Ein Junge vor einer öffentlichen Toilette in Kibera. Im größten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi sind mit Unterstützung von Hilfswerken viele Sanitär­einrichtungen entstanden.

„Toiletten sind ein Tabu“

Milliarden Menschen weltweit haben kein sauberes Trinkwasser und keine sanitären Einrichtungen – ein unhaltbarer Zustand, findet Dinesh Suna. Der gebürtige Inder koordiniert seit Januar das Ökumenische Wassernetzwerk in Genf. Er erklärt, was in seiner Heimat die Situation besonders schwierig macht.

Sie kommen aus Indien. Was sind dort die größten Probleme mit Wasser und Abwasser? 
Allein die hohe Bevölkerungszahl ist schon ein Teil des Problems. 130 Millionen Inder haben kein sauberes Wasser zu trinken, 626 Millionen verrichten ihre Notdurft im Freien. In fast allen ländlichen Regionen sind die Menschen nicht an die Wasserversorgung angeschlossen. Sie sind abhängig von Flüssen, Seen und Teichen. Die Bergwerke, die dort Rohstoffe fördern, verschmutzen das Wasser, und das macht die Menschen krank. Aber die weitaus größten Schwierigkeiten hängen mit dem Kastensystem zusammen.

Wie kommt das?
Die Dalits, die am unteren Ende des Systems stehen, gelten als unberührbar. In vielen Teilen Indiens dürfen sie sich Brunnen oder Wasserstellen noch nicht einmal nähern, weil die höheren Kasten befürchten, dass sie diese verschmutzen. Dalits sind deshalb schon geschlagen und sogar ermordet worden, Frauen wurden vergewaltigt. Außerdem müssen sie oft Latrinen sowie Gleise in Bahnhöfen mit ihren bloßen Händen vom Kot reinigen – denn wenn Passagiere in Zügen die Toilette benutzen, fällt ihre Notdurft einfach nach draußen und muss dann beseitigt werden. Das ist Aufgabe der Dalits. Die Regierung tut nichts, um die Dalits vor Krankheiten zu bewahren, denen sie aufgrund dieser unhygienischen Arbeit ausgesetzt sind.

"Ich hoffe, dass es eines Tages niemanden mehr auf der Erde ohne Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung gibt, sagt Dinesh Suna. privat

Das Ökumenische Wassernetzwerk wurde 2006 ins Leben gerufen. Warum kümmern sich die Kirchen darum, dass Menschen mit sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen versorgt sind?
Kirchen und christliche Organisationen sind von Gott aufgerufen, Frieden und Gerechtigkeit zu verbreiten und allen Menschen die Fülle des Lebens zu bringen, wie es von Jesus Christus versprochen ist. Zwei Milliarden Menschen auf der Welt haben keine sanitäre Versorgung und eine Milliarde hat kein sauberes Trinkwasser. Die Mehrheit von ihnen lebt im globalen Süden und viele sind in Gefahr, durch schmutziges Wasser krank zu werden. Die Fülle des Lebens ist bei weitem nicht erreicht. Deshalb sehen die Kirchen Wasser- und Sanitärversorgung auch als ihre Aufgabe. Außerdem zählen sie zu den größten Organisationen der Zivilgesellschaft und können die Politik maßgeblich beeinflussen.

Woran arbeiten Sie konkret?
Zunächst geht es darum, innerhalb der Kirchen ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass jeder Mensch das Recht auf sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen hat. Wir haben dazu eine Reihe regionaler Konsultationen in Afrika, Asien und Lateinamerika veranstaltet. Eines unserer wichtigsten Programme heißt „Sieben Wochen für Wasser“ und findet jedes Jahr während der Fastenzeit statt. Wir verschicken biblische und theologische Reflexionen über Wasser und rufen dazu auf, dass sich die Gemeinden mit dem Thema beschäftigen. Außerdem wenden wir uns gezielt an junge Menschen, zum Beispiel mit den Projekten „Sommerschule für Wasser“ und „Jugend für Umweltgerechtigkeit“. Außerdem betreiben wir Anwalts- und Lobbyarbeit.

Wessen Politik wollen Sie damit beeinflussen?
Wir nutzen unsere kirchliche Gemeinschaft auf der ganzen Welt. Wir identifizieren Fälle, in denen es Probleme mit Wasser gibt und rufen die Kirchen auf, diese Probleme mit den Regierungen ihrer Länder anzupacken. Außerdem arbeiten wir eng mit Catarina de Albuquerque zusammen, der Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung. Wir haben viel zu der Publikation „Auf dem richtigen Weg“ beigetragen, einer Zusammenstellung von „Best Practice“-Beispielen aus der ganzen Welt. Nun unterstützen wir die UN dabei, das Menschenrecht auf Wasser zu verwirklichen.

Wie sieht denn ein solches „Best Practice“-Beispiel aus?
Die Initiative „WASH united“ bringt Kindern schon ganz früh bei, wie wichtig Hygieneverhalten ist, etwa einfaches Händewaschen. Als Vorbilder dienen berühmte Fußballstars. Und in Tansania hat das Hilfswerk der norwegischen Kirchen ein System eingeführt, mit dem Gemeinschaften die Ausgaben der öffentlichen Hand, also auch für Wasser und Sanitärversorgung, kontrollieren können.

Das Entwicklungsziel Nummer 7, den Anteil der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser zu halbieren, ist laut offiziellen Angaben längst erreicht. Da könnte man sich jetzt doch eigentlich zurücklehnen.
Das können wir feiern, und wir können uns selbst dafür loben. Aber angesichts der Milliarden Menschen, die noch immer ohne Wasser- und Abwasserversorgung sind, dürfen wir nicht nachlassen.

Die Sanitärversorgung scheint das größere Problem zu sein – offenbar ist es nicht so beliebt, sich damit zu beschäftigen.
Ja, das stimmt. Als das Ökumenische Wassernetzwerk 2006 seine Arbeit aufnahm, sollten wir uns zunächst nur um sauberes Trinkwasser kümmern. Erst 2010 kam die Sanitärversorgung dazu. Am 19. November, dem „Welttoilettentag“, haben wir im vergangenen Jahr in allen Morgenandachten im Ökumenischen Zentrum in Genf daran erinnert, wie wichtig Hygiene ist. Das war das erste Mal, dass wir diesen Anlass genutzt haben. In vielen Kirchen ist es ein Tabu, von einer Toilette zu sprechen – das könnte nach traditionellem Verständnis als respektlos gegenüber Gott aufgefasst werden. Aber wir versuchen, das Tabu zu brechen.

Gelingt Ihnen das?
Die Kirchen sehen die Sanitärversorgung als zweitrangig an. Wasser wird als Frage von Leben und Tod behandelt, erst danach kommt die Beseitigung von Abwässern. Dabei ist das nicht weniger wichtig.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass sich das Menschenrecht auf Wasser verwirklichen lässt?
Mit dem Hilfswerk der indischen Kirchen haben wir Menschen in Radschastan mobilisiert, gegen den Entzug von Wasser zu protestieren. Sie leben in der Region Banswara, in der Nähe des Flusses Mahi, an dem ein großer Damm gebaut worden ist. Das Wasser wird an den Nachbarstaat Gujarat verkauft, und sie selbst gehen leer aus. Wir hoffen, dass sie sich mit unserer Hilfe einen Zugang erkämpfen können – noch ist es nicht so weit. Ich hoffe, dass es eines Tages niemanden mehr auf der Erde ohne Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung gibt. Das klingt sehr utopisch – aber wir arbeiten daran.

Sie sind seit Anfang 2013 Koordinator des Wassernetzwerkes. Was haben Sie in diesem Jahr vor allem vor?
2013 ist ein sehr wichtiges Jahr. Die Vereinten Nationen haben es zum „Internationalen Jahr der Zusammenarbeit im Bereich Wasser“ erklärt und wir sind immer noch mitten in der Dekade „Wasser für Leben“ von 2005 bis 2015. Wasser steht also ganz oben auf der Tagesordnung der UN. Außerdem wird in diesem Jahr die zehnte Vollversammlung des Weltkirchenrates stattfinden, der das Wassernetzwerk gegründet hat. Dort  können wir berichten, was wir bislang erreicht haben, und wir hoffen, dass unser Mandat erneuert wird. Unser Ziel ist noch weit entfernt, und die Reise muss weitergehen. 

Das Gespräch führte Gesine Kauffmann

erschienen in Ausgabe 4 / 2013: Wasser

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