Märkte brauchen Moral

Die vier großen ökumenischen Organisationen setzen sich für eine gerechtere Wirtschaftsordnung ein. Welchen Beitrag die Mitgliedkirchen dazu leisten können, haben Ende August in Bossey in der Schweiz Kirchenvertreter mit internationalen Wirtschaftsexperten diskutiert.

Die Frage nach einer gerechteren Wirtschafts- und Finanzordnung beschäftigt die Ökumene der protestantischen und orthodoxen Kirchen seit längerem. Im Oktober vergangenen Jahres haben der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WCRC), der Lutherische Weltbund (LWF) und der Weltmissionsrat (CWM) die sogenannte São-Paulo-Erklärung verabschiedet. Darin fordern die vier Organisationen ein gerechteres globales Finanz- und Wirtschaftssystem. Transparenz, soziale Teilhabe für alle, Gendergerechtigkeit, Umweltschutz sowie „Grenzen der Gier“ sind die Schlagworte in der São-Paulo-Erklärung. Wirtschaftsexperten haben nun in Bossey mit den Kirchen über mögliche Schritte zu diesem Ziel diskutiert.

Kommentar: Die Kirchen müssen selbstkritisch sein

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Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Barry Herman unterstrich die Bedeutung einer Finanztransaktionssteuer auf dem Weg zu einer gerechteren Wirtschaftsordnung. Mit diesem Instrument könne der Geist der São-Paulo-Erklärung Wirklichkeit werden. Herman prangerte außerdem die Steuerflucht an. „Steuerflucht ist kein Vergehen an einer gesichtslosen Bürokratie, sondern ein Verbrechen an den Bürgern, die mehr Steuern zahlen müssen, weil andere nicht zahlen wollen.“ Zu den Steuerflüchtigen gehörten überwiegend große Firmen. Das Finanzsystem müsse umgestaltet werden, um dem nicht weiter Vorschub zu leisten, sagte Herman, der unter anderem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Organisation Social Justice in Global Development ist.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) war Gerhard Wegner vom sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in Bossey als Experte dabei. „Die São-Paulo-Erklärung kann dazu beitragen, eine bürgerschaftliche Ökonomie zu schaffen, die politischen Zwecken und nicht privaten Interessen dient“, sagte der Theologe und Sozial­ethiker.

Gebraucht wird Geld auch von der Privatwirtschaft

Um Umweltgerechtigkeit zu schaffen oder die Armut wirksam zu bekämpfen, brauche es Geld – und dieses könne nicht allein vom Staat, sondern müsse auch aus der Privatwirtschaft kommen. „Transformative Investment“ nannte Wegner dieses Kapital. Dafür müsse allerdings ein moralischer Rahmen für die Märkte, insbesondere für die Finanzmärkte, geschaffen werden.

Die Empfehlungen der internationalen Expertengruppe sollen in Kürze an die Mitgliedskirchen der vier ökumenischen Organisationen weitergeleitet werden. Damit ist der São-Paulo-Prozess allerdings noch nicht beendet. Das Expertenteam wird sich voraussichtlich noch ein, zwei Mal treffen, um weitere Empfehlungen und Strategien für die Kirchen zu formulieren.

erschienen in Ausgabe 10 / 2013: Landrechte: Auf unsicherem Boden

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