Ein Land wird arm regiert

Die Putschistenregierung in Madagaskar, die 2009 den gewählten Präsidenten verjagt hat, steht international unter Druck. Der südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft SADC hat sie inzwischen eine Rückkehr zur Demokratie zugesagt. Doch tatsächlich festigt die regierende Clique ihre Macht, verschleudert die Rohstoffe des Landes und sieht zu, wie die Not in der Bevölkerung wächst.

Die Preise der Mineralien sind in den vergangenen Jahren auf dem Weltmarkt stark gestiegen. Auf kurze Sicht ist das ein Glücksfall für ein Entwicklungsland wie Madagaskar. Auf lange oder selbst mittlere Sicht ist jedoch die Abhängigkeit vom Export dieser nicht weiterverarbeiteten Produkte pro­blematisch. In vielen Ländern bringt der plötzliche Geldsegen nur scheinbar Wirtschaftswachstum, erhöht aber das Risiko von Konflikten, Bürgerkriegen und antidemokratischen Tendenzen. Die sozialen Probleme, die sich daraus ergeben, lassen die Armut, die Ungleichheit und die Korruption steigen und schwächen so auch die staatlichen Institutionen.

Laut dem staatlichen Amt für Statistik, einer Einrichtung der Regierung, hat die Armut sowohl auf dem Land als auch in den Städten dramatisch zugenommen. Während vor dem Putsch 65 Prozent der knapp 22 Millionen Madagassen betroffen waren, hat sich der Anteil der Armen bis 2010 auf 80 Prozent erhöht. Laut Fatma Samoura, der Landeskoordinatorin des UN-Entwicklungsprogramms, liegt Madagaskar nun bei Mangelernährung und Schulbildung mit Afghanistan und Haiti auf den letzten Plätzen weltweit. In dem Land, in dem Kinder und Jugendliche mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, haben 2010 mehr als eine Million Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren das Schulsystem nur mit Grundschulbildung verlassen. Und diese Zahl steigt jedes Jahr. Die Einschulungsquote lag 2010 nur bei gut 73 Prozent, im Jahr 2005 waren es noch gut 83 Prozent.

Der zur Schau gestellte Reichtum macht die tiefe Armut noch anstößiger

Eine Studie der nichtstaatlichen Organisation „Groupe Développement Madagascar“ vom Februar 2012 zeigt, dass mehr als die Hälfte der Prostituierten in der Hauptstadt Antananarivo Mädchen unter 18 Jahren sind. 56 Prozent von ihnen wohnen in benachteiligten Vierteln und die Mädchen beginnen schon ab dem Alter von zwölf Jahren, sich zu prostituieren. Die Botschaft der Vereinigten Staaten zählt Madagaskar zu den Staaten, die am schwersten von Menschenhandel betroffen sind.

Eine andere perverse Auswirkung des Rohstoffsegens ist, dass er die Motive der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger verändert. Die Möglichkeiten zu Renteneinnahmen, die nicht auf produktiver Tätigkeit beruhen, vervielfachen sich, was die Suche danach verstärkt, während das Interesse am Produktionssektor abnimmt. Der Verband der Unternehmer Madagaskars hat im April 2011 gemahnt, dass „die Zunahme von Korruptionsfällen und Schutzgeldforderungen auf allen Ebenen die formelle Wirtschaft noch mehr hemmt und zu einem Erstarken des informellen Sektors führt“. Der Verband bemängelt unter anderem „die Verwendung staatlicher Organe und Unternehmen zu anderen als ihren festgelegten Zwecken“. Diese Befunde zeigen, dass die Regierung sich um die Sektoren außerhalb der Rohstoffwirtschaft nicht kümmert, obwohl dort laut dem Unternehmerverband seit dem Putsch 360.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Die irreparable Zerstörung der Umwelt ohne dauerhaften Gewinn für das Land ist die andere Folge der Fixierung auf Rohstoffe.

Den internationalen Gebern hat die Mannschaft um Rajoelina anfangs die kalte Schulter gezeigt. Inzwischen ist die Rückkehr dieser Geldgeber und ihrer Hilfe, die auch eine internationale Anerkennung bedeuten würde, ein Ziel der Putschisten. Die Verstrickung Frankreichs in den Putsch wird von der madagassischen und internationalen Presse als Versuch dargestellt, dem wachsenden Einfluss regionaler anglophoner Mächte und der USA entgegenzutreten. Ravalomanana hatte diesen mit der Hinwendung zur südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft SADC und der südostafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft COMESA die Türen ins Land geöffnet. Frankreich unterhält auf der Insel seine achtgrößte Botschaft weltweit und Madagaskar ist eins von vier Ländern der Welt, deren Militär von Frankreich Finanzhilfe erhält.  Nun hat gerade der französische Präsident gewechselt, und anstelle des Gabuners Jean Ping ist die Südafrikanerin Nkosazana Dlamini-Zuma zur Vorsitzenden der AU-Kommission gewählt worden; doch das wirkt sich nur langsam auf die Krisenpolitik der Staatengemeinschaft aus. Die SADC hat Ende Juli ein Treffen der zwei Protagonisten auf den Seychellen zustande gebracht. Ob das ein konkretes Ergebnis hatte, ist unklar.

Bald werden die Einnahmen aus den Bodenschätzen Madagaskars zu fließen beginnen. Der zur Schau gestellte Reichtum macht die tiefe Armut noch anstößiger. Die Machthaber scheinen sich einzig auf die Ressourcen zu konzentrieren. Das Regime von Andry Rajoelina macht sich in seiner unsicheren Lage jener Vergehen schuldig, die er selbst nicht müde wird, seinem Vorgänger vorzuwerfen: Nepotismus, umfassende Korruption und Plünderung der öffentlichen Mittel. Angesichts der Zusammensetzung der Kräfte, die derzeit an der Macht sind, darf man leider nicht annehmen, dass der Populismus und die Suche nach Renten kurz- oder mittelfristig einem anderen wirtschaftlichen Kurs weichen werden – einem, der sich auf die Fähigkeiten der Bürger stützt und in Richtung nachhaltige Entwicklung steuert.

Aus dem Französischen von Felix Ehring.

erschienen in Ausgabe 9 / 2012: Südliches Afrika: Wohlstand nur für wenige

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