Kein Kampf der Kulturen

Die Proteste gegen das Schmähvideo in islamischen Ländern spiegeln innenpolitische Konflikte wider

Der erste Eindruck erinnert an die These vom Kampf der Kulturen: Ein paar Eiferer in den USA stellen Auszüge eines geschmacklosen und dilettantischen Schmähfilms über den Propheten Mohammed ins Internet. Die Folge sind wütende Proteste vor westlichen Botschaften in vielen islamischen Ländern. Im libyschen Bengasi wird der US-Botschafter getötet, im Sudan legt eine aufgebrachte Menge Feuer an die deutsche Vertretung. Es scheint, als brächten gegensätzliche Haltungen zur Meinungsfreiheit und zur Achtung der Religion den Westen und die islamische Welt auf Kollisionskurs. Doch genau besehen zeigt der Vorgang das Gegenteil: Es ging in erster Linie um Konflikte innerhalb der jeweiligen Gesellschaften, nicht zwischen ihnen.

Zwar können islamkritische Äußerungen aus dem Westen in islamischen Ländern bemerkenswert heftige Emotionen auslösen. Nicht nur weil die Religion dort eine große Rolle im sozialen Leben und für das kulturelle Selbstverständnis spielt, sondern auch wegen des tiefen Misstrauens gegenüber dem „Westen“. Dieses Feindbild wird genährt von Erfahrungen der Unterlegenheit und Missachtung – vom Kolonialismus bis hin zum Krieg gegen den Terror. Daher können abfällige Äußerungen über den Islam aus den USA oder Europa, nicht aber aus Korea, Russland oder Südafrika zu empörten Reaktionen führen.

Autor

Bernd Ludermann

ist Chefredakteur von "welt-sichten".

Aber ob, wann und wie das geschieht, hängt von Auseinandersetzungen im betreffenden Land ab. Die meisten spontanen Proteste gegen das Video waren eher klein, wurden aber vielfach aus politischem Kalkül angefacht. Sie begannen in Ägypten, als im September ein für Angriffe auf Christen und Liberale bekannter Fernsehsender das Video ausstrahlte – da stand es schon monatelang unbeachtet online. Vertreter der Salafisten, einer sehr strengen islamischen Strömung, machten sich dann zum Wortführer der Proteste. Ihre Parteien hatten die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen gegen die gemäßigteren Muslimbrüder verloren und nutzten die Chance, deren Regierung in Verlegenheit zu bringen.

In Libyen schwelte ein ähnlicher Konflikt. Salafistische Milizen hatten etwa im Osten des Landes Heiligtümer der Sufi, einer mystischen und toleranten Richtung des Islam, geschändet. Sie fanden für ihre rigiden Moralvorstellungen keine Mehrheit und griffen zu Gewalt – und dann zum Feindbild USA: Eine Miliz war nach der Ausstrahlung des Videos am Angriff auf die US-Botschaft in Bengasi maßgeblich beteiligt. Das löste indes Demonstrationen gegen Salafisten aus; eine ihrer Milizen hat sich seitdem aufgelöst und die Regierung wendet sich entschiedener gegen alle bewaffneten Gruppierungen.

Anders liegt der Fall Sudan. Hier herrscht ein Regime, das sich auf einen islamischen Staat verpflichtet hat. Doch es musste 2011 die Abspaltung des Südsudan und damit den Verlust eines Großteils seiner Erdölfelder hinnehmen. Khartum bringt auch mehrere Rebellionen in Randgebieten wie den Nuba-Bergen nicht unter Kontrolle und musste Mitte dieses Jahres wegen des Niedergangs der Wirtschaft die Subventionen für Benzin streichen. Das löste anhaltende Proteste in der Hauptstadt aus. Die Opposition ist zwar schwach organisiert und Opfer von Repressionen. Das islamistische Regime ist aber angeschlagen und anscheinend uneins. So stachelte es die Empörung über das Video an und verlangte mit scharfen Worten, der Westen solle den Film verbieten. Doch auch hier nutzten salafistische Gruppen, gedeckt von einzelnen Mitgliedern der Regierung, die Gunst der Stunde: Sie beschlossen am Vorabend des Aufruhrs, nicht friedlich zu demonstrieren, sondern die Botschaften regelrecht anzugreifen. Die Polizei ließ sie dabei zunächst gewähren und schritt erst spät zum Schutz der Diplomaten ein.

In allen drei Ländern ist offenbar der Wettstreit, wer den Islam und die Würde der Muslime am entschiedensten verteidigt, Teil der Kämpfe um Macht und Legitimität. Und die verschärfen sich, wo autoritäre Regime stürzen oder in eine Krise geraten – also gerade mit einer Demokratisierung. Nicht zufällig gab es in Tunesien, Ägypten und Indonesien Proteste gegen das Video, aber nicht in Saudi-Arabien: Da herrscht eine besonders strenge Variante des Islam, doch die Regierung und der Klerus sind einig, sitzen fest im Sattel und dulden keine Volksbewegungen.

Schmähungen des Islam in Europa und den USA richten sich ebenfalls meist an das heimische Publikum: Fremdenfeindliche Parteien und Gruppen benutzen sie, um Wähler zu fangen. Im August zeigten stramm rechte Gruppen aus Deutschland, Belgien und Österreich in Berlin Mohammed-Karikaturen, um die „Islamisierung Europas zu stoppen“; das war ein Grund dafür, dass der Zorn im Sudan auch Deutschland traf. Demokratie bringt leider auch Demagogen hervor – in allen Kulturen. 

erschienen in Ausgabe 10 / 2012: Spuren des Terrors

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