„Wir werden uns noch besser politisch äußern können“

Ein neues großes Werk entsteht: Im Juni verschmelzen das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, „Brot für die Welt“ und die Diakonie Katastrophenhilfe in Stuttgart mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Bonn zum „Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung“. Im Oktober wird es sein neues Quartier in Berlin beziehen. Cornelia Füllkrug-Weitzel – jetzt Direktorin von „Brot für die Welt – wird dem entwicklungspolitischen Zweig namens „Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst“ vorstehen und Claudia Warning, die heute dem Vorstand des EED angehört, wird dessen internationale Arbeit leiten.

Wie wird der entwicklungspolitische Zweig des neuen Werks sich aufstellen? Was sind seine Stärken und Schwächen?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Wir bringen mehrere Stärken zusammen. „Brot für die Welt“ hat zum Beispiel einen Fokus auf den Themen Menschenrechte und Ernährung und bringt da Gewicht ein. Diese Themen liegen auch dem EED am Herzen, so dass das gute, starke Schwerpunkte werden. Der EED bringt noch Fachleute für andere Themen mit wie beispielsweise Umwelt und Biodiversität. Als neues Werk werden wir uns politisch zu noch mehr Themen als bisher kompetent verhalten können und müssen. Die Rolle der Kirchen in der Entwicklungszusammenarbeit werden wir ebenfalls stärken, weil wir uns mehr als früher um die ökumenische Zusammenarbeit und die theologische Grundsatzarbeit kümmern werden – also um die Frage: Wo liegen eigentlich unser spezifischer Ansatz und unsere spezifischen Chancen? Wie nutzen wir die Tatsache, dass wir weltweit vernetzt sind, etwa über das Netzwerk der europäischen kirchlichen Hilfswerke APRODEV, über den Ökumenischen Rat der Kirchen und die ACT Alliance? Wie nutzen wir das für die Anwaltschafts-Arbeit und für den Aufbau von Kapazitäten bei den Partnern im Süden? Unter anderem das werden künftige Schwerpunkte sein. Wir werden starke Partner sein in der Ökumene, nicht nur finanziell.

Claudia Warning: Weiterführen und ausbauen sollten wir die Arbeit zu sozialer Grundsicherung, etwa bei Gesundheit und Bildung. Das ist ein zentrales kirchliches und biblisch verankertes Thema. Der EED ist im Gesundheitsbereich relativ gut aufgestellt, im Bildungsbereich werden wir uns verstärken. Allein durch die Zusammenführung der drei Stipendienreferate des EED und von „Brot für die Welt“ und die Synergien, die wir damit erzielen, werden wir ein gutes Stück weiterkommen in der Bildungsförderung. Außerdem können wir den Dialog der Kirchen untereinander zu all diesen entwicklungspolitischen Themen fördern.

Welchem Leitbild folgt das neue Entwicklungswerk?

Warning: Über die Strategie – einerseits für Sektoren, andererseits für Länder – müssen wir im Detail noch diskutieren: Was heißt Entwicklung für uns? Was heißt Entwicklung für unsere Partner? Und wie binden wir sie künftig mehr und besser ein? Partner kommen auf uns zu und sagen: „Wir wollen eine strategische Partnerschaft, keine Projektpartnerschaft.“ Was heißt das genau? Die Partner erkennen auch, dass wir an den großen entwicklungspolitischen Fragen gemeinsam arbeiten müssen, also uns verständigen müssen über politische Ziele und Positionen und darüber, wie wir das in die maßgeblichen Foren einbringen. In der Zusammenführung der beiden Politikabteilungen sehe ich einen großen Gewinn. Zum Beispiel hatte der EED das Thema Menschenrechte längst nicht so stark wie „Brot für die Welt“. Der EED wiederum ist im Bereich Biodiversität stärker. Das können wir jetzt kombinieren. Das ist mehr als eine bloße Addition, denn viele Themen hängen miteinander zusammen und können sich gegenseitig verstärken.

Welchen Stellenwert wird die entwicklungspolitische Inlandsarbeit haben?

Warning: Das bringt der EED stark mit ein. Da wollen wir keine Abstriche machen, das ist uns nach wie vor ganz wichtig. Wir sind im Gespräch mit den Landeskirchen, wie wir das noch verstärken können.

Füllkrug-Weitzel: Das hat zwei Aspekte: Der eine ist die Unterstützung von Eine-Welt-Gruppen, Netzwerken und Initiativen in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in der Tradition des Ausschusses für entwicklungspolitische Bildung und Publizistik (ABP). Die soll natürlich fortgeführt werden. Das andere ist die Frage, wie die Kirchen selbst ihre Verantwortung besser wahrnehmen können. Wir werden als neues Werk die entwicklungspolitische Bewusstseinsbildung im kirchlichen Raum sicher mehr unterstützen als bisher – nicht nur finanziell, sondern auch als Impulsgeber oder beratend.

Im Prozess der Fusion wurde in kirchlichen Kreisen die Sorge geäußert, mit der Zentralisierung des neuen Werks in Berlin könnte die regionale Verankerung in den Kirchen verloren gehen.

Füllkrug-Weitzel: Wir nehmen genau den entgegengesetzten Weg, um dieser Sorge – die zum Teil etwas hochgeputscht und künstlich war – entgegenzuwirken. Wir hatten einen guten Diskussionsprozess mit und zwischen den Beauftragten für den Kirchlichen Entwicklungsdienst (KED) einerseits und den Referenten für Ökumenische Diakonie (RÖD) in den regionalen Diakonischen Werken andererseits über ihre jeweiligen Rollen und eine mögliche Arbeitsteilung. Die KED-Beauftragten sind ja bei den Landeskirchen angestellt, haben aber traditionell eine enge Verbindung zum EED und sollen diese auch unbedingt behalten. Die RÖDler haben sich in den bisherigen diakonischen Strukturen für die bewusstseinsbildende und Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Es soll nun überall Vereinbarungen zwischen KED-Beauftragten und RÖDlern geben, die regeln, wer was macht, damit nichts unabsichtlich doppelt getan wird, sondern gemeinsam mehr erreicht werden kann. Das wird dann auch in einen größeren Rahmen gestellt mit den Planungen aller anderen Kräfte in den Landeskirchen, die entwicklungspolitisch unterwegs sind. Dazu gab es Konsultationen in allen Landeskirchen. Wir haben damit deutlich gemacht, dass wir mit den Kirchen stärker zusammenarbeiten und keineswegs isoliert in Berlin unser Ding machen wollen. Uns ist bewusst, dass wir gerade aufgrund unserer Größe eine wichtige Verantwortung in der Unterstützung der entwicklungspolitischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit in den Landeskirchen haben.

Gibt es Überlegungen, weitere Büros oder Verbindungsstellen des neuen Werks in Partnerländern einzurichten?

Warning: Nein, bisher nicht. Derzeit läuft eine Evaluierung zu den EED-Verbindungsstellen, die ja zunächst als Pilotprojekte konzipiert sind. Die Evaluierung wird vermutlich im Mai oder Juni fertig sein und auf dieser Grundlage werden wir das Konzept weiterentwickeln – beziehungsweise die Grundsatzfrage klären, ob das neue Werk überhaupt Verbindungsstellen haben wird oder nicht. Nach meiner Einschätzung haben wir hinreichende Hinweise darauf, dass die Verbindungsstellen gut funktionieren: Die Evaluierung bei „Brot für die Welt“ hat Wirkungen dieser Stellen nachweisen können, und beim EED wird das nicht viel anders aussehen, zumal wir ja heute schon zwei der Verbindungsstellen gemeinsam betreiben. Meine Vorhersage ist, dass wir ein Konzept für Verbindungsstellen erarbeiten werden, wobei ich keine Priorität des neuen Werks darin sehe, die Zahl der Verbindungsstellen schnell auszuweiten.

Füllkrug-Weitzel: Unsere beiden Werke sind in der Ökumene bekannt dafür, in diesem Punkt sehr zurückhaltend zu sein. Wir sehen den Nutzen von Verbindungsstellen, und die Partner sind ihnen gegenüber sehr offen und fragen danach. Aber unser Fokus ist nun mal der Aufbau von lokalen Fähigkeiten und nicht die Präsenz vor Ort.

Wie ist das neue Entwicklungswerk strukturiert?

Füllkrug-Weitzel: Die gesamte Förderarbeit – die personelle und finanzielle Förderung, Stipendien und so weiter – liegt im Bereich Internationale Programme und damit in der Verantwortung von Frau Warning. Die Inlandsarbeit, die politische Arbeit, die Öffentlichkeitsarbeit, das Fundraising und die Katastrophenhilfe liegen in meinem, dem Präsidialbereich.

Warning: Der Bereich internationale Zusammenarbeit ist im Wesentlichen regional strukturiert – Asien, Afrika, Lateinamerika – bis auf eine Abteilung, in der sich unter anderem die ökumenischen Partnerprogramme, die weltweiten Partner, die zwischenkirchliche Hilfe, die wir ausbauen wollen, und die Stipendien finden.

Die Leitungen der Abteilungen und Referate sind inzwischen komplett besetzt?

Füllkrug-Weitzel: Die Abteilungsleitungs-Stellen sind alle besetzt und die Referatsleitungen fast alle.

Wie viele Mitarbeitende des EED und von „Brot für die Welt“ gehen mit nach Berlin?

Warning: Etwa drei Viertel. Wir haben mit fast allen Mitarbeitenden Verträge geschlossen. Einige Stellen sind vakant, weil Personen nicht mitgehen. Wenn alle Rechtsansprüche auf Beschäftigung geregelt sind, wird es für die dann vakanten Stellen eine Bewerbungsrunde für Mitarbeitende geben, die auf befristeten Verträgen sitzen. Mitte Juni müssen die restlichen Stellen besetzt sein.

Wie wird sich das neue Werk in der deutschen nichtstaatlichen Entwicklungszusammenarbeit verorten?

Füllkrug-Weitzel: Das kann man noch nicht klar beantworten. Wir müssen aber damit umgehen – auch im Gespräch mit anderen Organisationen –, dass wir der mit Abstand größte Spieler sein werden. Wir werden uns bemühen müssen, einerseits als nicht zu dominant zu erscheinen und alles an die Wand zu drücken. Andererseits müssen wir auch klarmachen, dass wir nicht zwingend der Geldgeber für die gesamte Bewegung sind.

Warning: Auch wenn das einige so sehen.

Füllkrug-Weitzel: Das ist aber nicht Sinn der Fusion gewesen. Da müssen wir die richtige Balance finden, auch mit den Gesprächspartnern in den Netzwerken. Klar ist, dass wir in allen Netzwerken bleiben, in denen wir derzeit Mitglied sind.

Warning: Wir haben mit allen Netzwerken wie zum Beispiel Venro gesprochen, die nun nicht nur ein Mitglied, sondern auch einen Mitgliedsbeitrag verlieren. Uns hingegen geht eine Stimme in den Mitgliederversammlungen verloren. Wir sind aber künftig eben nur noch eine Organisation mit der Folge, dass die Netzwerke eventuell ihre Beitragsordnungen anpassen müssen. Das ist in den wichtigsten Netzwerken wie Venro und Aprodev auch geschehen.

Füllkrug-Weitzel: Die Kirchen erwarten von der Fusion Synergieeffekte und dass es billiger wird, wenn wir zusammengehen. Alle Netzwerke hingegen, in denen wir Mitglied sind, auch auf internationaler Ebene, erwarten, dass wir ungebrochen Beiträge in bisheriger Höhe zahlen, als wären wir noch zwei. Das passt nicht zusammen.

Wird sich mit dem größeren Gewicht des neuen Werks auch Ihr Verhältnis zur staatlichen Entwicklungszusammenarbeit verändern?

Warning: Ich glaube, zunächst nicht. Der Staat weiß gut, was er an den Kirchen hat – und denkt dabei nicht nur an den EED, der staatliche Mittel erhält, sondern „Brot für die Welt“ immer mit. Insofern glaube ich nicht, dass es hier eine echte Umorientierung gibt. Eine größere Rolle wird der neue Standort spielen. In Berlin können wir viel aktiver an Diskussionen teilnehmen. Das ist wichtiger als die Frage, ob der EED und „Brot für die Welt“ nun legal oder im Geiste Christi zusammen sind. Egal welche politische Färbung das Entwicklungsministerium in der Vergangenheit hatte: Die Kirchen waren immer eine wichtige Größe als gesellschaftliche Kraft. Wenn wir nur als neue, größere Entwicklungsagentur kämen, hätte das nicht so viel Gewicht wie die Tatsache, dass hinter uns die gesamte Kirche steht.

Füllkrug-Weitzel: Das Ministerium weiß auch, dass wir nach der Fusion das Entwicklungswerk in Deutschland sind, das die meisten Eigenbeiträge aus der Zivilgesellschaft einbringt – also nicht nur Geld erhält, sondern auch sehr viel mitbringt.

Manche Mitarbeitende von „Brot für die Welt“ waren bisher auf Distanz zum Staat bedacht. Das ändert sich jetzt, oder?

Füllkrug-Weitzel: Alle Mitarbeitenden beider Werke, ihre Leitungen und die Kirchen insgesamt sind auf die Unabhängigkeit des eigenen Handelns bedacht – das heißt auf das Recht, eigene Prioritäten in der Förderpolitik zu setzen, eigenen Prinzipien zu folgen und politische Vorgänge eigenständig zu bewerten. Solange das nicht infrage gestellt war und ist, gab und gibt es keine Probleme mit staatlichen Zuwendungen. Es gab eine Menge Vorurteile in beiden Werken darüber, wer unabhängiger ist, die wahrscheinlich alle nie zutreffend waren.

Das Gespräch führten Tillmann Elliesen und Bernd Ludermann.


Claudia Warning
gehört dem Vorstand des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) an.

Cornelia Füllkrug-Weitzel
ist Direktorin von „Brot für die Welt“.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2012: Digitale Medien: Das Versprechen der Technik

Neuen Kommentar schreiben