Das Märchen von den bösen Landbesetzern

Als vor 13 Jahren in Simbabwe landlose Bauern weiße Farmen besetzten und ihre Eigentümer vertrieben, war die Empörung groß in Europa. Seither hält sich das Bild von der Horde schwarzer Taugenichtse, die solide weiße Farmer um Lohn und Brot gebracht und ihr Land in den Ruin gestürzt haben. Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun.

Es war widerlich, wie die Kriegsveteranen das Land an sich rissen. Bewaffnete vertrieben die Bauern, die nur das mitnehmen durften, was sie tragen konnten. Sie verloren ihr Vieh und alles, was sie in ihre Höfe investiert hatten. Sie wurden geschlagen, ihre Häuser niedergebrannt.

Die Veteranen hatten im Zweiten Weltkrieg gekämpft, und das Land hieß Südrhodesien. In den ersten zehn Jahren nach dem Krieg wurden 100.000 Farmer und ihre Familien mit Gewalt vertrieben. Sie wurden nicht entschädigt, und es gab keine internationalen Proteste – vielleicht weil Gewalt gegen Afrikaner nichts Besonderes mehr war.

Autor

Joseph Hanlon

ist Gastwissenschaftler in der Abteilung für Internationale Entwicklung an der London School of Economics und befasst sich seit über 30 Jahren mit der Entwicklung im südlichen Afrika. Vor kurzem ist von ihm sowie von Jeanette Manjengwa und Teresa Smart das Buch „Zimbabwe Takes Back its Land“ (Kumarian) erschienen.

Fünfzig Jahre später holten sich die Simbabwer ihr Land zurück. Veteranen des Unabhängigkeitskrieges besetzten im Jahr 2000 die Höfe und vertrieben 4000 weiße Farmer; ihre Stelle nahmen 170.000 neue Bauernfamilien ein. Doch dieses Mal gab es einen internationalen Aufschrei. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union verhängten Sanktionen gegen Simbabwe und verlangten, die weißen Farmer müssten ihr Land zurückbekommen oder entschädigt werden. Niemand hatte je eine Entschädigung der 100.000 Bauern gefordert, die 50 Jahre zuvor enteignet worden waren – offenbar zählen nur Menschen mit europäischen Wurzeln.

Simbabwe wurde 1980 unabhängig, doch das Abkommen von Lancaster House schrieb vor, die neue Regierung dürfe das gestohlene Land lediglich zurückkaufen – und das auch nur sofern die weißen Farmer dazu bereit seien. Es hatte nie mehr als 6000 weiße Farmer im Land gegeben, und als Simbabwe unabhängig wurde, bewirtschafteten sie gerade einmal ein Drittel der Agrarfläche, die von den Kolonialbehörden als „europäisch“ klassifiziert worden war. Ein knappes Drittel der weißen Farmer war bankrott, ein weiteres Drittel schlug sich mit Hilfe von Subventionen der weißen Regierung durch. Der Rest erwirtschaftete Gewinne, und einige hundert wurden reich. Es überrascht nicht, dass vor allem die gescheiterten Farmer bereit waren, ihr Land zu Preisen zu verkaufen, die die neue Regierung sich leisten konnte. Das reichte immerhin, um 75.000 Bauernfamilien neu anzusiedeln. Drei Jahrzehnte später lässt sich feststellen, dass diese Farmer gute Arbeit geleistet haben. Untersuchungen zu den Ansiedlungen 1980 zeigen aber auch, dass es eine Generation dauert, bis ein Bauer mit seinem Land Gewinne erwirtschaftet.

Trotz Hyperinflation konnten die meisten Kleinbauern ihre Höfe auf- und ausbauen

Im Befreiungskrieg ging es sowohl um Unabhängigkeit als auch um Land. 20 Jahre nachdem sie ihre Freiheit erkämpft hatten begannen die Kriegsveteranen, sich lautstark darüber zu beschweren, dass keine Landreform in Sicht sei. Die Regierung machte allerlei Versprechungen, doch die Veteranen hielten das  für Geschwätz und organisierten Anfang 2000 die Landbesetzungen. Sie betonen bis heute, die Landreform sei keine Sache von Präsident Robert Mugabe gewesen – im Gegenteil: Sie sei das Ergebnis einer Massenbewegung gegen Mugabe und die raffgierige politische Elite gewesen.

Tatsächlich ermahnten Regierungsmitglieder in den ersten Monaten die Besetzer, sie könnten nicht bleiben und sollten „nach Hause“ gehen. Doch die Besetzer entgegneten, dies sei ihr Zuhause und blieben. Die Regierung kam zu dem Schluss, die Wählerstimmen der 170.000 Besetzerfamilien seien wohl mehr wert als die der 4000 weißen Farmer, und legalisierte die Aktion als „Fast Track Land Reform“ (beschleunigte Landreform). Die politische Elite riss sich ebenfalls einen Teil des ehemals weißen Agrarlands unter den Nagel: Ungefähr zehn Prozent gingen an ein paar hundert hochrangige Leute in der Regierungspartei Zanu und im Militär. Aber 90 Prozent sind wirklich an Kleinbauern gegangen.

Die ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts waren traumatisch für Simbabwe, geprägt von schwerer politischer Gewalt und Raffgier der Elite. Die Regierung druckte Geld, um ihre Probleme zu lösen, und verursachte die bis dahin schlimmste Hyperinflation. Die Gewalt und die Inflation führten dazu, dass Mugabe und die Opposition 2008 eine „Regierung der Einheit“ bildeten. Zudem wurde die einheimische Währung, der Simbabwe-Dollar, abgeschafft und der US-Dollar als Zahlungsmittel eingeführt mit der Folge, dass die Wirtschaft sich rasch erholte.

Besonders bemerkenswert ist, dass die 170.000 Bauern der Landreform dieses Chaos nicht nur überlebt haben, sondern sogar aufgeblüht sind. Im November 2012 kam die Weltbank in einer Untersuchung zum Schluss, die landwirtschaftliche Produktion in Simbabwe habe wieder ein Niveau erreicht wie im Durchschnitt der 1990er Jahre, der Dekade vor der Landreform. Und laut Finanzminister Tendai Biti produzieren die Bauern der Landreform heute die Hälfte der Mais- und 40 Prozent der Tabakernte in Simbabwe. Mit anderen Worten: Diese Bauern sind heute die dynamischsten Kräfte der simbabwischen Wirtschaft.

Der Vertragsanbau von Pflanzen wie Tabak oder Baumwolle ist schnell gewachsen

Die weißen Farmer wurden vor der Unabhängigkeit von der weißen Regierung großzügig gefördert. Die Landbesetzer hingegen bekamen nur sehr wenig Unterstützung und mussten selbst Geld auftreiben. Einige behielten ihre Jobs in der Stadt, einige sammelten in ihren Familien Geld. Die Weltbank berichtet, dass die Landreform-Bauern noch immer viel zu wenig Investitionskapital haben.

Trotzdem und trotz der Hyperinflation waren die meisten der neuen Kleinbauern in der Lage, ihre Höfe auf- und auszubauen. Seit mit US-Dollars gezahlt wird, produzieren sie deutlich mehr, weil sie jetzt leichter Material und Geräte kaufen und ihre Produkte verkaufen können. Erhebungen zeigen, dass die Entwicklung ähnlich verläuft wie bei den weißen Farmern: Ein Drittel der Bauern ist sehr erfolgreich; sie haben sich zu kleinen profitorientierten Unternehmen gemausert, die vor allem für den Markt produzieren und gute Einkommen erwirtschaften. Einer mittleren Gruppe geht es recht gut: Diese Bauern produzieren ihre eigenen Nahrungsmittel, verkaufen aber auch etwas und können sich Steinhäuser leisten. Dank dem US-Dollar werden einige ihre Produktion noch steigern können und in die erste Gruppe aufsteigen. Dem letzten Drittel der Bauern geht es schlecht: Ihnen fehlt es an Kapital oder auch an Fähigkeiten, und einige scheitern komplett.

Weil die Bauern kaum Subventionen oder Kredite bekommen haben, konnten sie ihre Produktion nur langsam steigern. Aber im Durchschnitt erreichen sie bereits das Niveau der weißen Farmer. Der Vertragsanbau von Pflanzen wie Tabak, Baumwolle oder Soja ist seit der Einführung des US-Dollars 2009 schnell gewachsen. Die Käufer liefern den Bauern auf Kredit Saatgut und Dünger und pflügen manchmal die Felder, die Bauern müssen im Gegenzug den Firmen die Ernte verkaufen. Einige frühere weiße Farmer sind auf der Wertschöpfungskette nach oben geklettert und leiten nun solche Firmen für den Vertragsanbau.

Insgesamt setzen die Landreform-Bauern weniger Maschinen ein als die weißen Farmer; sie beackern größere Flächen und beschäftigen mehr Arbeiter als diese. Die weißen Bauern hatten rund 250.000 Vollzeitarbeiter unter Vertrag. Nach neuen Schätzungen arbeiten derzeit etwa 550.000 Familienmitglieder Vollzeit auf den Höfen, hinzu kommen weitere 350.000 angestellte Arbeiter. Die Zahl der Beschäftigten auf den früheren „europäischen“ Flächen hat sich also fast vervierfacht. Bekämen die 170.000 Landreform-Bauern mehr Kredit und Subventionen, dann könnten sie ihre Produktion schneller steigern. Aber auch so stehen sie kurz davor, die weißen Farmer, die sie ersetzt haben, zu überholen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2013: Wasser

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