„Die deutsche Kirche hat gelernt, ein guter Partner zu sein“

In Malawi im südlichen Afrika sind 85 Prozent der Bevölkerung Christen. Etwa die Hälfte von ihnen gehört zur presbyterianischen Kirche, ein kleinerer Teil zu den Evangelikalen, die sich als stärker bibeltreu verstehen. Beiden laufen Mitglieder weg, während Pfingstkirchen großen Zulauf haben. Francis Mkandawire, der Generalsekretär der Evangelikalen Vereinigung von Malawi, erklärt, warum das so ist und wie sich die Kirchen dadurch verändern.

Sie sind seit 18 Jahren Generalsekretär der Evangelikalen Vereinigung von Malawi. Wie sind Sie dazu gekommen?

Nach dem College hatte ich zehn Jahre lang als Buchhalter bei der Zentralbank von Malawi gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiter. Da rief mich der Herr: Kündige! Geh hier weg und übernimm eine religiöse Aufgabe! Ich bin zur Evangelikalen Vereinigung von Malawi gegangen. Das erste Büro war ein Zimmer in meinem Haus. Mittlerweile sind wir mehr als 40 Mitarbeiter. Ich konnte eine engere Zusammenarbeit mit dem Kirchenrat von Malawi sowie zwischen ihm und den Pfingstkirchen auf den Weg bringen.

Worin unterscheiden sich Evangelikale, Pfingstler und die presbyterianische Kirche, die größte in Malawi?

Der theologische Schwerpunkt ist anders. Presbyterianer betonen vor allem das Wort. Pfingstler heben den Heiligen Geist hervor. Sie würden auch das Reden in Zungen als Zeichen nehmen, dass jemand vom Heiligen Geist erfüllt sei. Presbyterianer und Evangelikale wie ich glauben das nicht; für mich sind Geduld, Liebe und Freundlichkeit viel verlässlichere Zeichen.

Pfingstkirchen sind in Afrika sehr erfolgreich. Was macht sie so attraktiv?

In den Pfingstkirchen können sich die Menschen ausdrücken, anders als in unseren traditionellen Kirchen. Junge Menschen möchten ihre Gefühle gern zeigen. Doch für die aus der Mission entstandenen Kirchen ist es dermaßen schwierig, ihre Liturgie zu ändern! Außerdem glaube ich, dass die pfingstkirchlichen Lehren vom Wohlstand den Bedürfnissen der Leute entsprechen. Wir reden über die Armen – sie erwarten, dass Gott ihre Bedürfnisse erfüllt.

Wachsen die evangelikalen Kirchen auch?

Viele der Missionskirchen sind evangelikal, doch sie wachsen nicht. Tatsächlich ziehen viele junge Leute aus und gehen in die pfingstlerischen charismatischen Kirchen. Da muss etwas getan werden.

Was denn?

Die Presbyterianische Kirche greift einiges von dem auf, was in den Pfingstkirchen geschieht. In einer ihrer Regionen haben junge Leute die Führung übernommen. Sie kennen sich gut in den Schriften aus und lassen sich nicht einfach vom Pfingstlertum mitreißen. Aber sie kommen ihm entgegen, mit einer freieren Art von Gottesdienst, freien Gebeten. Das spricht die jungen Menschen an. Jetzt bleiben sie.

Worin besteht hier die Rolle der Mission?

Unsere Mission muss für die jungen Leute ganzheitlich sein, sie muss all ihre Bedürfnisse ansprechen. Wir müssen ihnen beibringen, wirklich Christus nachzufolgen, so dass sie allen möglichen anderen Lehren standhalten. Aber wir müssen sie auch befähigen, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Einige werden zu Tischlern ausgebildet, andere zu Gewerbetreibenden, damit sie Kredite bekommen und aus eigener Kraft überleben können. Das ist für mich die Mission der Kirche.

Das klingt nach Entwicklungsprojekten. Wie ist das Verhältnis zwischen Mission und Entwicklung?

Mission und Entwicklung sind zwei Seiten derselben Medaille. Besonders in Afrika kann man Mission kaum ohne Entwicklung betreiben. Es geht um Bildung, um Gesundheit, um die Entwicklung der physischen Umgebung der Menschen. Selbst die frühen Missionare haben Bildung als Werkzeug zur Evangelisation benutzt. Wenn die Leute gebildet sind, können sie Entwicklungskonzepte verstehen, sie können beurteilen, wie sie selbst am besten aus einer Lage herauskommen. Das ist für mich der Schlüssel.

Sollte Entwicklung von Fachleuten gesteuert werden?

Ja und nein. Fachleute müssen Wege finden, die Kapazitäten der lokalen Kirche zu entwickeln. Das Zentrum von Entwicklung muss dorthin verlegt werden. Nichtstaatliche Organisationen kommen und gehen, sie verlassen sich auf bezahlte Kräfte. Wenn sie kein Geld mehr haben, ist ihre Mission beendet, die Entwicklung hört auf. Doch die lokale Kirche wird immer da sein. Sie verlässt sich auf Freiwillige. Wenn deren Fähigkeiten entwickelt sind, bleibt die Entwicklung nachhaltig, selbst wenn die Experten gehen.

Missionare haben Bildung gebracht, inzwischen liegt sie wieder in den Händen der Kirche. Finden Sie nicht, dass dafür eigentlich der Staat verantwortlich ist?

Die Regierungen in Europa können ihrer Bevölkerung sehr gute Bildung zur Verfügung stellen, aber in Afrika ist das nicht der Fall. Derartige Leistungen der Regierung gibt es praktisch nicht, schon gar nicht in den ländlichen Gebieten. Deshalb haben die Kirchen das aufgenommen. Die Regierung hat keine Mittel. Aber die Kirche ist in den Dörfern präsent. Mehr als 65 Prozent der Bildungseinrichtungen werden tatsächlich von der Kirche betrieben. Das zeigt, wie abhängig die Regierung von der Kirche ist.

Sind Bildungseinrichtungen für alle zugänglich?

Wir haben keine Schulpflicht. Stattdessen wurde kostenfreie Bildung eingeführt. Doch das hat die Bildungsstandards gesenkt, weil es nicht genug Lehrer gibt. Manchmal muss ein Lehrer 120 Kinder unterrichten. Das hat die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Jetzt schießen private Schulen wie Pilze aus dem Boden. Selbst die Missionsschulen werden als Privatschulen geführt. Sie sind richtig teuer. Die Regierungsschulen sind für die Armen, Reiche können sich Privatschulen leisten.

Widerspricht das nicht der christlichen Mission für die Armen?

Natürlich! Doch die Missionsschulen haben einen Prozess der Wandlung durchlaufen. Zuerst wurden sie von Missionaren mit Spenden aus Europa betrieben. Aber als die Missionare gingen, schwand die Unterstützung, und die Regierung übernahm. Dann sagten die Kirchen selbst, seht mal, unsere christlichen Werte haben keine Bedeutung mehr. Sie traten an die Regierung heran, und die Missionsschulen kamen zurück in die Hände der Kirchen. Doch die Kirchen haben kein Geld. Daher gab es nur eine Option, nämlich die Kosten mit Hilfe von Schulgeld zu bestreiten.

Brauchen Sie noch Unterstützung aus dem Norden?

Wir brauchen einander. Wir müssen Experten für den Unterricht einstellen, wir brauchen materielle und personelle Unterstützung. Unser Lehrerausbildungsinstitut ist ein gutes Beispiel: Es wird von einem deutschen Missionar und einem Entwicklungshelfer geleitet und vom Evangelischen Entwicklungsdienst unterstützt.

Wie empfinden Sie die Beziehungen zu den Partnern im Norden – auf Augenhöhe oder geprägt von Abhängigkeit?

Nun, die deutsche Kirche hat sich verändert. Sie hat gelernt, eine sehr gute, neutrale Partnerschaft zu halten. Sie kommt zur Hilfe, nicht zur Kontrolle.

Das Gespräch führte Sigrid Thomsen.


Francis Mkandawire
ist Generalsekretär der Evangelikalen Vereinigung von Malawi, eines Dachverbandes von gut hundert evangelikalen Kirchen und Organisationen.

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