Unter Menschen in derselben Lage ist gegenseitiger Beistand selbstverständlich: Bewohner eines Slums in Neu-Delhi versuchen im Juni 2012 gemeinsam, ein Feuer zu löschen.

Den Nachbarn helfen – und den Fremden

Spenden oder streiken: Solidarität hat viele verschiedene Formen. Ihre Wurzeln lassen sich in allen Religionen wiederfinden. Sie geht über Ländergrenzen hinweg. Doch was ist entscheidend dafür, zu wem ein Mensch sich solidarisch verhält?

Zu Beginn der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs ist der fast schon vergessene „Solidaritätszuschlag“ zurück auf der Tagesordnung. Seinen ursprünglichen Zweck als Transferleistung zwischen Ost und West hat er zwar weitgehend verloren. Doch die Diskussion bietet Gelegenheit, über die Grundlagen des Zusammenlebens in Deutschland rund 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nachzudenken. An Aufrufen zur Solidarität mangelt es aber auch jenseits deutscher Grenzen nicht. Nahezu täglich appellieren  Hilfsorganisationen daran zugunsten der Opfer humanitärer Krisen. Aufgebrachte griechische Demonstranten fordern sie ebenso ein wie jüngst die Betroffenen der Flutkatastrophe zwischen Donau und Elbe.

Autor

Daniel Maul

ist Historiker an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er leitet ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt zur humanitären Auslandshilfe im 19. und 20.Jahrhundert.

Solidarität ist ein vielschichtiger Begriff, dessen leicht schwammiger Bedeutungsgehalt seinen Gebrauchswert nicht zu beeinträchtigen scheint. Er beschreibt ein soziales Phänomen, dient gleichzeitig als moralische Maxime und politischer Kampfbegriff. Was bedeutet Solidarität? Mit wem bilden wir Solidargemeinschaften? Was entscheidet darüber, wem gegenüber und in welcher Form wir uns solidarisch verhalten?

Solidarität (von lateinisch „solidus“: gediegen, fest, beständig) beschreibt laut Brockhaus eine „Vorstellung politisch-sozialer Brüderlichkeit“, verbunden mit der Bereitschaft, an der Beseitigung von Ungerechtigkeit, Elend oder Unterdrückung mitzuwirken. Sie bezeichnet gleichzeitig eine Haltung und das daraus folgende Handeln. Mit ihrem Wesen setzt sich seit fast zwei Jahrhunderten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen auseinander. Der französische Soziologe Emile Durkheim erhob zu Beginn des 20. Jahrhunderts Solidarität zu einem gesellschaftlichen Kernprinzip. Er ging davon aus, dass der Zusammenhalt moderner, industrialisierter, arbeitsteiliger Gesellschaften im Wesentlichen von der Solidarität ihrer Mitglieder untereinander abhängt.

Durkheim benutzte den Begriff im Sinne einer grundsätzlichen Anerkennung wechselseitiger Abhängigkeit. Mittels Erziehung, Rechtsetzung und weiterer Faktoren entsteht der Kitt sozialer Verbindlichkeit, der ein gesellschaftliches Zusammenleben erst möglich macht. Durkheims reichlich abstrakter Begriff der „organischen Solidarität“ lässt sich recht mühelos in die global verflochtene Welt der Gegenwart übertragen, um Formen der Solidarität über nationale Grenzen hinweg zu erklären.

Doch zunächst ein weiterer Blick zurück: Folgenreich war hierzulande die Aneignung des Solidaritätsbegriffs durch die Arbeiterbewegung. Solidarität ergab sich nach dem Verständnis der frühen deutschen Sozialdemokratie aus dem gemeinsamen Interesse der Arbeiterinnen und Arbeiter, „das Kapital“ zu bekämpfen. Erst allmählich lockerte sich dieses konfrontative Verständnis. Mit der Zeit wurde Solidarität zu einem Anspruch, der sich an die gesamte Gesellschaft richtet. Ziel war nicht allein die Emanzipation der Arbeiterklasse, sondern ein allgemeiner Zustand sozialer Gerechtigkeit. Damit gab es zunehmend Überschneidungen mit dem Solidaritätsverständnis der christlichen Soziallehre, das eine allgemeine Gültigkeit beansprucht und sich an Ideen sozialer Harmonie orientiert. Beide Traditionen fanden ihren Niederschlag in Institutionen solidarischen Wirtschaftens, in Kooperativen und Genossenschaften sowie in der Gestaltung des deutschen Sozialstaats. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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