20.02.2013

Hoffnung am Horn von Afrika

Marc Engelhardt
Somalia: Piraten, Warlords, Islamisten
Brandes und Apsel Verlag, 
Frankfurt a.M. 2012
248 Seiten, 24,90 Euro

Im September 2012 überraschte die Wahl von Hassan Sheik Mohamud zum neuen Präsidenten Somalias die Weltöffentlichkeit. Der Leiter einer Verwaltungshochschule hatte 2011 die Partei für Frieden und Entwicklung gegründet. Sie vertritt keine Claninteressen und will gegen Korruption vorgehen. Hassan Sheik Mohamud genießt das Vertrauen der Bevölkerung, denn im Unterschied zu vielen Politikern, die sich selbst bereicherten und dann ins Exil flohen, setzte er sich jahrelang in nichtstaatlichen Organisationen für Entwicklung, Frieden und Versöhnung ein.

Damit wendet sich das Blatt, denn seit der erfolglosen UN-Friedensmission vor zwanzig Jahren hatte die internationale Politik Somalia weitgehend abgeschrieben. Nur die Piratenjagd vor der etwa dreitausend Kilometer langen Küste hatte sicherheitspolitische und ökonomische Bedeutung.

Das gut lesbare Buch des Journalisten Marc Engelhardt erleichtert das Verständnis der komplizierten Situation vor Ort. Als langjähriger ARD-Afrikakorrespondent besuchte der Autor von Nairobi aus immer wieder die somalische Hauptstadt Mogadischu und erkundete – soweit die Sicherheitslage das erlaubte – auch andere Orte des Landes. In zahlreichen Alltagsgeschichten macht er die Leser mit couragierten Menschen bekannt, die ihr Überleben unter Kriegsbedingungen organisierten. Im Unterschied zu anderen Reportagen stellt er seine Kontaktleute vor, die ihn bei Recherchen unterstützten und in Krisensituation halfen. Auch die lebensgefährliche Situation somalischer Journalisten wird eindrücklich geschildert. Mehrfach nennt Engelhardt Namen von Kollegen und Bekannten, die umgebracht wurden. So erhält die willkürliche Gewalt, die jahrelang unzählige Menschenleben forderte, ein persönliches Gesicht.

Der Autor vermeidet eine oberflächliche Kriegsberichterstattung, vielmehr durchleuchtet er wirtschaftliche, politische und historische Hintergründe, die zum Aufkommen von Warlords, Piraten und Islamisten führten. Der Niedergang der einst bedeutenden Fischerei infolge des Eindringens ausländischer Hochseeflotten wird ebenso anschaulich erklärt wie die Folgen der Verklappung von Atommüll und hochgiftigen Chemieabfällen aus europäischen Firmen. Die Fernwirkungen des Tsunami 2004 wirbelten sie aus der Tiefsee an die Strände des Landes. Die Beschreibung, wie notdürftig das hochgefährliche Strandgut abgesichert ist, führt zurück zu den Unternehmen, die einst die Container zu Dumping-Preisen außer Landes schaffen ließen. Engelhardt, von Haus aus Meeresbiologe und Geograph, ist einer der wenigen, die sich vor Ort einen Eindruck von den Gefahren gemacht haben und Bezüge zu den Verursachern in Europa herstellen.

Die grenzüberschreitende Perspektive kennzeichnet auch die Auseinandersetzung mit den zahlreichen Flüchtlingen, die sowohl in Somalia als auch in Kenia Schutz suchen. Am Beispiel des gigantischen Lagers Dadaab in Nordkenia beschreibt der Autor die gravierenden Probleme, die humanitäre Organisationen bewältigen müssen. Zu Engelhardts abschließenden Lektüreempfehlungen zählen die Romane des bedeutenden somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah, dessen Werke ähnlich wie dieses informative Sachbuch ins Gepäck all jener gehören, die beruflich in Somalia zu tun haben. (Rita Schäfer)

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