laut Schetter und Mielke nicht zuletzt daran, dass sie im Land einen Schattenstaat aufgebaut hatten und etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen hinter den Kulissen mitwirkten – so etwas gelinge nur wenigen Rebellenorganisationen. Ihre Machtübernahme war gewaltsam, aber im Vergleich gingen alle anderen Machtwechsel der jüngsten vier Jahrzehnte in Afghanistan mit deutlich mehr Gewalt einher. Und die Taliban sind Fundamentalisten, aber in manchen ideologischen Fragen – je nach Fraktion – begrenzt flexibel. Das schmale Buch ist gut lesbar, als Einführung geeignet und hilft, die Taliban im Kontext der Entwicklungen in und um Afghanistan zu begreifen. Sehr empfehlenswert. (bl)

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