Ab Oktober 2012 in Berlin

Die Fusion des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland in Stuttgart und des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) in Bonn nimmt Gestalt an. In zwei Jahren soll das neue Evangelische Werk für Entwicklung und Diakonie in Berlin seine Arbeit aufnehmen. Ein großzügiger Sozialplan soll möglichst viele Beschäftigte zum Mitkommen in die Hauptstadt bewegen.

Insgesamt 530 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Bonn und Stuttgart sind von den Umzugsplänen betroffen. Doch aus familiären und persönlichen Gründen werden nicht alle nach Berlin mitkommen - für die neue Organisation bedeutet das einen Verlust an Expertise. Diese Gefahr wird aber in den beiden Werken unterschiedlich eingeschätzt. „Ich vermute, dass von den Entwicklungsexperten die meisten mitgehen werden", sagt Tilman Henke vom Vorstand des EED. Mit Verlusten rechne er eher in den Bereichen Verwaltung und Buchhaltung, wo ein Großteil der Mitarbeiter in Teilzeit arbeite.

Autorin

Katja Dorothea Buck

ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.

Unschlüssige Mitarbeiter haben bis zu drei Jahre Bedenkzeit

Bei der Diakonie in Stuttgart befürchtet man dagegen, dass ein erheblicher Teil der Belegschaft nicht mit nach Berlin gehen wird; nach Schätzungen der Mitarbeitervertretung könnte es durchaus die Hälfte sein. „Das bereitet uns große Sorge", sagt Wolfgang Teske, Vorstand des Diakonischen Werks. „Entwicklungszusammenarbeit ist schließlich kein Ausbildungsgang. Die Arbeit in diesem Bereich erfordert viel Erfahrung und gute Kenntnisse von Strukturen." Es sei nicht leicht, neue Leute mit einem solchen Profil zu finden.

Um möglichst viele zum Umzug zu motivieren, haben beide Werke im August einen großzügigen Sozialplan vorgelegt, in den viele Wünsche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeflossen sind. Zum Beispiel sollen alle, die aus familiären Gründen zum Pendeln gezwungen sind, eine BahnCard 100 bekommen, mit der sie jederzeit kostenlos mit dem Zug fahren können. Auch soll es möglich sein, teilweise außerhalb des Büros, also beispielsweise von zu Hause aus zu arbeiten.

Zudem soll sich laut Sozialplan jeder für maximal drei Jahre beurlauben lassen können. In dieser Zeit wäre es zum Beispiel möglich, eine neue Stelle anzutreten und - sollte sich das als Fehlentscheidung erweisen - später doch wieder im neuen Werk in Berlin anzuheuern. Für das neue Evangelische Werk für Entwicklung und Diakonie bedeutet das allerdings, dass es die Stellen beurlaubter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nur befristet besetzen kann. Die Vorstände in Bonn und Stuttgart sind sich jedoch sicher, dass sich alle Risiken und finanziellen Aufwendungen, die der Sozialplan der Arbeitgeberseite aufbürdet, lohnen werden. „Wir sind ein Arbeitgeber, der von dem Wissen und dem Engagement seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen abhängt", sagt Henke.

In den Werken ist der Sozialplan gut aufgenommen worden. „Wir erwarten allerdings, dass die Leistungen dann auch so gewährt werden, wie sie ausgehandelt wurden", sagt Claudia Hinderer von der Mitarbeitervertretung des Diakonischen Werks. Insgesamt sei die Kommunikation zwischen Vorstand und Belegschaft gut, auch wenn sie an der einen oder anderen Stelle besser sein könnte. „Allerdings häufen sich die Klagen, dass der Fusionsprozess immer mehr Arbeitszeit frisst", sagt Hinderer. Viele Kollegen hätten den Eindruck, dass durch die Mitarbeit in Arbeitsgruppen zur Fusion für die eigentliche Arbeit immer weniger Zeit bleibe.

Laut EED-Vorstand Henke ist die Fusion mit der ersten Lesung der Satzung im Oktober in der Diakonischen Konferenz und in der Mitgliederversammlung des EED einen großen Schritt vorangekommen. „Das war ein großer Erfolg. Ich bin positiv überrascht", sagt Henke. Endgültig entschieden sei nun, wie und in welcher Form die diakonischen Landes- und Fachverbände in das neue Werk eingebunden werden. Geklärt werden muss noch bis zur zweiten Lesung der Satzung im kommenden Frühjahr oder Herbst, ob die Belegschaft einen stimmberechtigten Sitz im Aufsichtsrat bekommt und welche Gremien künftig den Präsidenten oder die Präsidentin des neuen Werks wählen dürfen. Wieder offen ist außerdem die Frage des Standorts. Lange Zeit hatten das Diakonische Werk und der EED zusammen mit der Berliner Stadtmission auf deren Gelände in der Lehrter Straße ein Evangelisches Zentrum geplant.

Anfang November ist dieses Projekt aber geplatzt, weil Bonn und Stuttgart Zweifel daran hatten, dass es sich bis Ende 2012 realisieren lässt. Das Gelände an der Lehrter Straße ist kein freies Baufeld, und die Berliner Stadtmission konnte noch nicht allen 57 Mietern in den Wohnhäusern kündigen. Der EED und das Diakonische Werk sind aber als Arbeitgeber rechtlich verpflichtet, ihren Belegschaften das Datum der Betriebsstättenverlagerung verlässlich anzugeben.

Dieser Termin liegt nun offiziell im Oktober 2012. Voraussichtlich wird das Evangelische Werk für Entwicklung und Diakonie dann in der Caroline-Michaelis-Straße im Bezirk Mitte seine Arbeit aufnehmen. Dort plant der Baudienstleister Hochtief einen Neubau. Noch in diesem Jahr soll der Mietvertrag unterzeichnet werden.

erschienen in Ausgabe 12 / 2010: Staatsaufbau - Alles nur Fassade?

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