Die bösen Nachbarn

Die Menschen in Kambodscha sehen sich von Dieben umgeben. Der Grenzkonflikt mit Thailand hat jüngst wieder zu einem militärischen Schlagabtausch geführt. Das Verhältnis zu Vietnam ist offiziell besser. Doch auch vom Nachbarn im Osten fühlen sich die Kambodschaner bei jeder Gelegenheit über den Tisch gezogen.
An dem Friseursalon in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh scheint auf den ersten Blick nichts Besonderes. Ein Haarschnitt kostet zwei Dollar, so steht es an der Tür. Drinnen warten junge Frauen in roten Kostümen auf Kundschaft. Allein der Name fällt auf: „Preah Vihear“ heißt der Laden, nach der Provinz im Norden, die an Thailand grenzt. Hier steht der nach Angkor Wat wohl bekannteste Tempel des Landes mit dem gleichen Namen. Der Salon-Besitzer Hen Sari kommt von dort. Den Tempel hat er zwar nie gesehen, doch als er seinen Salon im Jahr 2008 aufmachte, hatte die Unesco das Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert gerade zum Weltkulturerbe erklärt. Thailand nahm dies zur Gelegenheit, wieder einmal seine Ansprüche auf ein 4,6 Quadratkilometer großes Gebiet um den Tempel geltend zu machen. Beide Länder ließen Soldaten aufmarschieren, es gab Tote und Verletzte. Hen Sari sagt: „Ich will klar machen, dass Preah Vihear uns gehört.“ Der Name seines Friseursalons ist also ein politisches Statement.
 

Autorin

Susanne Lenz

ist Journalistin und Dozentin am Department of Media and Communication an der Royal University of Phnom Penh.

Die Streitigkeiten zwischen den beiden Ländern haben ihre Wurzeln in der Geschichte. Zwischen den Stadtstaaten Siams und des Khmer-Reiches, dem heutigen Thailand und Kambodscha, gab es Jahrhunderte lang Kriege, in denen einmal die einen, dann wieder die anderen die Oberhand hatten. Der Nordwesten des Landes, auch die Tempelanlagen von Angkor, waren bis ins 19. Jahrhundert unter siamesischer Herrschaft. Erst die einstigen französischen Kolonialherren in Kambodscha zogen Anfang des 20. Jahrhunderts die heutige Grenze. Doch obwohl der Internationale Gerichtshof in Den Haag 1962 bestätigte, dass der Tempel von Preah Vihear zu Kambodscha gehört, stellt Thailand dies immer wieder in Frage. Erst im Februar 2011 feuerten die thailändische und die kambodschanische Armee in der umstrittenen Grenzregion wieder aufeinander. Es gab mindestens zehn Tote, tausende Menschen wurden evakuiert und der Tempel von dem Bombardement schwer beschädigt.

Für die Kambodschaner, und man kann hier wirklich fast vom ganzen Volk sprechen, sind diese Ansprüche Thailands ein rotes Tuch. Wird es geschwenkt, kann es zur Raserei kommen. Als die thailändische Schauspielerin Suvanat Kongying im Januar 2003 in einer kambodschanischen Zeitung mit den Worten zitiert wurde, Kambodscha habe Thailand Angkor gestohlen, setzte ein wütender Mob die thailändische Botschaft in Phnom Penh in Brand und zerstörte thailändische Geschäfte und Hotels.

Das Zentrum für Friedens- und Konfliktstudien in Phnom Penh hat nach diesen Ausschreitungen viele Interviews geführt und Workshops veranstaltet, um die Gründe für den Gewaltausbruch zu verstehen. Emma Leslie, die Leiterin des Zentrums, sagt, dass es in Kambodscha keinen positiven Nationalismus gibt. Während Thailand stolz darauf sei, nie kolonisiert worden zu sein, und Vietnam die Unabhängigkeit von den Franzosen erkämpft und dann sogar die USA besiegt habe, könnten die Kambodschaner nicht an ein solch sinnstiftendes Erlebnis anknüpfen. Stattdessen haben sie unter dem Terrorregime der Roten Khmer gelitten. „Es gibt in Kambodscha nur einen negativen, reaktiven Nationalismus, der in Gang kommt, wenn das Land kritisiert oder in Frage gestellt wird“, sagt Leslie. Auch werde Kambodscha innerhalb des asiatischen Staatenbundes ASEAN nur als Juniorpartner angesehen. Die alten und wohlhabenden Mitglieder wie Thailand zeigen wenig Interesse, die Kluft zwischen ihnen und den neuen und wesentlich ärmeren Staaten wie Laos und Kambodscha zu verringern. Die Folge sei ein Minderwertigkeitskomplex bei diesen, sagt Leslie.

„Die Thais denken, dass sie klüger sind als wir“, sagt Kannika Kaoeun, der als Deutschlehrer am Goethe-Institut in Phnom Penh arbeitet. „Sie schauen auf uns herab.“ Aber es gibt auch vereinzelte andere Stimmen. Kounila Keo, eine der bekanntesten Blogerinnen des Landes, schreibt nach einem Besuch in Preah Vihear in ihrem „blueladyblog“: „Ich möchte keine Kämpfe, keine Zusammenstöße zwischen den thailändischen und den kambodschanischen Soldaten. Ich möchte, dass sie wissen, dass Preah Vihear für immer da sein wird. Und dass, wer immer diesen Tempel für sich beansprucht, nicht für immer da sein wird.“

Auch mit Vietnam sehen sich die Kambodschaner einem historischen Rivalen gegenüber. Doch anders als im Falle Thailands sind von der Regierungspartei hier keine nationalistischen Töne, keine Kritik zu hören. In Phnom Penh steht sogar ein vietnamesisch-kambodschanisches Freundschaftsmonument. Tatsächlich jedoch haben die meisten Kambodschaner eine tiefe Abneigung gegen Vietnam. Das drückt sich schon in der Sprache aus. Wer Bauchgrimmen hat, sagt, er habe einen „vietnamesischen Magen“. Was von schlechter Qualität ist, sei es ein Motorrad oder eine Tütensuppe, wird schlicht als „youn“ bezeichnet, als „vietnamesisch“ – auch wenn es gar nicht aus Vietnam kommt.

Viele Kambodschaner glauben vor allem, dass Vietnam alles daran setze, die Grenze zwischen beiden Ländern zu verschieben. Das sagt auch Yim Sovann, einer der prominentesten Oppositionspolitiker, der für die Sam Rainsy-Partei im Parlament sitzt. Entlang der 1100 Kilometer langen Grenze versetzten vietnamesische Bauern und Beamte die Grenzpfosten zugunsten des Nachbarn im Osten, sagt Sovann – und die Regierung unternehme nichts dagegen. „Unsere Regierung ist unterwürfig gegenüber Vietnam.“ Diese Sicht teilen viele Kambodschaner. Tatsächlich war der kambodschanische Premierminister Hun Sen zunächst ein Politiker von Vietnams Gnaden. Die vietnamesische Armee hatte 1979 Phnom Penh von dem vier Jahre dauernden Terrorregime der Roten Khmer befreit. Die Vietnamesen blieben bis 1989 als Berater im Land. „Wir wurden vietnamesische Kolonie“, sagt der Deutschlehrer Kannika Kaoeun. Hun Sen, der erst zu den Roten Khmer gehörte und dann die Seiten wechselte, wurde von den Vietnamesen erst zum Außenminister und 1985 zum Regierungschef gemacht.

Die Regierungen beider Länder haben auf den Streit um den Grenzverlauf reagiert und Ende 2010 eine dänische Firma damit beauftragt, das umstrittene Gebiet zu vermessen. Doch das Misstrauen sitzt tief. In einem kambodschanischen Blog schreibt ein anonymer Kommentator dazu: „Es ist egal, wer hilft, die Grenze zwischen den Kambodschanern und den Vietnamesen zu ziehen. Die Vietnamesen werden immer einen Weg finden, die Vereinbarung zu ignorieren. Sie hatten nie gute Absichten, was Kambodscha angeht. Sie waren Diebe, sie sind Diebe und sie werden Diebe bleiben.“ Emma Leslie vom Zentrum für Friedens- und Konfliktstudien in Phnom Penh sagt, dass es eine historisch bedingte Furcht gibt, Kambodscha könne einfach verschwinden – so wie im 16. Jahrhundert das Reich der Champa, das zwischen dem heutigen Kambodscha und Vietnam lag.

Chum Sophea, ein junger Filmemacher und Student an der renommierten Königlichen Universität von Phnom Penh, berichtete kürzlich von einem Erlebnis in Bangkok, wo er an einem südostasiatischen Filmwettbewerb teilnahm. Eine andere Teilnehmerin, eine junge Vietnamesin, habe sich seiner angenommen und ihm im Restaurant mit den Worten „Probier doch mal“ von ihrem Essen angeboten. „Aber am Ende hat sie mich alles bezahlen lassen“, sagt er. Die Verhältnisse sind so, dass Chum Sophea aus diesem persönlichen Erlebnis eine weitreichende Schlussfolgerung zieht. „Etwas von uns kriegen – das ist die Geisteshaltung der Vietnamesen.“

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