Bescheidene Revolutionäre

Junge Aktivisten, die sich mit Hilfe des Internet organisieren, haben in Ägypten die Massenproteste gegen Staatspräsident Hosni Mubarak in Gang gebracht. Seit 2005 unterstützen sie bereits Protestbewegungen und prangern Übergriffe der Polizei an. Ob sie künftig zu einer eigenen politischen Kraft werden, ist jedoch offen.

Noha Atef ist eine mutige Frau, der man ihre Standhaftigkeit nicht ansieht. Ihr Kopftuch ist sorgfältig gefaltet und unterstreicht ihre zurückhaltende und bedachtsame Art. Sie spricht leise, doch mit fester Stimme. Noha Atef ist eine der bekanntesten Internet-Aktivistinnen Ägyptens. Seit 2006 publiziert sie die führende private Website gegen von der Staatsgewalt verübte Folter. Ihre Fotos prügelnder Polizisten haben geholfen, Täter zu identifizieren und Unschuldige aus dem Gefängnis zu befreien.

Autor

Bijan Kafi

ist freier Journalist in Berlin. Er hat mehrere Jahre für gemeinnützige Organisationen und soziale Unternehmen in Ägypten gearbeitet.

Die 26-Jährige ist Teil einer wachsenden Gruppe junger Aktivisten, die moderne digitale Werkzeuge nutzen. 160.000 Blogger wollte die ägyptische Regierung schon 2008 gezählt haben. 5 Millionen Ägypter nutzten im Januar 2011 Facebook, rund 30.000 sind täglich auf Twitter aktiv. Manche haben es zu großer Wertschätzung gebracht. Sie werden von vielen bewundert und haben internationale Preise erhalten. Denn ihre Blogs und Videos geben denen Stimme und Gesicht, die keine Lobby haben. Glaubt man vielen Kommentatoren der ägyptischen Revolution, sind Noha und ihre Freunde jetzt auch Revolutionäre.

Bis dahin war es ein weiter Weg. „Das erste Mal haben die Blogger 2005 die Kifaya-Bewegung unterstützt“, erinnert sich Gamal Eid, der Direktor des Arabischen Netzwerks für Menschenrechtsinformation. Kifaya bedeutet „Genug“. Junge Aktivisten machten damals den Unmut ägyptischer Arbeiter über Brotpreissteigerungen und kärgliche Mindestlöhne sichtbar. Seitdem haben die Blogger die neuen sozialen Netze entdeckt, besonders Facebook und Twitter. Vor allem Facebook hat viel verändert, denn es erleichtert Gleichgesinnten, sich in relativer Anonymität zu organisieren. Als im Frühjahr 2008 die Arbeiter in der Industriestadt Mahalla streikten, gründete die Studentin Esraa Abd-El Fattah eine Facebook-Gruppe, die zur Unterstützung aufrief. Tausende legten in wenigen Stunden die Grundlage für die „Jugendbewegung des 6. April“. Diese Bewegung, die heute rund 100.000 Mitglieder zählen soll, gehörte auch im Januar 2011 zu den Initiatoren der Aufstände.

Viele sind überzeugt, dass Esraa und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter den Spielraum für die freie Meinungsäußerung ausgeweitet haben, wie Heba Morayef, eine für Human Rights Watch tätige Wissenschaftlerin in Kairo, bestätigt. Traditionelle Medien, Online-Aktivisten sowie Interessengruppen wie die der Arbeiter hätten diesen Wandel jedoch nur gemeinsam verwirklichen können, betont sie. Die vernetzte Jugend zeichnet dennoch ein Nimbus aus. Die jungen Leute haben großen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung und eine Vorbildfunktion nicht nur für Jugendliche – rund 60 Prozent der 83 Millionen Ägypter sind unter 30. Seit der gesamte Medienmarkt 2003 liberalisiert wurde, streben viele Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender nach Unabhängigkeit und Bürgernähe. Sie publizieren deshalb Videos, Berichte und Bilder von Demonstrationen und Streiks, die ihnen nur die Aktivisten liefern können.

Doch das Renommee der „Facebooker“ bildete sich nicht nur durch ihre Berichterstattung, sondern auch, weil sie bei Demonstrationen in der ersten Reihe stehen und sich von Rückschlägen nicht entmutigen ließen. Der lange inhaftierte Blogger Karim Amer, der Menschenrechtsaktivist Wael Abbas und der zu Tode gefolterte Khaled Said stehen für jugendlichen Widerstand und staatliche Repression. Der 25. Januar 2011 – der Tag der ersten Großdemonstrationen – ist nach dem 6. April 2008 das neue Identität stiftende Datum. Am Beginn der Revolution standen die Jugendlichen der Gruppen wie „6. April“ oder „Wir sind alle Khaled Said“ sowie Unabhängige – etwa Asmaa Mahfouz, die über YouTube zur Mobilisierung aufrief.

Noha Atef betont, dass dabei niemand einen Plan verfolgte. Das hat Wael Ghonim, der Gründer der „Khaled Said“-Gruppe, nach zwölf Tagen Inhaftierung noch während der Demonstrationen in einem Fernsehinterview bestätigt. Er widerspricht auch denen, die ihn als Helden verehren: „Glaubt denen nicht, die euch sagen, dies sei eine Facebook-Revolution!“ Er wolle nicht das Gesicht der Revolution sein, denn er habe nur seine Tastatur benutzt. Die wahren Helden seien die Ägypter auf Kairos „Platz der Befreiung“. Auch Wael Abbas, der mit vielen Preisen geehrte ägyptische Menschenrechtsblogger, will von einer Facebook-Revolution nichts wissen: „Facebook hat zu Beginn eine Rolle gespielt, doch dann war es eine Revolution des Volkes. Ohne das Volk hätte es die Revolution niemals gegeben.“

Die derzeitige Internet-Begeisterung können sie dennoch verstehen. Die neuen Medien erlauben es, eine große Zahl von Aktionsbereiten schnell, flexibel und effektiv zu mobilisieren. Doch wenn die Aktivisten nicht in den vergangenen Jahren ihre Zukunft auch auf der Straße aufs Spiel gesetzt hätten, wäre der 25. Januar 2011 nicht denkbar gewesen. Ihr Engagement im Rahmen von Streiks und Demonstrationen verlieh den Benachteiligten aller Schichten eine energische Stimme – auch in diesem Januar, als die Regierung das Internet in Ägypten tagelang abschaltete. Denn sie sind „online“ und „offline“ durch familiäre und soziale Beziehungen eng verbunden. Die junge Netzgemeinschaft war durch ihre Bürgernähe stets ein sensibler Seismograph für die Benachteiligungen derer, die sich nicht zu äußern wagten. Ihre Beziehung ist von gegenseitiger Solidarität und Achtung geprägt. Sie lehnen es ab, Einzelne zu verehren.

Lange vermochten sich zerstrittene ideologische Bewegungen auch über Religionsgrenzen hinweg hinter den Jugendbewegungen zu vereinen. Die gemeinsam erfahrene Unterdrückung ließ Einzelinteressen zurücktreten. Niemand weiß, ob das so bleibt, wenn es nicht mehr nur darum geht, gemeinsam „Genug!“ zu rufen. Denn die jungen Aktivisten haben lange geübt, sich nicht anzupassen. Für den künftigen Dialog werden sie ihre Bescheidenheit ablegen und zu politischen Gesprächspartnern werden müssen. Viele sind unsicher, ob die Jugendbewegungen dies überhaupt anstreben. Der Staat müsste sie auch in den politischen Diskurs einbinden. Danach sieht es nach den ersten Scheinverhandlungen mit dem neuen Vizepräsidenten Omar Suleiman Anfang Februar, an denen auch Vertreter von „6. April“ teilgenommen haben, noch nicht aus.

Die Angst vieler vor einem islamistischen Ägypten teilen die Internet-Aktivisten jedoch nicht. Keine einzelne Organisation konnte die Revolution bisher für sich beanspruchen, kein Personenkult sich entfalten, keine islamistischen Parolen wurden gesungen. Das ist laut Noha Atef der Wachsamkeit der Demonstranten selbst geschuldet. Sie und viele ihrer Mitstreiter verstehen sich als pro-westlich und demokratisch, ihre Vision von einer islamischen Gesellschaft als liberal und partizipativ – so wie das Netz, das sie stark gemacht hat. Religion hat ihren Platz in der Gesellschaft. Doch das Bild, das sie von ihr zeichnen, ist unaufdringlich: „Religion ist wie eine Verkehrsampel“, erklärt Noha Atef. „Sie soll dich veranlassen, kurz anzuhalten. Sie gibt dir etwas Zeit und verlangt, dass du dir klar machst, wohin du willst. Aber sie schreibt dir niemals den Weg vor, den du gehen sollst.“

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2011: Welthandel: Auf dem Rücken der Armen

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